Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1823 - Alison Charles Carmichael
Über das Leben der Pflanzer und die Angst ihrer Frauen
St. Vincent

Ich möchte darauf hinweisen, dass es auf Erden keine Gruppe von Menschen gibt, die mehr verleumdet werden als die westindischen Pflanzer. Hier meine ich nicht ihr Verhalten gegenüber der Negerbevölkerung, sondern vielmehr ihre allgemeinen Eigenschaften und ihre Lebensweise in ihrem Gesellschaftskreis. Ich und alle anderen auch haben gehört, wie von den westindischen Pflanzern als einer besonderen Rasse von Männern gesprochen wird: Herrschsüchtig, raubeinig, Männer, die sich aus Armut zu Überfluss hochgearbeitet haben und sich nun im Schoß des Luxus in tropischer Leichtigkeit zurücklehnen, jeder ein Pascha und Herr über die Geschöpfe seines kleinen Volkes.
   Zweifelsohne gibt es auf den westindischen Inseln Leute, die sich aus vermutlich sehr bescheidenen Umständen hinaufgearbeitet haben zu etwas, das man komfortable Unabhängigkeit nennen könnte, aber ich muss wohl kaum darauf hinweisen, dass der Wohlstand, der einmal zu einem gewissen Grad vorhanden war, jetzt nicht mehr existiert. Jetzt wäre es richtiger zu sagen, dass die Pflanzer mit wenigen Ausnahmen nur dem Namen nach Landeigentümer, sonst aber nichts weiter mehr sind als Landwirte für den britischen Kaufmann, der ihnen ihre Ernte abnimmt.
   Die Pflanzer (und mir ist da keine Ausnahme begegnet) sind hart arbeitende Männer. Vor Sonnenaufgang sind sie schon auf, oft früh die ersten auf dem Feld und in der Regel die letzten dort am Abend. Viele beschäftigen in diesen harten Zeiten keinen Verwalter und haben höchstens einen oder zwei Aufseher als Hilfe bei der Verwaltung der Plantage, ohne die die Geschäfte nicht laufen könnten; und diese müssen weiße Männer sein, dass heißt, keine Farbigen, aber natürlich gibt es gegen Kreolen keine Einwände. Mehr als einmal ist auf St. Vincent und wohl in allen Kolonien versucht worden, farbige Aufseher einzusetzen, aber die Neger haben Widerstand geleistet, denn sie haben eine entschiedene Abneigung gegen Farbige.
   Früher sah die koloniale Gesellschaft ganz anders aus als heute. Mir hat in Westindien ein sehr alter Herr, der auch in anderen Kolonien gelebt hatte, erzählt, dass vor vierzig oder mehr Jahren der einzige Rangunterschied darin bestand, ob man weiß, farbig oder ein Neger war. Geschäftsleute jeder Art wurden in die beste Gesellschaft aufgenommen, wenn sie nur weiß waren. Er gehörte selbst zur besten Gesellschaft, konnte sich aber genau daran erinnern, wie bei einem Tanz ein Mann neben ihm sich tief verbeugte und sagte: »Sir, ich bedanke mich sehr für ihre Aufträge.« Auf seine Art war dieser junge Mann ein achtbares Mitglied der Gesellschaft: Er war Schmied. Es muss nicht darauf hingewiesen werden, dass diese Tage längst vorüber sind und es nun genügend Leute zweiten Ranges unter den Weißen gibt, um eine eigene Gesellschaft zu bilden. Ich möchte sagen, dass das gesellschaftliche Leben in Stadt und Land genauso unterschiedlich ist wie in Großbritannien. Die Herren vom Lande, also die Pflanzer, kommen selten zum Vergnügen in die Stadt, haben immer sehr mit den Belangen ihrer Landwirtschaft zu tun und wollen so schnell wie möglich zurück auf ihren Besitz. Natürlich haben die, die in der Nähe von Städten wohnen, einen gewissen Umgang mit der Stadtbevölkerung, von der die meisten Regierungsposten innehaben oder Juristen, Ärzte oder Kaufleute sind. Dazu kommen noch das Militär und die Offiziere der Schiffe, die sich im Hafen befinden; denen wird je nach Situation von den westindischen Pflanzern immer die allergrößte Gastfreundschaft entgegengebracht.
