Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1840 - John Lloyd Stephens
In Palenque

In der Frühe rüsteten wir uns zu unserm Marsche nach den Ruinen. Wir mussten Vorkehrungen treffen für einen Haushalt in großartigem Maßstab; unser Küchengerät war rohes Töpferzeug und unsere Tassen bildeten einige harte runde Fruchtschalen - alles in allem vielleicht einen Dollar wert. Einen Wasserkrug konnten wir uns am Ort nicht verschaffen, aber der Alcalde lieh uns seinen unentgeltlich - den Fall ausgenommen, dass er zerbräche; da er aber nun bereits einen Sprung hatte, so betrachtete er ihn wahrscheinlich als verkauft. Nebenbei gesagt, erzwangen wir uns des Alcalden Zuneigung dadurch, dass wir unser Geld in seinem sicheren Gewahrsam zurückließen. Wir taten dies mit großer Öffentlichkeit, damit im Orte bekannt werden möchte, dass in den Ruinen keine »Plata« (Geld) zu finden wäre; der Alcalde aber sah es als Zeichen ganz besonderen Vertrauens an. Allerdings hätten wir ihm kein größeres beweisen können. Er war ein argwöhnischer alter Knicker, der sein Geld in einem Koffer in einem inneren Zimmer hatte und nie das Haus verließ, ohne die Haustür abzuschließen und den Schlüssel mit sich zu nehmen: Er ließ alles, was wir brauchten, pränumerando bezahlen und hätte uns unter keinen Umständen einen halben Dollar anvertraut.
   Da wir alles, was zu unserer Bequemlichkeit beitragen konnte, aus der Stadt mitnehmen mussten, so hatten wir große Not, eine Frau, die wir brauchten, aufzutreiben, da keine allein sich uns anvertrauen wollte. Es war dies für uns eine große Entbehrung; denn eine Frau war durchaus wünschenswert, nicht etwa, wie der Leser vielleicht denken mag, zur Verschönerung unseres Lebens, sondern zum Backen der Tortillas. Sollen diese genießbar sein, so müssen sie frisch von der Pfanne weg gegessen werden. So sahen wir uns denn genötigt, mit dem Alcalden ein Übereinkommen dahin zu treffen, sie täglich mit dem Ertrag unserer Kuh herauszuschicken.
   Unser Abmarsch glich allen anderen unserer Reise. Ein Indianer schritt voran mit einem von einem Bastriemen gehaltenen Koffer aus Kuhhaut auf dem Rücken, von dem an jeder Seite ein in Pisangblätter eingeschlagenes Huhn, von welchem bloß Kopf und Schwanz zu sehen waren, herabhing. Ein anderer hatte oben auf seinem Koffer einen lebendigen Truthahn mit festgebundenen Beinen und ausgespannten Flügeln, dass er einem gespreizten Adler glich. Wieder ein anderer hatte zu beiden Seiten seiner Ladung eine Reihe Eier hängen, jedes Ei sorgfältig in eine Maishülse eingewickelt und alle wie Zwiebeln an einem Bastriemen festgemacht. Die Kochgerätschaften und der Wasserkrug wurden anderen Indianern aufgebürdet und enthielten Reis, Bohnen, Zucker, Schokolade, usw. Ihnen zur Seite hingen Streifen von Schweinefleisch und Pisangbündel herab; und Juan endlich trug unsere dünne blecherne Reise-Kaffeebüchse unter dem Arm, nicht mit Kaffee, sondern mit Speck angefüllt, der in diesem Lande allezeit in flüssigem Zustand ist.
   Um halb acht Uhr verließen wir Palenque. Eine kleine Strecke war die Straße frei, gar bald aber kamen wir in den Wald, der sich ununterbrochen bis zu den Ruinen fortzog und wahrscheinlich noch viele Meilen weiter. Die Straße war weiter nichts als ein indianischer Fußpfad, auf welchen die Äste und Zweige der Bäume, vom Regen niedergedrückt und belastet, so tief herabhingen, dass wir beständig uns zu bücken genötigt waren und in Kürze unsere Hüte und Röcke vollkommen nass waren. Bei der Dichte des Laubes vermochte die Morgensonne die Regenfluten der vorigen Nacht nicht aufzutrocknen. Der Boden war sehr kotig, von Gewässern, die die ersten Regen hatten anschwellen lassen, durchschnitten und voller Schlammlöcher, in die die Maultiere versanken und fast stecken blieben und über die an manchen Stellen sehr schwer zu kommen war. Unter allen Zertrümmerungen von Reichen spricht wohl nichts mit solcher Gewalt von den Wandelungen der Welt als dieser ungeheure Wald, der eine einstige große Stadt in sich birgt. Vor alter Zeit war dieser Wald eine große Hauptstraße gewesen, voll gedrängt mit Menschen, die von den gleichen Leidenschaften, die jetzt das menschliche Tun regieren, getrieben wurden. Sie sind alle dahin, ihre Wohnungen vergraben und keine Spuren von ihnen zurückgeblieben.
