Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1874-75 - Friedrich Ratzel
Mexiko City - Der Paseo

Nächst ihren eigenen Behausungen und den Kirchen sind für die Mexicaner beiderlei Geschlechts die Paseos, die Alameda und der Zocalo die wichtigsten Teile der ganzen Stadt. Auf den Paseos bewegt sich am Nachmittag die schöne Welt in Kutschen und zu Pferde. Gemessenen Schrittes ziehen sie aneinander vorüber, die Herren mustern die Damen und diese mustern Damen und Herren. Auf den Fusswegen daneben bemühen sich Fussgänger, zu sehen und gesehen zu werden, was ihnen aber nur in unzulänglichem Masse gelingt. Denn das ist recht eigentlich das Stelldichein der feineren Welt, die das Zufussgehen hier grossenteils nicht als Erholung, sondern als eine gemeine Arbeit betrachtet, der man sich überhebt, wo es möglich ist. Zwar haben modernere Ansichten auch in dieser Richtung angefangen, sich geltend zu machen und bei der Musik, die an Sonntagmorgen sich in der Alameda (einer Art Stadtpark, teils mit Blumen, teils mit Bäumen bepflanzt) hören lässt, sieht man schon einen guten Teil der schönen Welt lustwandeln; aber die Feinsten, welche am zähesten am Alten kleben, bleiben immer noch in ihren Kutschen sitzen, die in langer Reihe am Rande des Parkes auffahren, hören von Weitem ein bißchen Musik und fahren dann wieder nach Haus. Eben so sieht man an den schönen Winter- und Frühlingsabenden Manche auf der Plaza lustwandeln, wo Kaiser Maximilian zwischen der Kathedrale, den Kaufhallen und dem Palazio nacional einen Miniaturpark anpflanzen liess; aber dies ist Ausnahme, während der Besuch der Paseos Regel, ja, fast Bedingung ist für jeden, der eine Stellung in der feinen und müssigen Welt beansprucht. Es ist das insofern ganz natürlich, als beim Mangel eines gesellschaftlichen Lebens in grossem Stil und Vergnügungen höherer Art, wie guter Theater und Concerte, dieses Spazierenfahren und -reiten so ziemlich die einzige Gelegenheit ist, die bessere Gesellschaft der Stadt beisammen zu sehen.
   Eines Teils sind diese Paseofahrten stark von altspanisch steifer Etiquette beherrscht, wie man denn selten auf denselben trotz des vorwiegend klaren und warmen Wetters einer offenen Kutsche begegnet. Vorzüglich schöne und originelle Wagen und Gespanne, wie sie z. B. in Wien den Praterfahrten einen so eigentümlichen Reiz verleihen, fehlen gänzlich. Man sieht geschlossene, ziemlich schwere, viersitzige Wagen, die mit zwei Pferden oder Maultieren bespannt sind. Dagegen prangen die, welche zu Pferde kommen, im vollen mexicanischen Reitstaat, den in solcher bunter, wild-origineller Ausbildung selbst Ungarn nicht kennt. Schon die schweren silberbeschlagenen Sättel mit den geschlossenen Steigbügeln, dem Fransen- und Zottelwerk, den lang herabhängenden Satteltaschen aus schwarzem Ziegenfell machen einen entschieden malerischen Eindruck. Dazu kommt das Costüm der Reiter, das meistens aus gestickter, über und über mit Knöpfen besetzter brauner Lederhose, grossen Sporen, kurzer Jacke und breitem Sombrero besteht, der reich mit Silber gestickt ist. Die Pferde sind durchgängig stolze, lebhafte Thiere, mehr schlank als schwer, Schweif und Mähne lang, wie die Natur sie wachsen lässt. Der Mexicaner liebt es, wenn sie sich etwas wild bewegen, und sind sie z. B. vielfach darauf dressiert, einen raschen Satz auf die Seite zu machen, wenn ein anderes Pferd ihnen begegnet. Man sagt deshalb von einem etwas unbändigen Pferde, das seine Männchen macht, "das ist ein rechtes Paseopferd". Sprengt noch ein Diener, ganz in braunes Hirschleder gekleidet und den grellfarbigen Poncho umgehängt, hinter einem solchen flotten Reiter her, so lässt der malerische Eindruck nichts zu wünschen übrig. Durch die Reiter bekommt auf diese Weise der ganze Paseo einen lebhaften Charakter, denn ohne sie würden die trägen Kutschenreihen eher an ein Leichenbegängnis erinnern. Unschwer erkennt man in diesem Contrast die zwei grössten Gegensätze, welche die mexicanische Gesellschaft beherrschen: das träge, abgeschlossene, fast orientalische Leben der Frauen und die halbwilde Ungezügeltheit der Männer. Es liegt auch ein mittelalterliches Erbstück, wie Spanien und seine Dependenzen so manche bewahren, in der Verbindung so schroffer Gegensätze zu Einer gesellschaftlichen Sitte.
