Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1802 - Pamphile de Lacroix
Toussaint Louverture
Haiti

Bei den Abendgesellschaften wagte man nicht zu fehlen, wenn man dazu aufgefordert worden war. Diese Veranstaltungen waren sehr prächtig. Es gab zwei Arten von Gesellschaften.
   Zu den großen wurde man geladen. Toussaint Louverture trug dann die normale Uniform eines Generals. Sein einfaches Aussehen kontrastierte mit der prunkvollen Umgebung, aber er trat immer ausgesprochen würdevoll auf. Wenn er im großen Saal [des Regierungspalastes in Port-au-Prince] erschien, wo sich die Gesellschaft versammelt hatte, hatte sich jeder, gleich welchen Geschlechts, zu erheben. Er legte Wert auf gutes Benehmen und liebte die feinen Manieren der Weißen und war sehr empfindlich in dieser Hinsicht. Wenn er beeindruckt war, rief er aus: »A la bonne heure! So zeigt man sich!« Dann wandte er sich den schwarzen Offizieren seines Gefolges zu und sagte: »Sie Neger, beachten Sie diese Manieren und lernen Sie, so aufzutreten, wie es sich gehört. Voilà, so benimmt man sich, wenn man in Frankreich erzogen worden ist; meine Kinder werden es einmal auch so tun.«
   Er bestand darauf, dass die Frauen, und vor allem die weißen Damen, sich so kleideten, als ob sie zur Kirche gehen wollten, und das Dekollete ganz bedeckten. Man hat mehrere Male beobachtet, wie er seine Augen abwandte und in verweisendem Ton ausrief, es gehöre sich nicht, dass ehrbare Frauen es so an Anstand fehlen ließen. Man hat auch beobachtet, wie er sein Schnupftuch einem jungen Mädchen über die Brust warf und dabei mit kräftiger Stimme zu dessen Mutter sagte, dass Zurückhaltung der Schmuck ihres Geschlechtes sein sollte.
   In diesem Kreis sprach er immer nur von Damen, sowohl in Hinsicht auf die Frauen der alteingesessenen Pflanzer wie auch die der Ausländer, die sich hier aufhielten. Alle redete er mit Madame an. Wenn er mit farbigen Frauen sprach, und insbesondere mit schwarzen, benutzte er den Ausdruck Citoyenne [Bürgerin]. Jede weiße Frau wurde zu ihm vorgelassen, von den anderen empfing er nur die, deren Ehemänner wichtige Posten innehatten.
   Wenn er mit jedem geplaudert und eine Runde durch den Saal gemacht hatte, kam er zu der Tür zurück, durch die er eingetreten war, verbeugte sich sehr höflich, drehte den Kopf nach links und rechts, machte eine grüßende Geste mit beiden Händen und zog sich langsam mit seinen Offizieren zurück.
   Die kleinen Gesellschaften fanden fast jeden Abend statt und waren öffentlich. Zu ihnen erschien Toussaint Louverture gekleidet wie die alten Pflanzer auf ihren Plantagen, das heißt, er trug Hose und Weste aus feinem Leinen und einen gleichfarbigen Turban um den Kopf geschlungen. Alle Bürger kamen in den großen Saal und er sprach mit jedem.
   Er hatte Spaß daran, die Schwarzen, die zu diesen Gesellschaften kamen, in Verlegenheit zu bringen. Er war freundlich zu denen, die Respekt und Bewunderung bezeugten. Aber wenn ein Schwarzer auf seine Fragen mit einem gewissen Selbstvertrauen antwortete, stellte er ihm in harschem Ton eine Frage über den Katechismus oder die Landwirtschaft, die den Schwarzen verwirrte und auf die der keine Antwort wusste. Er versäumte dann nie, dessen Verwirrung noch zu steigern, indem er ihm in deutlichen Worten sein Unwissen und seine Inkompetenz vorhielt. So behandelte er auch Schwarze und Farbige, die von ihm als Richter eingesetzt werden wollten: »Ja gut, ich nehme an, Ihr sprecht lateinisch.« »Nein, mein General!« »Wie? Ihr wollt Richter sein und sprecht kein Latein?« Dann überschüttete er alle mit einem Strom von lateinischen Sprüchen, die er aus den Psalmen oder von anderswo übernommen hatte und die keinerlei Bezug zum Thema hatten. Die Weißen verbissen sich das Lachen, denn in Gegenwart von Toussaint Louverture lachte man nicht, und die Schwarzen zogen sich zurück, zufrieden damit, dass sie zwar keine Richter werden konnten, ihr General aber lateinisch sprechen konnte.
