Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1908 - Fritz Kummer
Chicago

Nach zwölfstündiger Fahrt schlängelten wir in eine Backsteinwüste hinein: Chicago.
   Chicago! Eine Gänsehaut bringt mir schon die bloße Erinnerung an diese Stadt. 'Die Hölle mit der offenen Klappe' wird sie von den Arbeitern genannt; die 'offene Stadt' heißen sie die Verbrecher. Beide haben recht.
   Man denke sich eines der gewöhnlichsten Fabrikdörfer so erweitert, daß es 191 Geviertmeilen bedeckt, den besten Teil der Straßen holperig und mit Schutthaufen, die Fußsteige bald einen halben Meter über, bald unter der Straßenfläche, dazu einen scharfen Wind, der die Reinigung, die Auflösung der Unrathaufen besorgt, und man hat ungefähr einen Begriff von der 'windigen Stadt'.
   Im Jahre 1830 bildeten einige elende Hütten mit etwa 100 Insassen Chicago, 1870 war die Einwohnerzahl auf 300.000 angewachsen, und 1912 auf 2.307.000. Der mit Riesenschritten sich vollziehenden Ausdehnung folgte keine entsprechende auf dem Gebiet der Verwaltung und der Gesundheitsfürsorge. Das Dorf von gestern blieb ein Dorf bis heute, es schob bloß seinen Zaun ruckweise vor sich hinaus, ohne den Unrat hinter sich zu beseitigen. Die Bevölkerung ist zum weitaus größten Teil in zwei- und dreistöckigen Backstein- oder Holzhäusern untergebracht. Die meisten dieser Buden haben wohl kaum einen Farbenpinsel zweimal gefühlt. Die Fußsteige sind mit Gerümpel oder Verkaufstischen bestellt und gar oft, wie in vielen amerikanischen Städten, mit Falltüren verschandelt. Die Beleuchtung ist unzureichend, das Ausgehen bei Nacht mit Gefahren verknüpft. Wie leicht kann man an einer unbeleuchteten Stelle einem Polizisten begegnen!
   Das Geschäftsviertel dieses Millionendorfes ist allerdings besser ausgebaut und auch reinlicher. Dort reiht sich Wolkenkratzer an Geschäftshaus. Dazwischen herum fleucht alles wie besessen. Das Getöse der Hoch- und der Straßenbahn treibt das Trommelfell ein. Im Norden der Stadt sind die Verkehrsadern freier, sauberer, von angenehm in die Augen fallenden Gebäuden gebildet. Im Weichbild des Südens finden sich breite Straßen von seltener Schönheit. Die Prachtbauten weisen nicht die ermüdenden Linien der Wolkenkratzer auf; aber schön können auch sie nicht genannt werden. Aus den Fenstern lugt Übersättigung, auf den Gesichtern liegt jener Zug von Anmaßung und Gefühllosigkeit, der Emporkömmlingen eigen ist. Hier entsteht das Gefühl der Einsamkeit, der Verlassenheit, das sich in demselben Maße steigert, als man weiter in den Bezirk der großen Fabriken und Schlachthäuser kommt. In diesem fühlt man den Fluch, der auf dem Proletariat lastet, in seiner ganzen unheimlichen Größe. Die beklemmende Luft, die aus Sinclairs 'Sumpf' strömt, wird hier zu lebendiger Kraft. Aus den Fabriken dringt Qualm und Getöse, aus den Schlachthäusern Gestank und Geblöke, aus den Behausungen grinst Armut, Bleichsucht und bleierne Gleichgültigkeit.
   Ein Leben ohne Rast, ohne Licht, ohne Freude zieht vorüber. Alles gleicht einem wilden Wirbel. Doch nur einen Augenblick. Schärferes Hinsehen entdeckt eine Ähnlichkeit der Bewegungen. Menschen, Natur und Häuser scheinen von gleicher Hand geformt, das Werk eines verdammt nüchternen Verstandes. Alles nur Teile der riesigen kapitalistischen Tretmühle. In ihren Dienst ist alles gepreßt, damit sich eine kleine Zahl Schmarotzer gemächlich mästen kann.
   Die noch unbrauchbaren oder abgeworfenen Teile der Tretmühle liegen auf der Straße. Hier schreit ein fünfjähriger zerlumpter Knirps Zeitungen aus, wohl um seine Geschwister zu ernähren; dort hält ein Industriekrüppel Schuhbänder und Bleistifte feil; drüben bieten die Frauen der Opfer der Tretmühle ihren Leib mit heiseren Stimmen und dreisten Blicken an. Damit man bei diesem Trauerspiel nichts vermisse, versucht hier eine Predigerin der Christenliebe Straßenjungen zu verprügeln, weil sie ihrem gelinden Zweifel an den Verheißungen aufs Jenseits in gottlos leichtsinnigen Worten Ausdruck gaben; und während eine andere in den Häusern mit roten Lichtern auf Seelenrettung auszieht, schreit die Heilsarmee mit Trompete und Pauke ihre eigene Patentmedizin für alle irdischen Übel aus.