   Die Paseos sind nichts als breite, fast schattenlose Alleen mit Fusswegen daneben. Gewöhnlich wird nur einer besucht, den man kurzweg EI Paseo nennt. Aber von Fastnacht bis Pfingsten ist dieser an Sonn- und Feiertagen ganz verlassen, denn dann drängt sich Alles auf dem Paseo de la Viga, der neben einem der Canäle hinzieht, an denen die Hochebene so reich ist. Hier gesellt sich ein merkwürdiges Stück Volksleben zu dem stilleren Schauspiel der Paseofahrt. Der Canal, der hier vorüberführt, geht nämlich nach S. Anita, welches einer der beliebtesten Vergnügungsorte des niederen Volkes und gleichzeitig der Blumengarten von Mexico ist. In S. Anita wird der grösste Theil der Blumen gezogen, die jeden Tag in so grossen Massen auf den Strassen und Märkten Mexicos feilgeboten werden. An den Sonntagen bringen sie ganze Kähne voll nach diesem Paseo und binden sie zu Kränzen und Sträussen. Die braunen Mädchen aus dem Volke tragen dann fast alle volle Kränze von Mohn, Rittersporn, Kornblumen und Rosen in ihren pechschwarzen Haaren. Ein Kahn nach dem anderen, breit und flach gebaut, alle mit heiteren Menschen gefüllt, fährt nach S. Anita hinaus, und fast in jedem Kahne tanzen Burschen mit ihren bekränzten Mädchen und an Musik und Gesang fehlt es nirgends. Den Canal entlang wälzt sich ein Strom von Fussgängern in derselben Richtung, und hier sind unzählige ambulante Küchen und Schenken aufgeschlagen, um dem Volk seine Getränke und Lieblingsspeisen: Pulque, Atole, Tortillas, Tamales und andere feine Dinge darzubieten. Aber den Glanz und das Leben eines wahren Volksfestes bringt hier der Feiertag Dolores (Freitag vor Palmsonntag), an welchem die Fusswege an einem Teile des Paseo zu grünen Lauben umgewandelt sind unter denen wieder Blumenverkäufer und jene wandernden Wirte und Köche einer bunten Menge, in welcher alle Classen, und die besseren am zahlreichsten, vertreten sind, ihre mannigfaltigen Waren feilbieten. Schon von früh 6 Uhr drängt sich hier die Menge und Kähne voll Blumen legen längs des Spazierweges am Ufer des Canals an. Alle Welt kauft Blumen, um auf dem Hausaltar das Bild Mariens zu schmücken. Es ist wieder vorzüglich der gefüllte Mohn, die Rose, die Kornblume, grosse Wicken und Rittersporn, welche zu Markte gebracht werden. Auch an künstlichen Blumen fehlt es nicht, die an Ort und Stelle aus Rüben oder langen Rettigen mit grosser Kunst ausgeschnitten und gefärbt werden. Ferner sind bereits Palmen zu kaufen, die man dann am Palmsonntag weihen lässt, um sie zum Heil des Hauses auf dessen Balconen aufzustellen. Einige Musikbanden spielen an verschiedenen Stellen, Stühle und Bänke stehen für die Müden bereit und Wagen und Reiter füllen den Fahrweg. Die Mädchen und Frauen kommen im vollen Sonntagsstaat. Dabei sind die Morgen hier zu dieser Zeit so klar und warm wie bei uns die schönsten Maimorgen. Ich muss sagen, dass ich noch selten ein Fest gesehen, dass so wie dieses in allen Beziehungen einen ungezwungenen und ungesucht schönen, wirklich festlichen Charakter trug.

Ratzel, Friedrich
Aus Mexiko - Reiseskizzen aus den Jahren 1874 und 1875
Neudruck Stuttgart 1969

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!