Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1907 - Fritz Kummer
Durch den Suezkanal

Am dritten Abend nach der Einfahrt ins Rote Meer tauchten vor dem Schiffe ein paar feurige Augen auf. In den Lichtkegeln schaukelten Dampfer und Boote. Wir waren in der Reede von Suez. Die Scheinwerfer standen auf Fahrzeugen, die aus dem Suezkanal kamen. Kaum war der Anker geworfen, stürmte auch schon eine vielköpfige Schar Eingeborener, darunter viele langbärtige Juden, an Bord, und das Anbieten und Feilschen um Straußfedern, arabischen Honig und andere Dinge hub wieder an. Ein Teil der Schiffsmannschaft ging daran, einen Scheinwerfer ganz vorn am Dampfer anzubringen, ein anderer setzte die Ruderverlängerung auf. Beides ist unerläßlich für eine sichere Fahrt durch die schmale Wasserstraße.
   Der Suezkanal, in den Jahren 1859 bis 1869 von dem Franzosen Lesseps erbaut, teilt die alte Welt in zwei Teile: östlich liegt Asien, westlich Afrika; mit seiner Ostseite bespült er Syrien, mit der Westseite Ägypten. Hüben wie drüben nichts wie Sandwüste, die am westlichen Ufer durch Signalhäuser mit kleinen Gärten unterbrochen wird. Auf dieser Seite ist dicht am Kanal entlang eine schmale Süßwasserader gegraben, dank welcher ein dünner Streifen Gebüsch gedeihen kann. Der Kanal ist schmaler, als gemeinhin angenommen wird. Begegnen sich zwei Schiffe, so wird das eine an den am Ufer eingerammten Pfählen angetaut und mit den Schiffswinden seitwärts gezogen, damit das andere vorbei kann. Es wird eifrig an der Verbreiterung der Fahrstraße gearbeitet. Allenthalben sieht man riesige Baggermaschinen mit weit ins Land stoßenden Ausladerinnen in Tätigkeit.
   Gegen Mitternacht dampften wir sachte in den Kanal hinein. Die große elektrische Lampe auf dem Vorderschiff beleuchtete weithin den Weg. Ganz langsam wurde gefahren, so daß man am Ufer fast mitlaufen konnte.  Der folgende Tag war ein Sonntag. Sonntägliche Stimmung und Ruhe herrschten an Bord. Dazu mochte die Freude, der Heimat glücklich nahegekommen zu sein, wie auch die Stille der Umwelt mit beitragen. In den ersten Nachmittagsstunden wurde Port Said sichtbar. Zur Fahrt durch den 150 Kilometer langen Kanal hatten wir über 16 Stunden gebraucht. Die Stewards schleppten ihre Blasröhren auf Deck, und als das Schiff aus dem Kanal war, fingen sie zu tuten an, daß es eine Freude war. Eine halbe Stunde später lagen wir der Stadt Port Said gegenüber vor Anker. Damit war für mich der langersehnte Augenblick des Scheidens von der Tipsqueeze<gekommen. Einige Leidenskollegen der Menagerie gingen mit ins Land.
   Von Port Said liegt manche farbenprächtige Schilderung vor. Darin wird erzählt von dem starken Verkehr, dem bunten Gewimmel, von »Backschisch« (Trinkgeld) schreienden Horden und noch anderen Übeln. Das ist alles so unrichtig nicht. Am Einfahrtstor der asiatischen Welt sammeln sich Schiffe aller Nationen, stauen sich Angehörige aller Länder, wuchern die Menschen eifrig mit ihrem Pfund im guten wie im schlechten. Dem Europäer, der zum erstenmal nach Port Said kommt, fällt das eigenartige Getriebe besonders auf. Für mich war dergleichen nichts Neues mehr; auf der Weltreise hatte ich schon genug davon gesehen und in Asien die Geduld erworben, die zum Überstehen der orientalischen Straßenbettelei nötig ist.
   In gehobener Stimmung marschierte ich, mit dem Felleisen beladen, dem Zollhaus zu. Auf dem Wege dorthin wünschte mich die Gesundheitsbehörde kennenzulernen. Die Beamten verlangten schriftlich bestätigt, daß ich keine schmutzige Wäsche habe, beguckten mich auch ein bißchen und verabschiedeten mich dann mit: »Merci bien, monsieur!« Vor dem Haus standen hinter einem Lattenzaun die Zwischendeckpassagiere eines russischen Dampfers. Sie wurden, weil choleraverdächtig, festgehalten. Nachdem die Zolluntersuchung überstanden war, konnte ich mich frei bewegen. Eine Herberge war bald gefunden.  Zwei Tage hatte ich Zeit, die Stadt zu besichtigen. Dann sollte es wieder weitergehen, hinauf gen Jerusalem.

Kummer, Fritz
Eines Arbeiters Weltreise
Erstausgabe Stuttgart 1913; Nachdruck Leipzig und Weimar 1986
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