   Unter den Pflanzern findet man übermäßiges Trinken und auch Luxus irgendwelcher Art nur in wenigen Ausnahmefällen. Ihnen fehlt nicht nur jede Bequemlichkeit, die ein gewöhnlicher britische Bauer genießt, die aber mit keinem Geld der Welt in einem tropischen Land zu haben ist, er hat auch nicht den Luxus, den man in Ostindien findet. Nur wenige haben gute Häuser, und die Mehrheit ist zufrieden mit einer sehr bescheidenen Behausung, die auch äußerst einfach eingerichtet ist.
   Wie jeder weiß, hängt das Wohlbefinden einer Familie zu einem großen Teil von ihren Dienern ab. Im Gegensatz zur allgemein verbreiteten Meinung geht es den Pflanzern in dieser Hinsicht ausgesprochen schlecht. Mir ist nie ein Diener, ob männlich oder weiblich, begegnet, den man in England auch nur als passabel bezeichnen könnte. Jeder Fremde ist überrascht, wie gelassen die Pflanzer die damit einhergehenden Verluste tragen und Diebereien und permanente Pflichtvernachlässigung wie auch tausend andere Ärgernisse als selbstverständlich hinnehmen.
   Viele Familien in der Stadt sind nicht Eigentümer ihrer Diener, sondern mieten sie von deren Herren, denen sie eine gewisse Summe zahlen und den Neger beköstigen und bekleiden, oder, und das ist häufiger der Fall, geben dem Diener eine Summe, für die er selbst sich um seine Nahrung und sein Essen kümmert. Nur wenige haben freie Diener, aber das geht aus den verschiedensten Gründen nur selten gut.
   Die Pflichten einer Pflanzersfrau sind schwierig und mühsam. Zu weit weg von den Märkten und den wenigen Annehmlichkeiten, die eine kleine westindische Stadt bieten kann, ist sie angewiesen nur auf das, was auf dem eigenen Land wächst, denn anderes hat sie eben nicht. Die Vorratshaltung ist daher ihre erste Sorge. Und außer der Zucht von Schweinen, Geflügel und so weiter mit den damit verbundenen Aufgaben, muss sie sich auch um den Garten kümmern, und zwar sehr eingehend, denn sonst hätte sie nicht viel davon. Dann muss sie sich alle die Geschichten anhören von Jungen und Alten und denen dazwischen, mit allen ihren Eifersüchteleien und Streitereien muss sie sich befassen und, kurz gesagt, allen eine Mutter sein. Die Negerkinder brauchen tägliche Aufsicht; sie muss sich darum kümmern, dass sie ihre Medizin nehmen, wenn nötig; die Braven belohnen, die Bösen vermahnen, die Kranken besuchen, sie aufmuntern, und an allem Interesse zeigen (oder wenigstens so tun), was sie beschäftigt.
   Wahrscheinlich wird sie auch den größten Teil der Kleidung für die Hausdiener nicht nur zuschneiden, sondern auch nähen. Und die Methode, die Wäsche zu waschen, trägt seinen Teil zu den häuslichen Pflichten der Pflanzersfrau bei: Die Stücke werden in einen Fluss getaucht, auf einem Stein mit Seife eingerieben und dann mit einem flachen Holzstück geschlagen, dass extra für diesen Zweck angefertigt ist. Dann wird das Kleidungsstück auf dem Stein hin- und hergeschlagen, womit die Prozedur zu Ende ist. Jemand, der das nicht miterlebt hat, kann sich nicht vorstellen, wie viel unnötige Arbeit so auf der Hausfrau abgeladen wird, die jedes Mal nach der Wäsche die gesamte Garderobe mit neuen Knöpfen und Bändern versehen muss, denn es kommt nur selten vor, dass solche Anhängsel vom Waschplatz zurückkehren; das Reparieren ist deshalb nie zu Ende, sondern fängt immer wieder von vorne an. Um all dies muss die Pflanzersfrau sich kümmern und ihren Teil dazu tun, damit alles fertig wird.