   Wenn er seine Runde durch den großen Saal beendet hatte, zog sich Toussaint Louverture in einen Raum zurück, der vor seinem Schlafzimmer lag und ihm als Büro diente. Mit ihm kamen die Personen, mit denen er den Abend verbringen wollte. Der größere Anteil dieser Personen bestand immer aus besonders wichtigen Weißen. Er bat sie Platz zu nehmen, setzte sich auch selbst und sprach über Frankreich, seine Kinder, Religion, seine alten Herren, die Gnade, die ihm Gott erwiesen hatte, indem er ihn befreite und mit den Gaben ausgestattet hatte, die ihn den Posten ausfüllen ließen, auf den Frankreich ihn gestellt hatte. Er erörterte auch den Fortschritt der Kultur, des Handels, immer auch die neuen Strömungen der Politik. Er fragte jeden nach seinen Angelegenheiten, nach seiner Familie, und es hatte den Anschein, als ob ihn das wirklich interessiere. Er fragte die Mütter nach der Erziehung ihrer Kinder und ob sie sich um deren erste Kommunion kümmerten; und wenn er auf junge Leute traf, machte er sich ein Vergnügen daraus, sie über den Katechismus und die Evangelien zu befragen.
   Wenn er eine Gesellschaft beenden wollte, erhob er sich und machte eine tiefe Verbeugung. Alle brachen auf. Er begleitete seine Gäste bis zur Tür und verabredete einzelne Treffen mit denen, die mit ihm sprechen wollten, und zog sich dann mit seinen Sekretären zurück; mit ihnen arbeitete er gewöhnlich noch bis in die Nacht. Wie alle außergewöhnlichen Menschen hatte er ein Faible dafür, seinen Aufstieg in mysteriöse und kaum glaubliche Geschichten zu hüllen. Ein Kapuziner hatte ihn in seiner Jugend das Lesen gelehrt: Das konvenierte ihm nicht. Mit gutmütigem und vertraulichem Ton sagte er manchmal: »Seit dem Beginn der Aufstände habe ich gewusst, dass ich zu Großem ausersehen bin. Als ich die göttliche Eingebung erhalten habe, war ich 54 Jahre alt. Ich konnte nicht lesen und nicht schreiben. Ich hatte ein bisschen Geld; das habe ich einem Unteroffizier vom Regiment du Cap gegeben. Ihm ist zu danken, dass ich in wenigen Monaten meinen Namen schreiben und fließend lesen konnte.«
   Umgeben von 1.500 bis 1.800 Wachsoldaten, die ausgezeichnet gekleidet waren, und mit hunderten von Pferden, die ihm allein zur Verfügung standen, erschien Toussaint Louverture wie ein Prinz. Während seine Umgebung auf seinen Befehl mit Glanz und Gloria auftrat, blieb er immer zurückhaltend und nüchtern bis zur Abstinenz. Sein eiserner Körper bezog seine Ausdauer nur aus der Kraft seines Geistes, und als Meister seines Geistes war er auch Meister seines Körpers.
   In allen Städten der Kolonie hatte er ihm vertraute, alte schwarze Frauen, die ihm seine Gemüsesuppe zubereiteten, die er in einem Zimmer für sich verspeiste. Bei ihnen hatte er auch seinen Wein untergebracht, der in seiner Gegenwart abgefüllt und versiegelt wurde. Wenn er nicht in einer Stadt war, was häufig vorkam, beschränkte er seine Mahlzeiten auf ein Stück Zwieback und ein Glas Wasser pro Tag oder statt des Zwiebacks auf eine bis zwei Bananen oder zwei bis drei Kochbananen.
   Er schlief nicht mehr als zwei Stunden. Der unbedingte Wille zu herrschen war die treibende Kraft seines Lebens.
   Toussaint Louverture lebte seit dem Beginn der Revolution in der Welt der aufständischer Sklaven, umgarnt von Spaniern und Engländern, verbunden mit den Franzosen, im Kampf mit allen, und fühlte sich von allen betrogen; er hatte beizeiten die Notwendigkeit erkannt, sich zum Geheimnis zu machen. In welchem Alter auch immer, er lebte nach diesem Grundsatz; auch hatte ihn die Natur gut bedacht: Die Verstellung war der Grundzug seines Charakters. Man wusste nie, was er tat, ob er ging, ob er blieb, wohin er ging oder woher er kam. Oft wurde bekanntgegeben, er sei am Cap, war aber in Port-au-Prince. Wenn man ihn in Port-au-Prince glaubte, hielt er sich Cayes, Mole oder in Saint Marc auf.
   Hin und wieder sah man ihn in einer Reisekutsche abfahren; aber ein Stück weiter verließ er dann die Kutsche, die von Wachen begleitet ihren Weg fortsetzte, bestieg ein Pferd und ging mit einigen Offizieren auf Exkursionen dorthin, wo er nicht erwartet wurde. Bei einer solchen Gelegenheit kam er eines Tages knapp mit dem Leben davon: Er hatte seine Kutsche verlassen, als einige Farbige aus dem Hinterhalt heftig auf die Eskorte feuerten, mehrere Kugeln in die Kutsche einschlugen und einen schwarzen Diener tödlich trafen, der die Stelle seines Herrn eingenommen hatte.
