Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1840 - Joseph John Gurney
Plantagenwirtschaft ohne Sklaven
Antigua

Vor der Küste Antiguas gibt es zahlreiche Riffe, und es war schon gefährlich, als wir in der Nacht vor der Einfahrt beidrehen mussten. Aber früh am nächsten Morgen kam ein Lotse an Bord, und wir erreichten sicher den wunderschönen Hafen von St. John's. Von See aus bietet die Insel, auch wenn sie wegen der merkwürdigen Formen der felsigen Hügel einzigartig ist, nicht so ein malerisches Bild wie St. Christopher [St. Kitts], aber die grünen und wohl geordneten Zuckerrohrfelder und die zahlreichen Schiffe im Hafen, die auf ihre Zuckerladung warteten, boten wieder einmal ein deutliches Bild von Wohlstand. Gegen Mittag gingen wir unterhalb des Forts vor Anker und wurden dann über eine weite Strecke in einem Boot nach St. John's gerudert. Die Stadt ist von einiger Größe, angenehm und luftig, und ist seit der Befreiung erweitert und verbessert worden. Wir hatten oft davon gehört, dass hier das Gelbfieber grassiere; eine Zeit lang hatte es Fälle eines bestimmten Typs gegeben, aber nun war es vorüber, und der letzte Fall war bald nach unserer Ankunft ausgestanden. Gute Zimmer und angenehme Unterhaltung erwarteten uns in einem Hotel, das von einer farbigen Frau namens Appleby geführt wurde.
   Obwohl es mir während der zwei Wochen unseres Aufenthaltes in Antigua gesundheitlich nicht gut ging, boten sich uns in schneller Reihenfolge viel Interessantes und manche Gelegenheit für Gottesdienste. Ein paar kurze Anmerkungen aus unseren Aufzeichnungen geben Aufschluss über den Entwicklungsstand der Kolonie.
   15. Januar. »Wie geht es mit den Arbeitern voran?«, fragte ich den Lotsen, der uns in den Hafen brachte. »Wunderbar«, sagte er, »acht Plantagen, die während der Sklaverei aufgegeben worden waren, werden jetzt wieder bewirtschaftet.« Diese Information wurde später im Prinzip bestätigt. Aber nur sechs der Plantagen waren aufgegeben gewesen, nämlich Potter's, Danning's, Jenning's, Patterson's, Tranquil Vale und Hill House. Die anderen beiden waren Betriebe für die Viehzucht. Nun sind alle acht Zuckerplantagen. Es kann nicht abgestritten werden, dass diese erste Information für Antigua Bände spricht.
   Gleich nach unserer Ankunft besuchten wir William Walker, Sekretär des Gouverneurs. Er teilte uns mit, dass unser Freund Cunningham und der Gouverneur für den nächsten Tag in St. John's erwartet wurden; sie waren in Dow's Hill, dem Landsitz von Sir William. Auf unsere Fragen zur Lage der Dinge erklärte er, dass die Arbeiter gut beschäftigt wären bei niedrigen Löhnen von sechs bis neun Pence pro Tag, mit den üblichen Vergünstigungen, aber dass sie auch zwei oder drei Shillings als Tagelöhner verdienen könnten, und das würde zunehmend üblich. Die letzte Zuckerernte betrug mehr als 20.000 Tonnen. Man sieht das Rohr zur Zeit sehr vielversprechend auf den Feldern stehen.
   Wie besuchten auch unseren Freund James Cox. Er ist ein fähiger und energischer Pfarrer. »Es geht voran«, sagte er, »den Pflanzern geht es gut, die Neger arbeiten gut, und es geht ihnen immer besser«. Freundlicherweise bot er uns an, am Abend statt des Gottesdienstes ein Freundschaftstreffen in dem neuen großen Versammlungshaus abzuhalten. Wir nahmen das Angebot an; das Zusammentreffen war gut besucht und verlief angenehm. Die Methodisten kommen auf Antigua gut voran; sie haben mehrere Missionsstationen, Kapellen und Schulen und ihre Gemeinde zählt fast dreitausend Mitglieder, dazu kommen noch weitere Kirchgänger.