   Wegen des Klimas müssen alle Vorratsräume außerhalb des Hauses liegen – mit nur wenigen Ausnahmen. Das verursacht Mehrarbeit und Zeitverlust, und damit muss die Hausfrau fertig werden, denn keiner der Diener denkt rechtzeitig an alles, was gebraucht wird, und jeder legt es sogar darauf an, dass er wieder und wieder in die Vorratskammern geht, denn so ergeben sich mehr Gelegenheiten, etwas zu entwenden.
   All diese Beschäftigungen erfordern mehr Zeit, Arbeit und Geduld, als mancher sich vorstellen kann, und eigentlich kann nur ein Besuch den richtigen Eindruck von all den Ärgernissen geben, die damit verbunden sind. Und das ist ja auch noch nicht alles: Denn viele Frauen müssen auch Kuchen backen und Pasteten und Nachtisch machen. Sollen doch die, die vom Luxus des Lebens in Westindien reden, überlegen, ob sie ihr Heim in Großbritannien, wie bescheiden es auch immer sein mag, dagegen eintauschen würden. Aus eigener Erfahrung kann ich nur feststellen, dass man sich auf keinen Diener richtig verlassen kann, auch nicht auf den, der sich Oberdiener nennt. Das tägliche Geschäft des Tischdeckens muss überwacht werden, damit sichergestellt ist, dass nichts fehlt. Ich brauche kaum zu betonen, dass junge Damen mit kleinen Kindern noch mehr zu tun haben; mit viel Aufmerksamkeit sind sie sehr besorgte und liebende Mütter, die ihre Kinder selbst stillen, und im allgemeinen länger, als es in England üblich ist, und niemals und für kein Vergnügen vertrauen sie ihr Kind anderen an. In dieser Hinsicht ist ihr Verhalten beispielhaft und sehr von dem unserer modebewussten Mütter in Großbritannien verschieden, die ihr Kind seiner natürlichen Obhut entziehen und es einer bezahlten Kinderfrau überlassen.
   Aber kehren wir zurück zur Welt der Erwachsenen und zu den Weißen. Als ich in Westindien ankam, gab es wenig von dem, was wir informelle Besuche nennen; Familienessen oder eine gemütliche Tasse Tee gab es nicht; Essenseinladungen mit großen Zeremonien waren die einzige Methode, einander zu besuchen. Da mein Buch nicht nur für die vornehmen Leute gedacht ist, amüsiert manchen Leser vielleicht die Schilderung einer solchen Dinnerparty.
   Ich will gar nicht reden von den Mühen des Laufens oder Reitens unter tropischer Sonne selbst bei den nur wenigen hundert Metern Entfernung, die das Haus meines Gastgebers entfernt ist, und auch nicht von dem Gemenge an eintreffenden oder schon eingetroffenen Besuchern vor der Tür, ich bin nun hereingebeten worden, habe mein Kleid glattgestrichen und meine Locken arrangiert und mich ein bisschen von den Unannehmlichkeiten der Hitze, des starken Windes und des Übermaßes an Staub erholt. Wir waren eingeladen für fünf Uhr am Nachmittag, und da ich fast einen halben Kilometer zu laufen hatte, bekam ich die volle Wucht der tropischen Sonne zu spüren.