   Nach zwei Stunden erreichten wir den Fluss Micol und nach einer weiteren halben Stunde den Otula, der tief im Schatten des Waldes lag und malerisch über ein steiniges Bett dahintobte. Nachdem wir ihn durchritten hatten, trafen wir bald auf einen Haufen von Steinen und dann auf einen runden, mit Skulpturen versehenen Stein. Wir trieben unsere Maultiere einen steilen, von ihnen kaum zu erklimmenden Abhang eines Trümmerhaufens hinauf zu einer Terrasse, die, wie die ganze Straße, dergestalt von Bäumen überdeckt war, dass es uns unmöglich war, ihre Form zu bestimmen. Am Fuße einer zweiten Terrasse machten wir halt, wo unsere Führer uns zuriefen: »El palacio!« - »Der Palast!« Und als wir durch die Bäume sahen, erblickten wir die Front eines großen Gebäudes, an den Pilastern reich verziert mit ebenso sorgfältig wie zierlich gearbeiteten Stuckfiguren und dicht von Bäumen umwachsen, deren Äste in die Türen eindrangen: in Stil und Effekt einzig, außerordentlich und melancholisch schön. Wir banden unsere Maultiere an die Bäume, stiegen eine Reihe steinerner, von den Bäumen mit Gewalt beiseite geschobener und herabgestürzter Stufen hinauf, traten in den Palast ein, gingen rasch den Korridor entlang und in den Hof, um nur die erste feurige Neugier zu befriedigen, und kehrten dann zum Eingang zurück, wo wir ein Freudenfeuer, jeder mit vier Schüssen, abfeuerten, die letzte Ladung unserer Feuerwaffen. Zwar hätten wir statt dieses Mittels, unserer Freude Ausdruck zu geben, das Gewölbe des altersgrauen Palastes lieber von einem Hurra widerhallen lassen sollen; allein es war zugleich unsere Absicht, damit auf die Indianer Eindruck zu machen, die wahrscheinlich nie zuvor in ihrem Leben eine solche Kanonade gehört hatten und wie ihre Vorfahren zu Cortés Zeit unsere Waffen als blitzspeiende Werkzeuge betrachten mochten und daher, wie sich denken ließ, in der Stadt eine solche Erzählung davon machen würden, um damit jeden ihrer respektablen Freunde von einem nächtlichen Besuch bei uns abzuhalten.
   So hatten wir denn das Ende unserer langen und mühevollen Reise erreicht, und sogleich der erste Blick gewährte uns Entschädigung für unsere ausgestandenen Mühseligkeiten. Zum ersten Mal betraten wir ein von den ureingeborenen Bewohnern des Landes errichtetes Gebäude, das stand, ehe die Europäer von dem Dasein dieses Kontinents etwas wussten. Wir trafen Anstalten, unter seinem Dache unsere Wohnung aufzuschlagen, und wählten den vorderen Korridor dazu. Den Truthahn und die Hühner ließen wir im Hof, der derartig von Bäumen überwachsen war, dass wir kaum über ihn hinwegsehen konnten, frei herumlaufen; und da für die Maultiere außer den Blättern der Bäume kein Futter vorhanden war und wir sie doch nicht in den Wald laufen lassen konnten, so brachten wir sie die Treppe herauf und durch den Palast in den Hof, wo wir ihnen nun ebenfalls freien Lauf gönnten. An dem einen Ende des Korridors baute Juan eine Küche; diese Handlung bestand darin, dass er drei Steine mit den Ecken aneinanderlegte, deren innerer Raum als Feuerstätte diente. Unser Gepäck wurde an der Seite aufgestapelt oder auch an Stangen, die quer über den Korridor reichten, aufgehängt. Pawling hob zur Errichtung eines Tisches einen Stein von etwa vier Fuß Länge auf steinerne Beine, und als Betten schnitt er mit den Indianern eine Anzahl Stangen zu, die sie mit Bast zusammenbanden und mit beiden Enden auf Steine legten. Nachdem wir die in den Palast eindringenden Äste und Zweige abgeschnitten und auf der Terrasse eine Anzahl Bäume gefällt hatten, überblickten wir vom Palast aus einen unermesslichen Wald, der sich weithin bis zum Golf von Mexiko erstreckte.
   Da eine abergläubische Furcht die Indianer nicht zur Nachtzeit in den Ruinen bleiben ließ, waren wir nachts die einzigen Bewohner dieses Palastes unbekannter Könige. Sie, die ihn erbauten, dachten wohl nicht daran, dass in wenigen Jahren ihr Königsgeschlecht ausgestorben, ihr Volksstamm ausgerottet, ihre Stadt ein Trümmerhaufen und Herr Catherwood, Pawling, ich und Juan ihre einzigen Bewohner sein würden. Auch andere Fremdlinge waren hier gewesen, wissbegierige Leute gleich uns. Ihre Namen waren an die Mauern geschrieben mit Gedichten und Figuren; und auch hier verrieten sich jene gemeinen, niedrigen Seelen, die an Entweihung heiliger Orte ihre Lust finden. Unter den Namen, aber nicht etwa aus der letzteren Klasse, lasen wir die uns bekannten des Kapitän Caddy und Herrn Walkers, und den eines Landsmannes Noah O. Platt aus New York. Letzterer war als Supercargo eines Schiffs nach Tabasco gekommen, war einen der Flüsse hinaufgefahren, um Campecheholz [Färbeholz] einzunehmen, und hatte während der Beladung seines Fahrzeugs die Ruinen besucht. Seine Erzählung von ihnen hatte lange zuvor, ehe sich mir die Gelegenheit dazu bot, den lebhaften Wunsch in mir erweckt, sie zu besuchen.