   Seit Jahrzehnten windet sich Chicago in den Krallen gerissener Gesellen und kindischer Tröpfe, hinter denen allzumal die großen Kapitalgesellschaften stehen. Die unnatürlich rasche Ausdehnung der Stadt gab und gibt spitzbübischen Geschäftsrittern sowie anderen Nichtgentlemen passende Gelegenheit zur Ausübung ihres Handwerks. Das wird erleichtert durch die ungeheure Anhäufung fremder Arbeitermassen, die nichts haben als ihre Arbeitskraft und nichts verlangen als einen Ausbeuter. Diese Einwandererscharen können natürlich den verfaulten Boden auch nicht verbessern. Im Gegenteil. Auf dem sumpfigen Grund muß selbst der beste Menschenstoff, wie gute Äpfel von faulen, angesteckt, zur Fäulnis gebracht werden.
   Im Jahre 1903 glaubte Lincoln Steffens (in: 'The Shame of the Cities') die Stadt wenigstens halb frei von Korruption zu sehen. Seitdem ist sie wieder ganz frei - von Ehrlichkeit geworden. Wehe dem Proletarier, der in diesem Sumpf strauchelt oder kraftlos, das heißt unausbeutungsf'ähig wird. Weder auf Recht noch auf Barmherzigkeit kann er hoffen. Richter und Polizei sind bestechlich, Rechtsanwälte nicht selten in innigem Einverständnis mit den Schwerverbrechern der Ober- wie der Unterwelt. Hat der arme Mann Geld, einen Rechtsanwalt anzuwerben, so ist er sicher, das Geld bald loszuwerden und ebenso sicher, kein Recht zu finden.
   Gegen die Anarchie von oben ist zeitweilig eine Anarchie, oder was man so benannte, von unten entstanden. Das Ergebnis war natürlich Null. Oder es fiel davon ein störender Schatten in die Reihen der ernstlich kämpfenden Proletarier, der Sozialisten.
Die sozialistische Partei ist in Chicago noch schwach. Im Jahre 1910 sammelte sie 47.743 Stimmen, bei den Wahlen 1912 gaben von 427.000 stimmenden Bürgern 55.607 den roten Zettel ab. Bei meiner Anwesenheit bestanden in Chicago zwei sozialistische Tagesblätter, ein deutsches und ein englisches. Inzwischen ist das englische wieder eingegangen.
   Im Süden der Stadt liegen die Schlachthäuser. Sie bilden einen Bezirk, nein, eine Stadt für sich. Sie erstrecken sich auf eine Fläche von 500 Acker, wovon 450 mit Gebäuden bedeckt sind. Im Jahre 1912 wurden 16.487.000 Stück Vieh geschlachtet, die einen Wert von 375,6 Millionen Dollar darstellen.
   Der Weg zu den Schlachthäusern führt durch schier endlose Viehstände, worüber Eisenbahnlinien angelegt sind. Wer steinerne Gebäude erwartet, wird enttäuscht. Von außen gleichen die Bauten eher riesigen Scheunen als Schlachthäusern. Auf meinen drei Besuchen spähte ich vergeblich nach dem eigentlichen 'Sumpf', der Wurstmacherei. Diese ist fremden Augen entzogen. Seit Sinclairs Buch ist man anscheinend vorsichtiger geworden. Sinclair wollte die Herzen für die unglücklichen, mit fünf Dollar die Woche entlohnten Schlachtarbeiter rühren und traf dabei aus Versehen den Magen der Amerikaner. Dieser bäumte sich auf. Das Maß der Entrüstung gegen den das Volk vergiftenden Fleischtrust lief über. Man sagt, in Amerika überwache und rege die öffentliche Meinung die Regierung an. In der Tat, die Regierung setzte, dem Druck weichend, einen Untersuchungsausschuß ein. Was von dem Trust verlangt wurde, darüber ist wenig bekannt. Immerhin, die Wände wurden geweißt, Sägespäne gestreut, ja sogar für die Mädchen, die das Fleisch in Büchsen packen, Gelegenheit zum Händereinigen geschaffen. Soweit man sehen darf, ist es sauber. An manchen Stellen trieb der Führer allerdings verdächtig zur Eile an und vor die Türen, wo ein Schild den Besuchern den Eintritt verbietet, fläzte er sich mit seiner ganzen Breitseite.
   Die Arbeiterschaft stammt augenscheinlich aus der Einwandererschar. Die Mädchen sind hübsch aufgeputzt. Mit flinken Fingern ergreifen sie die auf dem am Arbeitstisch vorbeilaufenden Rollgang liegenden Fleischstücke und füllen sie in Gläser oder Blechbüchsen. Aufblick oder Lächeln oder Rast scheinen sie nicht zu kennen. Über alle wacht eine Aufseherin mit scharfem Blick.
   Beim Eintritt in eines der Schlachthäuser wird man von einer Dame, die durch ihre Körperfülle die Größe des Unternehmens wie des Gewinnes gut darstellt, mit Fleischerzeugnissen bewirtet, wobei sie über deren Nahrhaftigkeit erzählt. Als sie dann aber Wurst herumreichte, lähmte der Trieb der Selbsterhaltung meinen Arm. Seitdem mir ein Fleischergeselle in Pittsburg die Geheimnisse seiner Wurstküche enthüllt hat, stehe ich in den Reihen der leidenschaftlichen Wurstfeinde.