   16. Januar. Im Haus des Gouverneurs trafen wir unseren Freund Cunningham, den ich herzlich als guten alten Bekannten begrüßte; ich freute mich, ihm sagen zu können, dass wir auf St. Christoper von allen Seiten gleichermaßen nur Gutes über seine Verwaltungsarbeit gehört hätten. Er stellte uns Sir William Colebrooke vor, dem Gouverneur, der uns sehr freundlich empfing und herzlich in sein Haus einlud. Sir William hat viele Posten in britischen Kolonialdiensten in mehreren Teilen der Welt eingenommen. Er verfügt über viele Fähigkeiten, ist wohl informiert und ein Mann von Einfluss. Er arbeitet beständig und geduldig für das öffentliche Wohl und tritt einfach und bescheiden auf. Er muss sich mit einer Art passiven Widerstands durch den hiesigen Rat und die Gesetzgeber auseinandersetzen, trägt die Opposition seiner Nachbarn aber mit Gleichmut. Einer seiner Lieblingspläne ist die Vereinigung aller Leeward-Inseln unter gemeinsamer Verwaltung, was er für ihre ursprüngliche Bestimmung hält. Dieser Plan erscheint unmittelbar besser, als eine große Anzahl kleiner Parlamente zu haben. Bisher jedoch hat sein Vorschlag keine Befürworter gefunden.
   Zu unserer Gesellschaft stieß nun Nathaniel Gilbert, ein geistlicher Herr der Kirche von England, Großgrundbesitzer und Pflanzer auf der Insel. Sowohl er wie auch Sir William bestätigten unsere guten Eindrücke von der Lage der Kolonie. Auf meine Frage nach der Entwicklung der Preise für landwirtschaftliche Güter erhielt ich von beiden die klare und eindeutige Antwort, dass, selbst wenn man geringe Preise ansetzte, das Land nun ohne einen einzigen Sklaven darauf ebenso wertvoll sei wie vor der Befreiung mit allen Sklaven. Mit anderen Worten, der Wert der Sklaven hat sich nun auf das Land übertragen. So positiv diese Bemerkung war, so habe ich doch Grund zu der Annahme, dass sie untertrieben war. Was Immobilen in St. John's angeht, so sind die Preise rapide gestiegen. Eine Vielzahl neuer Geschäfte ist gegründet worden. Neue Häuser stehen schon fertig da oder sind im Bau, die Straßen sind sauber und gut unterhalten. Handel und Wandel nehmen zu, und die ganze Stadt zeugt von zunehmendem Wohlstand und guter Entwicklung.
   Unter der Führung unseres Freundes Cunningham besuchten wir nun Robert Holberton, Pfarrer von St. John's, der ein eifriger und hingebungsvoller Seelenhirte ist, und besichtigten seine Grundschule für schwarze Kinder, die uns unsere Fragen (hauptsächlich zur Bibelgeschichte) bereitwillig und flink beantworteten. Dann führte uns der Pfarrer zum Gebäude der täglichen Armenspeisung, wo Bedürftige Suppe und andere gesunde Lebensmittel erhalten und wo Kranke und Behinderte Unterkunft, Verpflegung und medizinische Betreuung finden. Diese rühmenswerte Institution gedeiht unter des Pfarrers Aufsicht mit Hilfe von freiwilligen Beiträgen wie auch Zuwendungen des Rates.
   Wir begaben uns nun zum Regierungsgebäude, wo wir mit einigen der leitenden Herren bekannt gemacht wurden und einer Debatte zuhörten, die gerade stattfand. Ein farbiger Ratsherr ersuchte die »ehrenwerten Mitglieder« um die Erstattung der Kosten für den Bau einer bestimmten Straße. Der Antrag wurde abgelehnt mit der Begründung, der Rat könne nicht für Straßen zahlen, die nicht zu einer Zuckerplantage führten – da zeigte sich ein Überbleibsel des alten Systems.
   Eine Fahrt von 13 Kilometern durch flaches Land, teilweise mit Obst und Gemüse, teilweise mit Zuckerrohr ordentlich bebaut, führte uns zu einem großzügigen Herrenhaus auf einer der Pflanzungen unseres Freundes Nathaniel Gilbert. Er und seine fromme und freundliche Hausfrau boten uns ihr Haus als zeitweilige Heimstatt an.