   Hoch oben an einer Seite des Korridors stand der Name William Beanham und darunter eine mit Bleistift geschriebene Strophe. Mittelst eines Baumes mit eingeschnittenen Kerben klomm ich hinauf und las die Zeilen. Der Reim war fehlerhaft und die Orthographie schlecht, aber sie atmeten ein tiefes Gefühl für das Erhabene, das diese unbekannten Ruinen umschwebt. Der Verfasser schien mir auch bekannt zu sein. Ich hatte seine Geschichte in der Stadt erzählen hören. Er war ein junger Ire, der von einem Kaufmann in Tabasco um des Kleinhandels willen ins Innere geschickt wurde und einige Zeit in Palenque und dessen Nähe verbracht hatte. Von einem lebhaften Interesse für die Indianer getrieben, fasste er, nachdem er sich eine Zeitlang mit der Angelegenheit beschäftigt hatte, den Entschluss, ins Land der Karaiben vorzudringen. Seine Freunde bemühten sich, ihn davon abzubringen, und der Präfekt sagte zu ihm: »Sie haben rotes Haar, eine blühende Gesichtsfarbe und weiße Haut, und so werden diese Menschen entweder einen Gott aus ihnen machen und Sie bei sich behalten oder sie werden Sie schlachten und verzehren. « Vergebens. Er reiste ganz allein und zu Fuß ab, überschritt den Fluss Chacamal und kehrte nach fast einjähriger Abwesenheit unversehrt zurück, freilich aber matt und abgemagert, mit langem Haar und langen Nägeln, nachdem er acht Tage mit einem einzigen Karaiben an den Ufern eines wilden Flusses nach einer Furt gesucht und von Wurzeln und Gräsern gelebt hatte. Er baute eine Hütte am Chacamal, lebte hier mit einem karaibischen Diener und bereitete sich zu einer zweiten und länger und weiter ausgedehnten Reise unter den Karaiben vor, als eines Tages einige Bootsleute, die kamen, um mit ihm zu handeln, ihn mit zerspaltenem Schädel tot in seiner Hängematte liegend fanden. Er war den Gefahren einer Reise entkommen, wie sie kein Mann in diesem Land zu unternehmen wagte, um in einem Augenblick geträumter Sicherheit durch eines Meuchlers Hand zu sterben. Sein Arm hing nach außen und auf dem Boden lag ein Buch; wahrscheinlich war er beim Lesen erschlagen worden. Die Mörder, von denen einer sein Diener war, wurden ergriffen und saßen eben jetzt in Tabasco im Gefängnis. Es ist zu bedauern, dass man in Palenque außer der außerordentlichen Tatsache seines Besuchs bei den Karaiben und seiner glücklichen Rückkehr an allem Sonstigen nur wenig Interesse genommen hat. So ist es gekommen, dass alle seine Papiere und seine Sammlung von Merkwürdigkeiten verzettelt und vernichtet worden und alle Früchte seiner Mühen mit ihm verloren gegangen sind. Lebte er noch, er würde vor allen anderen der Mann sein, auf die Entdeckung jener geheimnisvollen Stadt, die unsere Phantasie so viel beschäftigt hat, auszugehen und sie durchzuführen.
   Während wir unsre Beobachtungen anstellten, war Juan in ein Geschäft vertieft, das seine Seele liebte. Wie bei allen jungen Burschen dieses Landes war es sein Stolz und sein Ehrgeiz, Handdienste zu tun. Während er über die männliche Beschäftigung eines Maultiertreibers spöttelte, war sein Sinn auf häusliche Arbeit gerichtet. Er wäre zwar herzlich gern in der Stadt zurückgeblieben und konnte sich nicht mit dem Gedanken befreunden, in den Ruinen längere Zeit zu verweilen; aber er söhnte sich damit aus, als ihm gestattet wurde, sich ausschließlich der Küche zu widmen. Um vier Uhr setzten wir uns zum ersten Mittagsmahl nieder. Das Tischtuch waren zwei Blätter, jedes gegen zwei Fuß lang, die wir von einem Baum auf der Terrasse vor der Tür abgepflückt hatten. Unser Salzgefäß stand gleich einer Pyramide da; es war aus der Länge nach zusammengestellten Maiskolben gebildet und hielt vier bis fünf Pfund, in Stücken von der Größe einer Erbse bis zu der eines Hühnereis. Juan fühlte sich so selig, als hätte er das Essen ganz allein für seinen eigenen Magen zubereitet, und es ging so lustig her wie bei einem Hochzeitsschmause. Mit einem Male überzog sich der Himmel, und ein heftiger Donnerschlag kündigte den Nachmittagssturm an. Von der Höhe der Terrasse aus blickten wir über des Waldes Wipfel und konnten sehen, wie die Bäume von der Gewalt des Sturmes niedergebeugt wurden; nicht lange, so sauste ein grimmiger Windstoß durch die offenen Türen, dem augenblicklich ein schwerer Regen folgte. Unser Tisch wurde vom Wind abgeräumt und war, ehe wir noch zu flüchten imstande waren, schon vom Regen überschwemmt. Wir ergriffen unsere Schüsseln und beendeten unser Mahl, so gut wir konnten.
   Der Regen hielt, von einem schweren Gewitter begleitet, den ganzen Nachmittag an. Bei der absoluten Notwendigkeit, unsere Wohnung in den Ruinen aufzuschlagen, hatten wir kaum daran gedacht, dass wir hier den Elementen preisgegeben wären, bis der Gedanke daran uns aufgenötigt wurde. Nachts konnten wir kein Licht brennen, dafür wurde aber der finstere Palast von Feuerfliegen von außerordentlicher Größe und ungemeinem Glanze erhellt, die teils durch die Korridore schossen, teils ständig an den Mauern schwebten und ein schönes und wundersames Schauspiel boten. Bekannt unter dem Namen der Leuchtkäfer, werden sie schon von den frühen Spaniern unter den Wundern einer Welt, wo alles neu war, erwähnt als »die da zeigen den Weg denen, welche reisen zur Nachtzeit«.