   Gegen sechs Uhr wurde gemeldet, dass nun das Essen angerichtet sei, und wir wurden in einen Raum gebeten, der weder besonders groß noch vornehm war. Zwei lange Tische waren schnell besetzt; wir waren zwischen dreißig und vierzig Gäste, die Herren in der Überzahl. Es gab kaum Konversation während des Essens, auch zwischen Nachbarn. Alles war hell beleuchtet von zahlreichen Kerzen mit gemusterten Schirmen, denn es war nun schon dunkel. Alle Fenster und Türen waren geöffnet und erlaubten den Blick auf eine höchst malerische Landschaft; der Mond schien hell, und die Schönheit einer mondbeschienenen Szene in diesen Breiten kann nur der ermessen, der sie erlebt hat. Das Essen war wie alle in Westindien: Reichhaltig in einem Ausmaß, dass ich unwillkürlich meine Füße versuchte unter dem Tisch vorzuziehen für den Fall, dass er unter seiner Last zusammenbräche.
   Schildkröten- und Gemüsesuppen, dazu Fisch, gebratener Hammel, (in den drei Wochen, die ich nun hier lebte, waren mir Rind-, Lamm- oder Kalbfleisch noch nicht begegnet). Schildkröte, im Panzer angerichtet, gekochter Truthahn und anderes Geflügel, Schinken, Hammel- und Taubenpasteten sowie gedämpfte Enten bildeten den ersten Gang. Enten, Perlhühner und einige eher misslungene Pasteten, Puddings und Kuchen gab es als zweiten Gang. Das heiße Klima ist ein Grund für die mangelnde Qualität von Backwaren. Schnell lernte ich, dass es unmöglich ist, einen leichten Mürbeteig herzustellen, wie es ihn jeden Tag in England gibt. Man muss leider sagen, dass westindische Köche sich in der Kunst, Süßspeisen zuzubereiten, nicht eben hervortun, ausgenommen ein Gericht, das »Treibende Insel« heißt und ihnen immer sehr gut gelingt.
   Zu Hause hatte ich so viel vom Luxus Westindiens gehört, und wie gut geschult die schwarzen Diener seien, dass ich mich umsah nach etwas, was nicht nur ordentlich, sondern gefällig und womöglich geschmackvoll war. Umso erstaunter war ich, dass alle Schüsseln ohne die geringste Ordnung platziert wurden, und ich fühlte mich dauernd versucht, das Arrangement zu ändern. Viele Gäste hatten ihre eigenen Diener mitgebracht, deshalb gab es ein großes Gewühl in allen möglichen Ausstaffierungen. Manche mit Livree, manche ohne, manche mit Schuhen, die meisten aber ohne, manche trugen weiße Jacken, andere bunt gestreifte, manche waren jung, manche alt, manche farbig, andere schwarz. Es gab keine wie auch immer geartete Zusammenarbeit unter den Dienern, einig waren sie sich nur in einem, dem Stehlen: Kaum war eine Flasche Wein geöffnet, schon kam eine geschickte Hand und trug sie davon. Ohne die geringste Angst vor dem Erwischtwerden und ohne Scham reichten sie die Flaschen aus dem Fenster, wo andere schon darauf warteten. Kurz gesagt, die Diener hatten die ganze Zeit einen vollen Mund und waren so sehr damit beschäftigt, die gute Gelegenheit auszunützen, dass die Teller der Damen nicht gewechselt worden wären, wenn nicht die Herren wiederholt und laut dergleichen gefordert hätten.