   Die tierischen Därme stellen in Amerika (und auch anderwärts) eher den Mülleimer der Metzgereien dar. Das Unsagbare, die Rohstoffe, wofür der Bürstenmacher, der Hornwarenfabrikant sowie der Dungwirtschaft betreibende Bauer gute Verwendung hätten, wird, mit fragwürdigen Fleischresten vermischt, in Därme verstaut. Das Erzeugnis wird dann mit einem entsprechenden Namen, zum Beispiel: 'Frankfurter mit Sauerkraut' in den Handel gebracht. Der deutsche Name überwindet nun zwar gar manches, aber er ist doch nicht heilwirkend genug, Erdbeben und Versandungen in dem sonst urkräftigen Speisebecken der 'besten Rasse auf Gottes Erde' zu verhüten. Wenn dann diese 'Frankfurter' in den Eingeweiden der guten Bürger lebendig werden, fluchen sie reichlich über das 'damned German meal' (verdammte deutsche Mahlzeit). Deswegen aber sollte ihnen niemand gram sein, selbst nicht der Sohn der guten Stadt Frankfurt, mit deren Namen hier so schändlich Mißbrauch getrieben wird. Man sollte sie bemitleiden und ihnen guten Appetit wünschen. Denn beides, besonders guten Appetit, haben sie dringend, sehr dringend nötig.
   Vierzehn Meilen von Chicago liegen die Pullmanwerke. Die Bedeutung dieser Fabriken für Eisenbahnwagen ist hinlänglich bekannt. Schon in weiter Entfernung erblickt man die Anlagen, die mit Turm und Mauer an eine Fronfeste gemahnen. Das sind sie wohl auch; sie werden eine Hochburg des 'Benevolent Feudalism', des wohltätigen Feudalismus, genannt.
   In der Kanzlei wurde mir für die Besichtigung der Werke ein Führer angeboten. Ich lehnte ihn dankend ab, da ich selbst im Fache etwas beflissen sei. So durfte ich allein ziehen. Oder auch nicht. Bei jedem Austritt aus einer Werkstatt kam es mir vor, als wenn in artiger Entfernung ein Schatten folge. Die Arbeiter wollte ich in der Fabrik nicht um Auskunft angehen, um nicht gegen die auf der Durchlaßkarte ausgedrückte Bitte, nicht bei den Arbeitern, sondern bei der Verwaltung Auskunft zu suchen, zu verstoßen. Über die technische Einrichtung dieser Riesenbetriebe wage ich nichts zu sagen. Die Werkstätten waren durchgehend sauber und gut gelüftet; sie könnten damit mancher unserer deutschen Eisenbahnwerkstätten zum Vorbild dienen. Zur Mittagszeit suchte ich mich außerhalb des Fabrikzauns einigen Arbeitern zu nähern. Nahezu umsonst. Entweder hatten sie keine Zeit oder waren mißtrauisch, oder sie waren der englischen Sprache nicht mächtig. Daß viel fremdsprachige Arbeiter in der Fabrik beschäftigt sind, bezeigte neben anderem die in sechs Sprachen gehaltene Bekanntmachung, daß englischer Unterricht unentgeltlich gegeben werde.
   Die 'Pullman City' (Pullmanstadt) ist im Jahre 1881 von George Pullman erbaut worden. Sie sollte eine Musterstadt werden. Das ist sie auch - für den Unternehmer. Die Ein- und Zweifamilienhäuser allesamt schlichte Backsteinbauten. Kein Aushängeschild, keine Unebenmäßigkeit entdeckt das Auge. Die verschämte Tafel einer Hebamme zeigt, daß die Lohnsklaven auch hier für Nachwuchs für ihre Herren sorgen. Läden, Bank, Bibliothek und Speisehaus sind in einem Hauptgebäude, der Arkade, untergebracht. Das Florence Hotel ist, soweit zu sehen war, die einzige Bierschankstelle. Darin wird ein Stoff verzapft, der den Freunden der vollständigen Enthaltsamkeit gute Dienste leisten kann.
   Alle Fabrikarbeiter sowie die Ärzte, Geistlichen, Leichenbestatter usw., kurz alle 20.000 Einwohner, stehen im Brote, leben von der Gnade der Pullmangesellschaft. Alles arbeitet für sie, wohnt, ißt und stirbt bei ihr. Für etwaige Spargroschen ist eine Bank errichtet. Kein unabhängiger Mann, geschweige denn ein sozialistischer Werber kann sich in dieser Musterstadt einnisten. Seit dem großen Ausstand des Jahres 1894 hört man nichts mehr von Kampfesstimmung unter den Pullmanarbeitern. Regierung für das Volk, wenn es den Gewinn erhöht! Das ist der Wahlspruch des wohltätigen Feudalismus.

Kummer, Fritz
Eines Arbeiters Weltreise
Erstausgabe Stuttgart 1913; Nachdruck Leipzig und Weimar 1986

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