   Wir fingen einige jener Leuchtkäfer, freilich nicht durch Rufen bei ihrem Namen, sondern mit dem Hut, wie daheim die Schulknaben die Feuerfliegen oder, wie sie dort minder poetisch heißen, die Leuchtwanzen zu heißen pflegen. Sie sind über einen halben Zoll lang und haben ein spitzes und bewegliches Fühlhorn am Kopf. Werden sie auf den Rücken gelegt, so können sie sich nur dadurch wieder aufhelfen, dass sie dieses Fühlhorn gegen ein Häutchen auf der Stirn drücken. Hinter den Augen sind zwei runde durchscheinende Häutchen voll leuchtender Substanz, etwa von der Größe einer Stecknadelkuppe, und darunter befindet sich eine größere Membrane mit derselben Leuchtsubstanz. Vier dieser Tierchen zusammen strahlten auf mehrere Ellen im Umkreis ein glänzendes Licht aus, und bei dem Lichte eines einzigen konnten wir den feinen Druck einer amerikanischen Zeitung deutlich lesen. Diese Zeitung war angefüllt mit Kongressdebatten; und es kam mir seltsamer als irgendein Erlebnis meiner Reise vor, dass ich beim Schein von Leuchtkäfern und in den Palasttrümmern von Palenque die Reden und Taten der großen Männer meiner Heimat las.
   Als mir nun aber gar Herr Catherwood ein Omnibusbillet vom Broadway, das er beim Ausleeren der geräumigen Tasche einer Jagdjacke gefunden hatte, einhändigte, da erwachten die Erinnerungen an das Heimatland in aller Lebhaftigkeit, und zu diesen vertrauten Bildern gehörten auch die guten Betten, in welche unsere Freunde eben jetzt sich legten. Die unsrigen waren im hinteren Korridor aufgeschlagen, der den Hof entlang lief. Dieser Korridor bestand abwechselnd aus offenen Türen und Pilastern. Der Wind sauste hindurch und der Regen schlug hinein, und zum Unglück standen unsere Betten nicht außer dem Bereich des letzteren. Sie waren mit einiger Mühe auf übereinander gelegten Steinen errichtet worden, und wir waren im Augenblick nicht imstande, ihre Stelle zu ändern. Wir hatten keine überflüssigen Gegenstände, die wir als Schutz hätten aufstellen können. Zum Glück aber waren zwei Regenschirme, mit Messruten zusammengebunden und von einem Stück Matte umwickelt, der Zerstörung auf den wilden Gebirgsstraßen entgangen, und diese machten Herr Catherwood und ich am Kopfende unserer Betten fest. Pawling lag so hoch in einer Hängematte im Korridor, dass er vom Regen nur am Fuß gestreift wurde. Und so brachten wir unsere erste Nacht in Palenque hin.
   Am Morgen zeigte sich, dass Regenschirme, Betttücher, Kleidungsstücke und Hängematten durch und durch nass waren und dass es keine trockene Stelle gab, wohin man hätte treten können. Wir betrachteten uns schon mit Sicherheit als dem Rheumatismus verfallen. So brachte uns diese Nacht eine recht unerquickliche Enttäuschung, da wir in Palenque das Ende aller Beschwerden und eine Fülle von Behaglichkeit und Genuss zu finden erwartet hatten. Alles, was wir tun konnten, war, unsere Betten an einer Stelle aufzustellen, die einen besseren Schutz für die nächste Nacht versprach.
   Ein gutes Frühstück hätte zur Wiederherstellung unseres Gleichmuts viel beigetragen. Zum Unglück aber fanden wir, dass die Tortillas, die wir den Tag zuvor mit herausgebracht hatten, teils infolge des halbvermoderten Korns, das man vermutlich dazu genommen hatte, teils infolge der außerordentlichen Feuchtigkeit zusammengekleistert, sauer und verdorben waren. Wir verzehrten unsere Bohnen, Eier und Schokolade der Reihe nach ohne Brot und ohne einen Ersatz, und wie oft zuvor in Zeiten der Not brachte uns eine Zigarre wieder Gleichmut und Zufriedenheit. Gesegnet sei der Mann, welcher den Tabak erfand, diesen Besänftigter und Beruhigter eines bekümmerten Gemüts, diesen Mäßiger der Leidenschaft des Zorns, diesen Tröster beim Verluste eines Frühstücks, diesen Begleiter des Einödendurchwanderers, des einsamen Wallers durchs Leben, dem er »Weib, Kinder und Freunde ersetzt«.
   Gegen zehn Uhr kamen die Indianer mit frischen Tortillas und Milch an. Auch unser Führer, der mit dem Zerhauen und Verkaufen des Schweins fertig war, kam mit ihnen. Es war derselbe Mann, der von Herrn Waldeck, wie auch von Herrn Walker und Kapitän Caddy in Dienst genommen worden war, und er war mir vom Präfekten als einziger Mann, der die Ruinen kenne, empfohlen. Von ihm geleitet, brachen wir zu einer vorläufigen Besichtigung auf. Uns selbst überlassen würden wir, wenn wir den Palast in irgendeiner Richtung verlassen hätten, nicht gewusst haben, welcher Weg unsere Schritte leiten müsse.