   Nichts könnte erfreulicher sein als der Zustand dieses Besitzes. Allein der Verkauf der Molasse deckte die gesamten Ausgaben für den Betrieb, Kosten für die Arbeiter eingeschlossen; die ergiebige Zuckerproduktion, die zu hohen Preisen auf den britischen Märkten abgesetzt werden konnte, war also reiner Gewinn. Unser Freund ist zu christlich, um Rum herzustellen. Als Kompensation für seine Sklaven, so hieß es, habe er 25.000 Dollar erhalten. Er versicherte uns, dass das für ihn nur ein Taschengeld sei – eine Zugabe, auf die er keinen Anspruch erhöbe. Da sein Land ohne die Sklaven mindestens genauso viel wert ist wie vor der Sklavenbefreiung, und da seine Profite eher zu- als abgenommen haben, ist das nur folgerichtig. Aber wie kann man die Erleichterung beziffern, die sich aus der Aufhebung der Fesseln der Sklavenwirtschaft ergibt? Unser Freund hat eine hübsche Kapelle auf seinem Land eingerichtet; dort nahmen wir an einem abendlichen Treffen und Gottesdienst mit den schwarzen Arbeitern teil. Thema war die himmlische Ruhe. Die Neger hörten gläubig und aufmerksam zu, und am Ende stimmten sie unter der Führung ihrer geliebten Mistress eine süß klingende Hymne mit dem gleichen Thema an.
   Sir Bethel Codrington, Landbesitzer, der nicht auf Antigua lebt und dessen Ländereien an die von Gilbert grenzen, soll 20.000 Pfund Sterling pro Jahr aus seinen Zuckerplantagen beziehen. Ich kann nicht beurteilen, ob das übertrieben ist, aber ohne Frage sind seine Einkünfte aus dieser Quelle sehr groß. Während der vergangenen Auseinandersetzungen um die Aufhebung der Sklaverei hatte er sich deutlich dafür ausgesprochen, die Sklavenwirtschaft beizubehalten. Für ihn, so hat sich nun gezeigt, ist deren Ende alles andere als ein Weg in den Ruin gewesen. Das trifft auch für ein ehrenwertes Mitglied des Parlaments zu, dessen Besitzungen auf Antigua während der Sklavenzeit im Niedergang begriffen waren, ohne Erträge und in jeder Hinsicht dem Bankrott nahe. Jetzt produzieren sie ein bedeutendes Einkommen. Ich hatte das Vergnügen, seine Felder zu sehen; sie waren alle gut bestellt und versprachen guten Gewinn.
   Unser Freund Gilbert erklärte uns, dass während der Sklaverei zu jedem beliebigen Zeitpunkt etwa die Hälfte seiner Leute arbeitete, während die andere unbeschäftigt und damit Ballast war. Als die Freiheit kam, wurden die Löhne so festgelegt, dass die Lohnsumme für die arbeitende Hälfte genau dem Unterhalt für die ganze Gruppe entsprach. Also addierten sich die Kosten von zwanzig Sklaven mit 5 Pfund pro Kopf und von zehn Arbeitern zu 10 Pfund pro Kopf zu der gleichen Summe von 100 Pfund pro Jahr. Ersparnisse würden sich lediglich daraus ergeben, dass freie Arbeiter mit dem Anreiz von Löhnen besser arbeiten als Sklaven unter Zwang, insbesondere, wenn, wie im Fall von Nathaniel Gilbert, nur sanfter Zwang ausgeübt wird. Wenn nun aber der produktive Teil der Sklaven nur ein Drittel statt der Hälfte betrüge, und die Anzahl freier Arbeiter ebenfalls ein Drittel, so betrüge seine Ersparnis 33,3 Prozent.