   So viel Zeit verging, bevor der zweite Gang erschien, dass sich in mir die Vermutung festsetzte, dass eine weitere Neuigkeit für mich darin bestehen könnte, dass die Diener sich zurückgezogen hätten, um die Reste des ersten Ganges zu verzehren, bevor sie mit dem zweiten wieder erschienen. Aber nach einer langen, faden und durchschwiegenen Pause erschien er doch noch, und wie froh war ich, dass er schneller als der erste vorüber ging. Eine Menge Wein wurde zum Essen getrunken, aber nicht mehr, als bei einer Dinnerparty in England üblich. Überall in Westindien ist der Wein von allerbester Qualität; und Bier, insbesondere das Porterbier aus London, erhält hier eine Milde und ein Aroma, die weit über das in England erreichbare hinausgehen. Bier, Porter, Apfelwein werden auch zu den westindischen Essen getrunken, aber nur in geringer Menge. Ich glaube, sie tun der Gesundheit in diesem tropischen Klima nicht gut, zumindest nicht den meisten Leuten. Das am weitesten verbreitete und gesündeste Getränk ist Weinbrand oder Rum mit Wasser, wie es das auch in England gibt. Die Herren in Westindien mischen es sehr dünn, ungefähr ein Glas Alkoholisches auf gut anderthalb Liter Wasser. Durch Schlagen mit einem dreifingrigen Stab wird es angenehmer auf der Zunge: Wenn man das heftig genug macht, bildet sich Schaum, und es ist ein kühlendes und gesundes Getränk sowohl vor wie nach dem Essen. Früher war Punsch sehr in Mode, jetzt ist er verschwunden und nur noch ein oder zwei alte Leute ziehen ihn vor, weil sie seit ihrer Jugend daran gewöhnt sind. Sie nehmen genauso wenig Alkohol in ihre Limonade wie die anderen in ihr Wasser – aber nun zurück zur Dinnerparty.
   Das schwierige Geschäft der Mahlzeit war fast vorüber, der Käse war schon mit dem zweiten Gang serviert worden, und nun wurde das Tischtuch entfernt und das Dessert aufgetragen. Es war Januar, und ich war etwas erstaunt, zwischen all den Ananas, Sappadillos, Rosenäpfeln, Wassermelonen, Passionsfrüchten und so weiter nichts von den weithin gerühmten und wirklich ausgezeichneten westindischen Konfitüren zu finden, die in England so hoch geschätzt werden. Als ich gerade an Limetten und eingemachten Ingwer dachte, bot mir der Herr an meiner Seite eingemachte Himbeeren an, mit dem letzten Schiff frisch aus England eingetroffen; der Nachdruck, mit dem das Wort Himbeeren ausgesprochen wurde, machte mir blitzartig klar, dass man englischen Konfitüren hier genauso huldigt wie in England den westindischen. Ich wagte ihm zu sagen, wie erstaunlich ich es fände, dass sie unser Eingemachtes so gern äßen, wo doch das Ihre so viel besser wäre. Er versicherte mir, dass ich eher früher als später meine Meinung ändern würde; und er sollte Recht behalten.
   Die Damen blieben nicht lange am Tisch, sondern zogen sich bald in den Salon zurück; aber dort fand nichts statt, was man eine Konversation hätte nennen können; die tägliche Plackerei der Frauen in Westindien, ob verheiratet oder nicht (letztere haben zwar nichts mit dem Haushalt zu tun, beschäftigen sich aber mit dem Nähen und Reparieren von Kleidungsstücken, weil schwarze Dienerinnen miserable Näherinnen sind), lässt ihnen keine Zeit, sich weiter zu bilden, und in Gesellschaft zeichnen sich die Damen im Allgemeinen dadurch aus, dass sie gleichgültige und träge Gesprächspartner sind, wie es ein wenig gebildeter Geist so mit sich bringt.