   Zuerst ein Wort über den Umfang dieser Ruinen. Selbst in diesem praktischen Jahrhundert hat die Phantasie des Menschen an Wundern ihre Lust. Die Indianer und die Einwohner von Palenque sagen, die Ruinen bedecken einen Raum von sechzig Meilen; in einer Reihe wohlgeschriebener Artikel in unserem eignen Lande sind sie als zehnmal größer als New York angenommen worden, und jüngst las ich einen Zeitungsartikel über unsere Reise, welcher sagte, die von uns »entdeckte« Stadt sei dreimal so groß wie London gewesen! Es liegt nicht in meiner Natur, eine Wundergeschichte in Misskredit zu bringen. Ich bin ein langsamer Ungläubiger und würde lieber alle solche Dichtungen in Schutz nehmen; aber es ist mein unglückliches Los gewesen, Wunder zerfließen zu sehen, sobald ich ihnen ins Gesicht sah; verlor doch selbst das Tote Meer seinen geheimnisvollen Zauber; und übrigens weiß ich ja als Reisender und Schriftsteller, dass diejenigen, die nach mir kommen, nicht verfehlen werden, mich zu berichtigen, wenn ich Unrecht habe. Unter diesen Umständen bin ich genötigt zu sagen, dass die Indianer und die Einwohner von Palenque in der Tat gar keine persönlichen Kenntnisse von den Ruinen besitzen, und dass die anderen Nachrichten auf keinem genügenden Grunde ruhen.
   Das ganze Land meilenweit umher ist von einem dichten Wald gigantischer Bäume bedeckt, mit einem Wuchs von Gebüsch und Unterholz, wie er in den Waldeswildnissen unseres Landes unbekannt ist, und nach allen Richtungen hin undurchdringlich, wenn man sich nicht mittels der Machete einen Weg bahnt. Was in diesem Wald begraben liegt, ist mir aus eigener Kenntnis unmöglich zu sagen. Ohne einen Führer wären wir an den in der Nähe liegenden Gebäuden vorübergegangen, ohne eines davon zu entdecken.
   Kapitän del Rio, der erste Erforscher, dem Menschen und Mittel dabei zu Gebote standen, sagt in seinem Bericht, dass er bei Ausführung des an ihn ergangenen Befehls den ganzen Wald gefällt und niedergebrannt habe; er sagt zwar nicht, wie weit, wenn man aber nach den im Inneren der Gebäude gemachten Breschen und Ausgrabungen urteilen soll, wahrscheinlich meilenweit umher. Kapitän Dubaix, der in königlichem Auftrag handelte und mit all den Hilfsmitteln, die ein solcher Auftrag zu gewähren pflegt, ausgestattet war, entdeckte keine weiteren Gebäude als die von del Rio erwähnten; auch wir sahen nur die nämlichen; da wir aber den Vorteil genossen, die genannten Männer zu Führern zu haben (wenigstens den Bericht von del Rio, während wir von Dupaix' Werken damals noch gar nichts gesehen hatten), so sahen wir natürlich Dinge, die ihrer Beobachtung entgingen, gerade wie diejenigen, die nach uns kommen, das uns Entgangene sehen werden.
   Dieser Ort bildete das Hauptziel unserer Reise, und es war unser Wunsch und unsere Absicht, hier eine ganz gründliche Nachforschung vorzunehmen. Respekt vor meinem offiziellen Charakter, der spezielle Inhalt meines Passes und Schreiben von mexikanischen Behörden gewährten mir jedwede Erleichterung. Der Präfekt nahm an, dass ich von meiner Regierung ausdrücklich zu dem Zweck der Durchforschung der Ruinen hergesandt sei, und jedermann in Palenque, mit Ausnahme unseres Freundes, des Alcalden, und selbst dieser, soweit es die Launenhaftigkeit seines Gemüts erlauben wollte, war geneigt, uns behilflich zu sein. Aber es traten zufällige Schwierigkeiten ein, die unüberwindlich waren. Erstens standen wir in der Regenzeit, welche die Sache unter allen Umständen schwierig gemacht hätte; da aber die Regen nicht eher als nachmittags um drei oder vier Uhr beginnen und morgens das Wetter allezeit heiter war, so hätten sie allein nicht genügt, uns an unserem Vorhaben zu hindern; wohl aber gab es noch andere Beschwerlichkeiten, die uns von Anfang an umgaben und während unseres ganzen Aufenthalts bei den Ruinen andauerten. Es gab keine Axt und keinen Spaten am Ort, und das einzige Instrument war, wie gewöhnlich, die Machete, die hier einem kurzen und breiten Schwert glich; ferner war die Schwierigkeit, uns Indianer zur Arbeit zu verschaffen, hier größer als an irgendeinem anderen Ort, den wir besucht hatten. Denn es war die Zeit des Maispflanzens, und die Indianer, von unmittelbarer Hungersnot bedrängt, waren alle auf ihren Feldern beschäftigt. Der Preis eines indianischen Arbeiters war achtzehn Cents für den Tag; aber der Alcalde, der die Leitung dieses Geschäftszweiges hatte, wollte mich nicht höher als auf fünfundzwanzig Cents gehen lassen, und die größte Zahl der von ihm für mich gedungenen Leute betrug vier bis sechs pro Tag. Diese Leute wollten nicht in den Ruinen schlafen, kamen spät und gingen frühzeitig wieder fort. Manchmal erschienen ihrer nur zwei oder drei, und selten kamen dieselben Leute zweimal wieder, so dass während unseres Aufenthaltes die gesamten Indianer der Stadt die Runde bei uns gemacht hatten. Dies vermehrte unsere Arbeit und Mühe gar sehr, weil es nötig war, beständig bei ihnen zu stehen und ihre Arbeit zu leiten und zu beaufsichtigen, und weil wir, wenn eine Riege von Leuten zu begreifen anfing, was und wie wir es wünschten, genötigt waren, wieder andere dasselbige zu lehren. Dabei will ich noch bemerken, dass ihre Arbeit, obgleich dem Namen nach billig, doch im Verhältnis zu ihren Leistungen teuer war.