   Toussaint Louverture verfügte über ausgezeichnete, sehr schnelle Pferde in allen größeren Ortschaften. Sie waren sein einziger Luxus, aber ein notwendiger Luxus, denn sie ermöglichten ihm ein schnelles Fortkommen und flexibles Arbeiten. Diese Pferde galoppierten nicht, sondern hatten einen eigentümlichen, genau so raschen Schritt. Auf einen französischen Packsattel legte man ein Federkissen, und darauf nahm Toussaint Louverture Platz. Häufig legte er ohne Pause mehr als 120 oder 160 oder sogar 200 Kilometer zurück, niemals weniger als 20 in einer Stunde. Er ließ fast alle hinter sich und erreichte immer wieder sein Ziel nur mit zwei Trompetern, denen er stets von den besten Pferden geben ließ.
   Keiner war besser imstande als Toussaint Louverture, die Inszenierung, in der er aufzutreten hatte, und den Charakter seiner Untergebenen zu einzuschätzen. Um die alten Plantagenherren für sich einzunehmen, nahm er ihre Eitelkeit und all ihre Besitzinteressen ernst und unterstützte sie mit all der moralischen Glaubwürdigkeit, die er bei den Schwarzen genoss.
   Die Soldaten betrachteten ihn als ein ganz besonderes Wesen, und die Plantagenarbeiter warfen sich vor ihm in den Staub wie vor einem Gott. Alle seine Generäle zitterten bei seinem Anblick (Dessalines wagte ihm nicht ins Gesicht zu sehen), und alle Welt zitterte vor seinen Generälen.
   Keine europäische Armee war jemals einer strengeren Disziplin unterworfen als die Truppen von Toussaint Louverture. Offiziere jeden Grades kommandierten mit der Pistole in der Hand und hatten Gewalt über Leben und Tod ihrer Untergebenen.
   Ein Besoldungssystem sicherte den Wohlstand der Generäle und höheren Offiziere; mit Versprechungen hielt man die Offiziere niedriger Dienstgrade und die Soldaten in einem Gehorsam, der sich wenig von der Sklaverei unterschied. Man sagte ihnen, sie seien frei, und sie glaubten das, weil man sie geschickterweise glauben ließ, sie stünden über den Plantagenarbeitern, und weil ein Soldat immer Recht bekam, wenn er mit einem schwarzen Nicht-Soldaten im Streit lag. An die damit geschaffene Überlegenheit der schwarzen Soldaten wurde geglaubt und ihnen immer gehorcht.
   Nachdem Toussaint Louverture die Oberherrschaft des Militärs sichergestellt hatte, scheute er sich nicht mehr, die Plantagenarbeiter zu bewaffnen.
   Die Summen, die er für die Beschaffung von Waffen und Munition zur Verfügung stellte, waren unglaublich hoch. Zum Teil machte er seine Käufe öffentlich, zum Teil ohne Wissen seiner Verwalter. Keiner außer ihm wusste genau über die Depots Bescheid, die er anlegte, und deren Verteilung auf die einzelnen Ortschaften.
   Unaufhörlich erinnerte er die Plantagenarbeiter daran, dass die Freiheit der Schwarzen durch den Bestand von Waffen und Munition gesichert wurde, über deren Bestand er sich durch häufige Inspektionen überzeugte. Bei diesen Inspektionen zeigte er sich und wurde mit der Zeit der Fetisch der Schwarzen, die ihn zu Gesicht bekamen.
   Um besser verstanden zu werden, sprach er in Gleichnissen. Oft demonstrierte er das folgende: In ein Glasgefäß voll schwarzem Mais mischte er einige weiße Körner und sagte seinen Zuhörern Folgendes: »Ihr seid die schwarzen Körner, die weißen Unterdrücker die weißen.« Dann zeigte er das Gefäß herum und erhielt faszinierte Blicke: »Und nun seht, wo die Weißen geblieben sind!« Damit wollte er Ihnen zeigen, wie gering die Anzahl der Weißen im Verhältnis war.
   Mehr als die Möglichkeiten, die sich durch die Umstände oder Vorschläge anderer ergaben, verfolgte Toussaint Louverture eigene Ideen mit seinen politischen Aktionen. Während er mit der Geschwindigkeit eines Blitzes die Kolonie zu Pferde durcheilte und die Verhältnisse selbst wahrnahm, bereitete er seine Maßnahmen vor, er dachte darüber nach, während er ritt; er dachte auch dann nach, wenn er so tat, als ob er inbrünstig betete.
   Die Regierungsarbeit, die ihm doch so fremd erscheinen musste, das Beantworten von 100, 200, 300 Briefen am Tag schien für ihn ein genau so großes Vergnügen zu sein wie sinnliche Freuden für andere Menschen.
   Trotz einer so großen Menge an Arbeit war es Toussaint Louverture nicht genug, seine Zeit damit hinzubringen, die Gewalt des Krieges zu einzudämmen. Er wollte sich nicht darauf beschränken, sein Verwaltungs- und Militärwesen zu verbessern. Sein Ehrgeiz wollte mehr und seine Gedanken richteten sich auf gewaltige Fortschritte unter seiner Regierung.

Lacroix, Pamphile de
Mémoires pour servir de la révolution de Saint Domingue
Paris 1819, Band 1
Übersetzung: U. Keller

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