Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1840 - John Lloyd Stephens
In Uxmal

Um halb 1 Uhr kamen wir bei einigen Ruinenhaufen vorbei, die ein wenig von der Strasse ablagen; aber die Sonne brannte so sengend, dass wir zu ihrer genauen Besichtigung nicht stehen bleiben konnten. Um 2 Uhr erreichten wir endlich Uxmal (spr. Uchmal). Wie wenig dachte ich damals, als ich im spanischen Hotel in Neuyork die Bekanntschaft meines anspruchslosen Freundes machte, daran, dass ich einst über fünfzig Meilen durch seine Familienbesitzungen reisen, von seinen Indianern getragen werden und auf seinen fürstlichen Haciendas frühstücken, zu Mittag essen und schlafen würde, während der zur Rückreise bestimmte Weg uns zu anderen Haciendas bringen sollte, deren eine alle gesehenen an Größe übertraf. Die Familie Peon hatte unter der spanischen Herrschaft der Provinz Yucatan Gouverneurs gestellt. Bei der Gründung der Unabhängigkeit zog sich ihr gegenwärtiges Haupt, ein unerschütterlicher Royalist, aus Widerwillen vor aller Art von öffentlicher Tätigkeit zurück und die gesamten großen Familienbesitzungen wurden von Señora Dona Joaquina verwaltet. Leider war Don Simon bereits nach Merida abgereist und wir hatten ihn unterwegs verfehlt. Übrigens langten wir in Folge der Sonnenglut und unsrer plumpen Sättel am Ende dieses Triumphzugs in einem schrecklich derangierten Zustande an und waren vielleicht noch nie so ganz totmatt und unbehaglich abgestiegen.
   Die Hacienda Uxmal war aus dunkelgrauem Stein erbaut, nahm sich roher in ihrer ganzen Erscheinung aus, hatte ein altertümlicheres Aussehen als eine der übrigen und glich von Weitem einem alten Baronsschlosse. Das Jahr zuvor war sie vom Vater an Don Simon übergeben worden, der große Reparaturen und Erweiterungen an dem Gebäude vornahm, wiewohl ich nicht begreifen konnte, zu welchem Zwecke dieses geschehen mochte, da seine Familie die Besitzung niemals und auch er nur einmal im Jahre auf ein paar Tage besuchte. Der Viehhof lag vor dem Hause und rundum sah man Wasserbehälter, deren manche oben mit Moos bewachsen waren, wie sich überhaupt eine ungesunde Feuchtigkeit bemerkbar machte. Sie hatte auch ihre Kirche mit einem Bilde unsers Herrn, welches letztere von den Indianern aller Haciendas ringsumher verehrt ward und dessen Ruf auch zur Dienerschaft der Familie in Merida gedrungen und daher der erste Gegenstand war, der unsers Führers Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Die ganze Hacienda stand ohne weiteres zu unsrer Verfügung, und vor Hitze und Anstrengung ganz erschöpft begaben wir uns sogleich in unsere Hängematten.
   Den Nachmittag machten wir, ausgeruht und gestärkt, einen Gang nach den Ruinen. Der Weg führte durch ein prächtiges Gehölz, wo unser indianischer Führer wegen der Menge von Pfaden sich verirrte. Herr C., welcher unwohl war, kehrte zur Hacienda zurück. Wir schlugen einen anderen Weg ein und kamen, plötzlich aus dem Walde tretend, zu meinem Erstaunen sogleich auf ein weites, vollständig freies Feld, das bedeckt war mit Trümmerhaufen, gewaltigen Gebäuden auf Terrassen und pyramidalischen Bauten, großartig, wohlerhalten und reich geschmückt, und an malerischem Effekt fast den Ruinen von Theben gleichend; ja diese, die in dem Flachtale des Nil liegen und sich zu beiden Seiten des Flusses hin erstrecken, zeigen sich nirgends dem Blicke so mit einem Male wie die Ruinen von Uxmal. So lautete der Bericht, den ich Herrn Catherwood machte, der, unwohl und niedergeschlagen in seiner Hängematte liegend, mir sagte, dass meine Phantasie übertreibe; aber als wir am nächsten Morgen zusammen an Ort und Stelle waren, lautete seine Rede dahin, dass die Wirklichkeit meine Schilderung noch übertreffe.
   Die Stätte, von welcher ich jetzt spreche, war ohne allen Zweifel einstmals eine große, volkreiche, hoch zivilisierte Stadt. Nirgends aber in der Geschichte ist ein Wort von ihr zu finden und kein Mensch vermag zu sagen, weder wer sie baute, noch warum sie gerade hier erbaut ward, hier, so fern vom Wasser gelegen und entblößt von allen jenen natürlichen Vorzügen, welche bei der Anlegung der Städte, deren Geschichten bekannt sind, entscheidend einwirkten, noch endlich warum sie verlassen ward und was ihre Zerstörung herbeiführte. Der einzige Name, unter welchem sie bekannt ist, ist der Name der Hacienda, auf deren Areal sie steht. In der ältesten Urkunde, die im Besitze der Familie Peon sich befindet und 140 Jahre zurückgeht, sind die Gebäude innerhalb der Grenzen des Guts unter der Bezeichnung Las casas de piedra d. i. die steinernen Häuser erwähnt. Es ist dieses das einzige vorhandene alte Dokument, worin des Ortes überhaupt gedacht wird, und es gibt auch keine mündlichen Überlieferungen mit Ausnahme der phantastischen und abergläubischen Vorstellungen der Indianer in Betreff der einzelnen Gebäude. Die Ruinen waren sämtlich ausgegraben, und im letzten Jahre hatte man auch die Baume gefällt und verbrannt, so dass sich das ganze Ruinenfeld, vom Walde umschlossen und mit Korn bepflanzt, frei dem Blicke darbot.
   Inzwischen kehrte ich zu einer zweiten Besichtigung der Ruinen zurück. Herrn Waldecks Werk über dieselben war erschienen, ehe wir nach Centralamerika abreisten. Es kam in Paris in gross Folio heraus, mit geschmackvollen und schön gemalten Illustrationen ausgestattet, und enthält das Resultat eines einjährigen Aufenthalts in Merida und eines achttägigen in Uxmal. Zur Zeit seines Besuchs waren die Ruinen mit Bäumen überwachsen, die aber im Laufe des letzten Jahres hinweg gehauen wurden, so dass nun der ganze Raum frei und dem Auge bloßgelegt war. Indem ich mich an eine Schilderung dieser Ruinen mache, liegt eine so riesenmäßige Arbeit vor mir, dass ich in Verlegenheit bin, wo ich beginnen solle. So zu sagen auf der Schwelle unsrer Arbeiten aufgehalten, bin ich nicht im Stande, einen allgemeinen Plan zu geben; zum Glück aber war das ganze Feld eben, baumfrei und mit einem Blick zu überschauen. Der erste Anblick prägte sich meiner Seele unverlöschlich ein und Herrn Catherwoods einziger Tag ward gut verwendet.

Stephens, John Lloyd
Reiseerlebnisse in Centralamerika, Chiapas und Yucatan
Leipzig 1854

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