   Trotz dieser geschilderten Schwierigkeiten ist es mein Wunsch, andere nicht zu entmutigen. Indem ich zuvor bemerke, dass die veröffentlichten Mitteilungen über die ungeheure Mühe und die Unkosten, die mit der Erforschung dieser Ruinen verknüpft sein sollen, übertrieben und unwahr sind, füge ich bei, dass, wenn man mit Beginn der trockenen Jahreszeit mit acht bis zehn jungen und energischen amerikanischen Arbeitern hier anlangt, die Ruinen samt und sonders in weniger als sechs Monaten bloßgelegt werden können. Jeder, der einmal hundert Acker Landes abgeholzt und urbar gemacht hat, ist imstande, die Sache zu unternehmen, und die Zeit und das Geld, das ein einziger unserer jungen Männer in einem »Winter in Paris« verbringt, würde genügen, um außer allen Zweifel zu setzen, ob die Stadt wirklich jemals den ungeheuren Raum eingenommen habe, den man ihr zugeschrieben hat.
   Ich kehre nun wieder zu unserem Tagewerk zurück. Unter der Leitung unseres Führers hatten wir zwar einen anstrengenden, aber höchst interessanten Tag. Was wir hier sahen, bedarf keiner Übertreibung. Es erweckte unsere Bewunderung, unser Staunen. Am Nachmittag kam das regelmäßige Unwetter herauf. Wir hatten indes unsere Betten längs der Korridore und unter dem Schutz der äußeren Mauer aufgestellt und waren zwar nunmehr besser geschützt, hatten aber furchtbar unter den Moskitos zu leiden, deren Sumsen und deren Stiche uns den Schlaf verjagten. Mitten in der Nacht nahm ich meine Matte, um diesen Ruhemördern zu entfliehen. Der Regen hatte aufgehört, und der Mond, durch die schweren Wolken brechend, goss ein bleiches Licht in den verfallenen Korridor. Ich kletterte über einen Steinhaufen an dem einen Ende, wo die Mauer eingestürzt war, hinweg, stolperte an der Außenseite des Palastes hin, tappte einen niedrigen, feuchten Gang entlang und breitete meine Matte vor einer niedrigen Tür am innersten Ende des Ganges aus. Zwar flatterten und schwirrten Fledermäuse lärmend und schaurig durch den Gang, aber die hässlichen Geschöpfe trieben doch die Moskitos fort. Die dumpfe Feuchtigkeit war kühlend und erfrischend, und trotz einiger unbehaglicher Gedanken an Schlangen, Eidechsen und Skorpione, die in diesen Ruinen hausen, schlief ich ein.
   Mit Tagesanbruch kehrte ich von meiner dumpfen Schlafstätte zurück und fand Herrn Catherwood und Pawling halb angekleidet und verdrießlich auf den Steinen sitzend. Sie hatten die Naht schlechter als ich verbracht. Unserer Lage und unsere Aussichten waren sehr trübe. Der Regen, die schwere Arbeit, das schlechte Essen – das alles war nichts, aber ohne Schlaf, ohne Schlaf konnten wir nicht länger bestehen. In der folgenden Nacht war es mit den Moskitos nicht auszuhalten; der kleinste Teil des Körpers, die Spitze eines Fingers, wurde, wenn er unbedeckt war, von ihnen gestochen. Bedeckten wir den Kopf, so war die Hitze zum Ersticken, und des Morgens waren unsere Gesichter ganz voller Hitzebläschen. Fanden wir kein Gegenmittel, so waren wir verloren. Bei solchen Gelegenheiten wie dieser entfaltet sich die schöpferische Macht des Genius. Unsrer Betten bestanden, wie man sich erinnern wird, aus nebeneinander gelegten und auf vier Unterlagen von aufgeschichteten Steinen ruhenden Stangen. Über diese legten wir unsere Pellones und Armas de agua oder lederne Schutzschienen gegen den Regen, und auf diese unsere Strohmatten. Dies verhinderte, dass unsere Feinde uns von unten, durch die Zwischenräume der Stangen, angriffen. Unsere Betttücher waren bereits zu Säcken zusammengenäht. Nun trennten wir die eine Seite auf, schnitten Ruten ab und krümmten sie zu Bogen, die etwa zwei Fuß Höhe über der Bettunterlage hatten. Über diese gekrümmten Ruten wurden die Betttücher gespannt und, mit Ausnahme eines kleinen Stückes am Kopf, das offen blieb, ringsum zugenäht, so dass sie so ziemlich wie Totenladen aussahen. In diese Säcke krochen wir des Nachts hinein.
   Schon lauerten die Feindesscharen drinnen auf diesen Augenblick. Wir aber hielten vor die offenen Stellen den Stumpf von einem brennenden Licht, lockten sie damit heraus, machten Jagd auf sie, schlugen wacker drauflos und legten uns dann mit trotziger Herausforderung zum Schlafen nieder. Es war dies eine neue Art, unter den Decken zu schlafen; aber abgesehen davon, dass sie uns den Sieg über die Moskitos verschaffte, hatte sie auch noch einen anderen Vorteil; die Hitze war nämlich so arg, dass wir angekleidet nicht schlafen konnten. Es war ferner unmöglich, unsere Betten so zu stellen, dass der Regen nicht auf sie herein schlug; und so wurde, teils durch die einen oder zwei Fuß hohe Spannung der Decke, teils dadurch, dass sie nass gehalten wurde, die erhitzte Luft inwendig abgekühlt.