   Nun haben umfangreiche Erkundigungen uns zu der Überzeugung gebracht, dass auf den meisten Besitzungen auf Antigua und im allgemeinen auf allen westindischen Inseln nur ein Drittel der Sklaven tatsächlich arbeitete. Mit Kleinkindern, alten Leuten, Behinderten, tatsächlich oder vorgetäuscht kranken Arbeitern können etwa ein Drittel der schwarzen Bevölkerung als Ballast angesehen werden. Außerdem ist heutzutage die Anzahl Arbeiter, die für eine bestimmte Arbeit genötigt werden, weniger als ein Drittel. Wir können deshalb mit Fug und Recht annehmen, dass auf vielen Besitzungen in Antigua durch den Wechsel von Sklaven- zu Tagelöhnerarbeit mindestens 30 Prozent an Kosten eingespart werden können. Wenn man noch die Zinsen auf das Kapital dazu rechnet, das für den Kauf eingesetzt werden muss, zeigt sich die Befreiung von noch besserer Seite. Zu dieser zahlenmäßigen Betrachtung kommt noch die generelle Überlegung hinzu, dass Sklaverei und Verschwendung Zwillinge sind, während die Freiheit mit der Wirtschaftlichkeit verheiratet ist. Unter dem wirksamen Anreiz allgemeiner Gleichheit werden verbesserte Arbeitsverfahren entwickelt, Maschinen werden eingeführt, jeder, ob schwarz oder weiß, muss sich gleichermaßen anstrengen, und Zusammenarbeit bringt der gesamten Gemeinschaft Reichtum. »Alles in allem», sagte Dr. Nugent, der ehemalige Sprecher der Ratsversammlung auf Antigua, »freue ich mich, sagen zu können, dass das System freier Arbeitskräfte das billigste ist, um so mehr auf den Plantagen, die mit einer unnötig hohen Anzahl von Leuten belastet sind.«
   18. Januar. Wir empfingen Besuch von einer angesehenen Dame, der beträchtlicher Landbesitz auf der Insel gehört. Zu Sklavenzeiten war er schwer mit Hypotheken belastet; aber unter dem vorteilhaften Einfluss des neuen Systems ist er nun wenn nicht ganz, dann wenigstens fast frei von dieser Bürde. Uns wurde gesagt, dass es mehrere solche Fälle gäbe.
   19. Januar. Wir waren zu einem Treffen in einem Dorf auf dem Land mit Namen Parham verabredet. Am Morgen regnete es heftig. Aber um die zweihundert Neger trotzten dem Wetter und nahmen mit uns am Gottesdienst teil. Es heißt, heutzutage kämen sie nicht mehr so gern bei Regen zur Kirche wie früher. Man bemerke den Grund dafür: Jetzt haben sie Schuhe und Strümpfe, die sie nicht schmutzig machen wollen.
   Der moralische Fortschritt der Neger zeigt sich deutlich an zwei Fakten: Der Zunahme der Zahl von Eheschließungen und der Abnahme der Zahl der Kriminalität. Während der letzen sieben Jahre der Sklaverei hat der Pfarrer von St. John's nur 110 Paare getraut, im Jahr 1839 allein waren es 185. Was die Kriminalität angeht, so gab es eine sehr starke Verringerung. Im Jahr 1837 wurden 850 Fälle angezeigt, hauptsächlich für kleinere Vergehen, die früher auf den Plantagen behandelt worden wären; 1938 waren es noch 244, 1839 nur noch 311. Ende 1837 gab es 147 Häftlinge, Ende 1839 nur noch 35.
   Es kann auch keinem Zweifel unterliegen, das sich das persönliche Wohlergehen der Arbeiter in diesem Zeitraum sehr deutlich verbessert hat. Im Jahr 1833, dem letzten Jahr der Sklaverei, betrugen die Einfuhrzölle 13.576 Pfund Sterling, im Jahr 1839 waren es 24.650 Pfund. Diese Zunahme resultiert aus dem Import von Textilien und anderen Waren, für die unter der arbeitenden Bevölkerung eine völlig neue Nachfrage entstanden ist. Die Menge an Brot und Fleisch als Lebensmittel für die Arbeiter ist in einem überraschenden Maß gestiegen. Deren Hochzeitstorten und Gästebewirtungen sind extravagant, sogar Champagner wird hin und wieder getrunken.
   Jede Glaubensgemeinschaft auf der Insel, ob der Kirche von England zugehörig oder einer anderen, hat Hilfsvereine gegründet. Die Arbeiter zahlen einen geringen wöchentlichen Beitrag ein und erhalten bei Krankheit, hohem Alter, Beerdigungen oder in anderen Notlagen eine angemessene Unterstützung. So gewöhnt sich der Neger langsam an umsichtiges und weitsichtiges Haushalten.

Gurney, Joseph John
A winter in the West Indies: Described in familiar letters to Henry Clay of Kentucky
London 1840
Übersetzung: U. Keller

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