   Als die Herren wieder zu uns stießen, wurden Kaffee und Kuchen gereicht, und gleich darauf wurde es geschäftig. Ein heftiger, wenn auch kurzer Schauer war niedergegangen; nun erwogen die Damen, wie wohl ein Spaziergang oder Ritt den Hügel hinunter ausgehen würde, auf schlammigen und rutschigen Wegen in einer wolkenverhangenen Nacht; es war zwischen neun und zehn Uhr. Wir entschlossen uns zu laufen und verabschiedeten uns, eingehüllt in warme Umhänge und Hauben und in festen Schuhen. Wie erwartet, war der Weg sehr schlecht, und es war so dunkel, dass wir nicht sehen konnten, wohin wir traten. Einige lamentierten über den Ruin ihrer Satinröcke, und die Herren waren genauso besorgt um ihre Seidenstrümpfe. So einer Gesellschaft, wenn sie nur groß genug ist, fehlt es nicht an Amüsement. In der Tat, nur während des Heimweges ergab sich so etwas wie Fröhlichkeit oder Leichtigkeit. Unser Abenteuer war aber schnell zu Ende, denn nach zehn Minuten standen wir vor unserer eigenen Tür. Abendeinladungen änderten sich während meiner Zeit in Westindien zum, wenn ich so sagen darf, vernünftigen; man war darauf gekommen, dass diese Art von Party sowohl teuer als auch langweilig ist.
   Es gibt eine Quelle der Besorgnis, mit jeder, der in Westindien wohnt, seit einigen Jahren leben muss, und es steht zu befürchten, dass er dass auch weiterhin muss; das ist das Fehlen jeder persönlichen Sicherheit für ihn selbst und seine Familie. Häufig ist der Pflanzer viele Meilen von anderen Weißen außer seinem Manager und seinen Aufsehern entfernt. Auf einer kleinen Pflanzung mit sagen wir einmal hundert Negern sind vermutlich um die 25 alt oder jung, in noch einmal 25 kann der Pflanzer ein gewisses Maß von Vertrauen setzten, aber nur ein gewisses Maß, denn volles Vertrauen ist kann es nicht geben, weil die Neger zur Feigheit neigen; selbst wenn ihre Zuneigung sie dazu bringen würde, für ihren Herrn einzustehen, haben sie doch so viel Angst, dass sie ihn vielleicht vor einer Gefahr warnen, ihn aber nicht gegen eine Übermacht verteidigen würden. Selbst bei dieser vorsichtigen Schätzung hätten also der Pflanzer, seine Frau und seine Familie und im besten Fall zwei weitere Weiße fünfzig Mann gegen sich. Ich glaube, auf so einer kleinen Plantage gäbe es noch nicht einmal drei Weiße. Wenn man das nun für eine unerfreuliche Situation hält, was muss da erst die Pflanzersfrau davon denken? Wenn es Verdacht auf einen Aufruhr gibt, müssen ihr Mann und jeder andere Weiße zur Miliz, und sie bleibt mit ihren Kindern in einem unbeschreiblichen Schrecken zurück. Von allen Seiten von Negern umgeben, weiß sie, dass es kein Entkommen gibt, und sie und ihre Familie befinden sich ganz in der Hand der Neger.
   Die Häuser in Westindien sind notwendigerweise auf allen Seiten offen, damit es Durchzug gibt, und können in keiner Weise so gestaltet werden, dass sie nächtliche Eindringlinge abhalten. Ich spreche aus Erfahrung: ich beneide sogar den ärmsten Bauern in England, der Türen und Fenster verschließen und sein kleines Zuhause seine Burg nennen kann, während man in Westindien jede Nacht in einem unsicheren Haus schläft. Die Hälfte der Nacht verbringt man häufig mit Aufstehen und Horchen, um herauszufinden, ob überall Ruhe herrscht.
   Ich fürchte, dass manche der Frauen, deren Gefühligkeit so sehr schon unter der bloßen Erwähnung der westindischen Sklaverei leidet, nicht nur ein bisschen nervös wären, wenn sie sich auf einer wilden westindischen Plantage wiederfänden mit einem notwendigerweise offenen Haus und vielleicht einer jungen Familie, besorgt um die Sicherheit ihrer abwesenden Ehemänner, umgeben von Haussklaven, denen zu trauen sie keinen vernünftigen Grund haben, oder, und das ist heutzutage üblich, von allen Haussklaven verlassen.

Carmichael, Mrs A.C.
Domestic manners and social conditions of the white, coloured and negro population of the West Indies
London 1833
Übersetzung: U. Keller

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