   Auf solche Wese lebten wir hier. Dabei kamen die Indianer täglich am Morgen mit Provisionen heraus, freilich aber selten eher als nach genossenem Frühstück, weil die Tortillas in des Alcalden eigener Küche gebacken wurden und seine Hausordnung nicht gestört werden durfte.
   Mittlerweile ging unsere Arbeit voran. Wie zu Copan, so war es auch hier mein Geschäft, die verschiedenen Gegenstände für Herrn Catherwood  zum Zeichnen vorher zurechtzumachen. Viele von den Steinen mussten abgekratzt und gereinigt werden, und da es unser Zweck war, in den Zeichnungen die höchstmögliche Genauigkeit zu erreichen, so waren an vielen Stellen Gerüste aufzurichten, um die Camera lucida darauf zu stellen. Pawling nahm mir einen großen Teil dieser Arbeit ab.
   Der Leser wird nicht überrascht sein, wenn wir, mit solchen Gegenständen beschäftigt, manche Unannehmlichkeiten unserer fürstlichen Residenz nicht beachteten. Wir hatten hier von Wild zu leben erwartet, sahen uns aber getäuscht. Wilden Truthahn konnten wir zwar zu jeder Zeit vom Portal des Palastes aus schießen; nachdem wir es aber mit einem versucht, wagten wir nicht, unsere Zähne an einem zweiten zu verderben. Außer diesem gab es nichts als Papageien, Affen und Eidechsen, durchweg ein recht gutes Mahl, das wir aber für Zeiten dringender Not in Reserve hielten. Übrigens hätte die Dichte des Waldes und die schweren Regen das Jagen unmöglich gemacht.
   Einmal fing ich ganz allein auf eine Durchforschung aus. Von der Tür des Palastes aus, fast in gleicher Linie mit der Front, erhob sich ein hoher, steiler Berg, von dem wir meinten, er müssen einen Überblick über die alte Stadt in ihrem ganzen Umfang gewähren und vielleicht selbst auch Ruinen enthalten. Von dem hinteren Teil des Gebäudes ließ ich, mit meinem Kompass in der Hand und mit einem Indianer mit seiner Machete vor mir her, eine gerade Linie in ostnordöstlicher Richtung zum Gipfel hinaus aushauen. Der Weg war so steil, dass ich genötigt war, mich an den Zweigen hinaufzuziehen. Auf der Spitze des Berges traf ich auf einen hohen Steinhügel nebst einer noch vorhandenen Grundmauer. Vermutlich hatte ein Turm oder Tempel hier gestanden. Aber der Wald war so dicht wie unten, und daher war von der Ruinenstadt gar nichts, nicht einmal der Palast, zu sehen. Ich kletterte auf einen der Bäume, die aus der Spitze des Steinhügels hervor gewachsen waren, konnte aber auch von hier aus weder den Palast noch irgendein anderes Gebäude gewahren. Hinter uns, nach dem Berg zu, war nichts als Wald, vor uns blickten wir durch eine Öffnung der Bäume auf eine große bewaldete Ebene, die sich bis Tabasco und bis zum Golf von Mexiko ausdehnte. Der Indianer stand am Fuß des Baumes, und wie er durch die Zweige des Baumes guckte, wandte er plötzlich sein freudestrahlendes Gesicht zu mir herauf, zeigte mir ein Fleckchen auf der Ebene, das ihm die Welt war, und rief: »Alli esta el pueblo – dort liegt mein Pueblo«. Dies war die einzige Gelegenheit, wo ich auf Entdeckung ausging, weil ich nur dieses eine Mal einen bestimmten Zielpunkt vor mir hatte.
   Ich muss jedoch die Untersuchung einer Wasserleitung, die Pawling und ich gemeinsam versuchten, ausnehmen. Sie wird von einem Wildwasser gespeist, das am Fuß der Terrasse, auf der der Palast steht, hinläuft. Als wir bei den Ruinen anlangten, ging das ganze Gewässer durch diesen Aquädukt. Jetzt war es angeschwollen und strömte oberhalb desselben und zur Seite in seiner ganzen Länge hin. An der Öffnung des Aquädukts hatten wir große Mühe, dem wilden Wasser zu wehren. Innen war es vollkommen finster und wir konnten ohne Licht nicht vorwärts. Die Wandungen waren von glattem Stein und gegen vier Fuß hoch. Und die Decke bestand aus übereinander vorragenden Steinen, wie in den Korridoren der Gebäude. Eine kurze Strecke vom Eingang wandte sich der Gang zur Linken und in einer Entfernung von 160 Fuß war er durch die Trümmer der eingestürzten Decke vollständig versperrt, so dass es uns unmöglich war, seine ferne Richtung zu bestimmen; indessen ging er sicherlich nicht unter dem Palast hinweg, wie man vermutet hat.
   Außer den gewaltigen Blitzen und dem krachenden Donner hatten wir einmal nachts einen Schreck. Wir hörten nämlich ein Geräusch, das klang wie das Knicken eines trockenen Zweiges unter einem festen Tritt, das uns alle auf einmal aufjagte. Ich hielt den Tritt für den eines wilden Tieres. Herr Catherwood aber, dessen Bett näher stand, meinte, es müsse der Tritt eines Mannes sein. Wir kletterten auf einen hohen Haufen herabgefallener Steine am Ende dieses Korridors, aber es war alles dichte Finsternis. Pawling tat zwei Schüsse, um zu zeigen, dass wir wach wären, und wir legten Stangen quer über den Korridor als Falle, so dass selbst ein Indianer von dieser Seite nicht eindringen konnte, ohne mit bedeutendem Lärmen zu stürzen und Schaden zu nehmen.
   Außer Moskitos und Garrapatas (Zecken) hatten wir auch noch von einem anderen schlimmen Insekt, Nigua von den Eingeborenen genannt, zu leiden. Diese Niguas sollen eine große Plage für die Spanier bei ihrer ersten Ankunft im Lande gewesen sein. Der spanische Geschichtsschreiber sagt von ihnen, »dass sie sich unter den Nägeln der Zehen einfraßen, daselbst unter der Haut ihre Eier legten und sich in solcher Weise vermehrten, dass man sie nicht anders loswerden konnte als durch Ätzmittel, wodurch manche ihre Zehen, mache gar ihre Füße verloren, während sie gleich anfangs hätten herausgezogen werden sollen; da sie aber mit dem Übel noch unbekannt waren, so wussten sie das rechte Mittel nicht anzuwenden.«
   Diese Schilderung ist bis zum letzten Satz wahr. Wir waren diesen Niguas bis zu unserer Ankunft in Palenque glücklich entgangen, und da wir mit dem Übel nicht bekannt waren, so wussten auch wir das rechte Mittel nicht anzuwenden. Ich trug mehrere Tage eine in meinem Fuß und fühlte wohl, dass mit etwas fehlte, ohne aber zu wissen was, bis die Eier gelegt waren und sich vermehrt hatten. Pawling machte sich daran, sie mit einem Federmesser heraus zu holen, wonach ein großes Loch im Fleisch blieb, und teils dadurch, teils durch die Stiche verschiedener Insekten entzündete sich mein Fuß dermaßen, dass ich keinen Schuh und keinen Strumpf anziehen konnte und genötigt war, zu ruhen und einen ganzen Tag lang meinen Fuß in horizontaler Lage zu halten, der, da er unbedeckt war, von kleinen schwarzen Fliegen angegriffen wurde, deren Bisse ich zwar in dem Augenblick, wo sie erfolgten, nicht fühlte, die aber Spuren gleich Stichen von hundert Nadeln zurück ließen. Die Entzündung war so bedeutend und die Anschwellung nahm in einem solchen Grade zu, dass ich besorgt wurde und nach der Stadt zurück zu kehren beschloss. Dies auszuführen war keine leichte Sache. Der Fuß war viel zu dick, um in einen Steigbügel zu gehen, und wenn ich ihn nur wenige Augenblicke in hängender Lage hielt, war mir, als das Blut die Haut zersprengen wollte, und der Gedanke, damit gegen einen Busch zu streifen, machte mich und macht mich selbst jetzt noch schaudern. Es war indes unumgänglich nötig, den Ort zu verlassen. Ich schickte in die Stadt nach einem Maultier und am zehnten Tag nach meiner Ankunft in den Ruinen hinkte ich die Terrasse hinab und stieg auf, wobei mein unglückliches Bein auf einem über den Sattelbogen gelegten Kissen ruhte. Dies gewährte mir aber auf dieser schlammigen Straße einen sehr unsicheren Sitz. Zwar ritt ein Mann vor mir her, der die Zweige abschnitt, aber dennoch wurde mir der Hut drei oder vier Mal abgeworfen, und zwei Mal war ich abzusteigen genötigt. Zu meinem großen Trost kamen wir noch zur rechten Zeit aus dem Wald heraus. Das plötzliche Heraustreten aus dem dichten, eingeschlossenen Walde in freies Land belebte jeden Pulsschlag.
   Als ich zu dem Plateau, auf dem die Stadt liegt, hinauf ritt, bemerkte ich eine ungewöhnliche Lebhaftigkeit und eine Menge Menschen auf der mit Gras überwachsenen Straße, wohl 15 bis 20 an der Zahl, die bei meinem Anblick in Bewegung gesetzt zu werden schienen, worauf sogleich drei oder vier Männer auf mich zu geritten kamen. Nachdem ich schon so mancherlei verschiedene Charaktere in diesem Land getragen, wurde ich dieses Mal mit meinen Gefährten irrtümlich für drei Padres gehalten, die an diesem Morgen aus Tumbala erwartet wurden. Hätte das Missverständnis länger gedauert, so hätte ich ein Mahl, das für mindestens sechs Personen ausgereicht hätte, für mich gehabt. Leider aber wurde der Irrtum bald entdeckt und so ritt ich weiter zu unserem alten Haus. Auf der Stelle zeigte sich der Alcalde mit den Schlüsseln in der Hand und im vollständigen Kostüm, das heißt, sein Hemd war in den Hosen; und ich war glücklich, als ich sah, dass er über das Kommen der Padres in üblerer Laune war als über unsere Ankunft. Ja es schien sogar, als hätte er jetzt ein bisschen Neigung zu mir als einem, der mit ihm in seinem Ärger über die Dummheit, um dieser Padres willen einen solchen Rumor zu machen, sympathisieren könnte. Als er nun gar noch meinen Fuß sah, legte er wirklich einiges Mitleid an den Tag und war bemüht, mir es so bequem wie möglich zumachen. Die Anschwellung hatte bedeutend zugenommen. Aber durch vollkommen ruhiges Liegen, durch Medizin aus unserer Arzneikiste, durch Hungerkur und Entfernung aller erregenden Ursachen verminderte ich in zwei Tagen und zwei Nächten die Entzündung in sehr merklichem Grade.

Stephens, John Lloyd
Reiseerlebnisse in Centralamerika, Chiapas und Yucatan
Leipzig 1853

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Mexiko
Wien 2003

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