Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1823 - William Bullock
In Mexico City

Nichts in der Umgegend gibt einen Begriff von der prächtigen Stadt, der man sich naht; alles ist trauriges Schweigen und elende Einöde. Und kann dies, dachte ich bei mir selbst, Mexiko sein? Habe ich um eines solchen Ortes willen meine Heimat und alles, war mir teuer ist, verlassen, während die halbe Welt zwischen mir und England mit seinen Genüssen liegt? Was habe ich dagegen gewonnen?
   Wir kamen an den Schlagbäumen an, passierten durch einen Teil der elend aussehenden Truppen, welche die Stadt umgaben, und betraten die Vorstädte, die schlecht und schmutzig und deren Einwohner mit Lumpen bedeckt oder nur in eine wollene Decke eingehüllt waren. So groß war meine getäuschte Erwartung, dass ich mich kaum überzeugen konnte, ich sei in der Hauptstadt Neu-Spaniens, dem großen Markte kostbarer Metalle, von wo aus sie sich in alle Teile der bewohnten Welt verbreiten - aber nach wenigen Minuten befand ich mich in der Stadt, und was ich je von Regelmäßigkeit und Breite der Straßen, von Höhe und Größe der Kirchen und Häuser gesehen habe, wurde hier übertroffen, und ich fühlte mich für alle die ausgestandenen Gefahren und Mühen bezahlt.
   Einige Straßen sind fast zwei Meilen lang, vollkommen eben und gerade, und schließen ab mit der Aussicht auf die Berge, die das Tal umgeben. Die meisten Häuser sind von derselben Höhe, gewöhnlich drei Stock, mit sehr vielen Zierraten und zwei Reihen Balkons aus getriebenem Eisen versehen, das gemalt oder vergoldet ist. Einige sind auch aus Bronze. Die Stockwerke sind sehr hoch, denn die Zimmer haben gewöhnlich eine Höhe von fünfzehn bis zwanzig Fuß. Den ersten oder Grundstock betritt man durch ein paar große Türflügel, die mit Bronze verziert und oft dreißig Fuß hoch sind. Diese führen in den Hofraum, den das Haus einschließt, und der mit Bäumen und Blumen angefüllt ist, welche eine sehr schöne Wirkung hervorbringen; jeder Stock hat eine Galerie, die Spaziergänge darbietet, wo man gegen Regen und Sonnenschein geschützt ist. Die unteren Zimmer werden gewöhnlich vom Türsteher und anderen Dienern bewohnt; der folgende Stock wird oft leer stehen gelassen; aber das oberste, welches das vornehmste ist, wird von der Familie selbst bewohnt, und hat eine besondere steinerne und sehr prächtige Treppe, die dorthin führt. Nichts kann besser für das herrliche Klima in einem Lande berechnet sein, wo man kaum eine Veränderung der Witterung kennt, wo ein ewiger Frühling herrscht, wo man nie Feuerstellen zu sehen bekommt, und wo es kaum nötig ist, Glasfenster zu haben, um das Eindringen der Nachtluft in die Schlafzimmer zu verhüten. Alles, was man benötigt, ist ein starkes Dach gegen die heftigen Regengüsse, die in gewissen Jahreszeiten fallen, und hohe Zimmer, die freie Bewegung der Luft zu fördern, und nichts kann diesem Zweck besser entsprechen als der Stil und die Architektur, die die Spanier in Mexiko eingeführt haben.
   Die Vorderseiten sind im Allgemeinen weiß, karmoisin, braun oder hellgrün mit Wasserfarben gemalt, und haben ein gefälliges Äußeres; und die Trockenheit der Atmosphäre ist so groß, dass sie ihre Schönheit mehrere Jahre unverringert erhalten. Viele von diesen Vorderseiten haben Inschriften, die aus der Schrift genommen, oder Stanzen, die an den Heiland oder seine göttliche Mutter gerichtet sind.
   Viele sind sogar mit glasiertem Porzellan ganz bedeckt, das eine Mannigfaltigkeit von eleganten Mustern enthält und oft Gegenstände aus der heiligen Geschichte darstellt, die dem Ganzen das Ansehen eines reichen Mosaiks geben, das von allem, was man in dieser Art in Europa sieht, ganz verschieden ist. Die Wände ihrer Haupttreppen sind häufig auf ähnliche Weise bedeckt und verschwenderisch mit Vergoldung gemischt, welche im Gegensatz zu dem blauen und weißen Porzellan eine in der Tat prächtige Wirkung hervorbringt. Ich bin geneigt, zu denken, dass diese Art Zierrat von den maurischen Palästen und Moscheen, wie sie zur Zeit der Entdeckung von Mexiko in Spanien existierten, entlehnt, und in dieser Stadt und in Puebla de los Angeles eingeführt worden ist, als die Reichtümer der Minen der Neuen Welt so groß waren, dass die Eigentümer ihr unermessliches Einkommen nicht mehr in den gewöhnlichen Ausgaben der Wirtschaft, der Equipagen oder der Dienerschaft vertun konnten.
   Das Porzellan kam wahrscheinlich aus Holland und den Niederlanden, die damals unter dem spanischen Joch standen. Die Wände einiger Kirchen sind auf dieselbe Weise bearbeitet. Die Dächer sind alle fast ganz flach und mit Backsteinen belegt; viele sind mit Blumen bedeckt und dienen an einem schönen Abend als anmutiger Versammlungsplatz, da die Aussicht herrlich und die Luft kühlend und rein von allem Rauch ist.
   Wegen dieser Art der Verzierung gewährt die Stadt, von einer Erhöhung aus gesehen, einen weit schöneren Anblick als die europäischen Städte, wo die hässlichen roten Ziegeldächer und die gestaltlosen Schornsteine die Hauptzüge des Bildes ausmachen. In der Tat hat kein Ort, den ich jemals gesehen, so viel Anziehendes für eine Darstellung in Gestalt eines Panoramas als Mexiko – und zwar unabhängig von seinen inneren Schönheiten, seiner interessanten Architektur, seinen Häusern mit ihren Balkons, die mit Blumenbeeten und Sträuchern bedeckt sind – allein durch seine Lage in dem großen Tal von Mexiko mit seinen meerähnlichen Seen, die die höchsten vulkanischen Berge in Neu-Spanien, die ein ewiger Schnee bedeckt, umgeben. Aber die Möbel und die inneren Verzierungen der meisten Häuser stimmen wenig mit ihrem Äußeren überein.
   Das Schließen der Minen, die Vertreibung der reichen spanischen Familien und sechzehn Jahre einer revolutionären Fehde mit allem sie begleitendem Elend habe eine traurige Veränderung im Vermögen der Einzelnen wie im allgemeinen Zustand des Landes hervorgebracht, und daran hat die Hauptstadt keinen unbedeutenden Anteil. Die prächtigen Tische, Leuchter und andere Artikel von massivem Silber, die herrlichen Spiegel und Gemälde, deren Rahmen aus demselben kostbaren Metall bestanden, sind jetzt durch die Münze gegangen und zirkulieren in der Gestalt von Dollars in Europa und Asien; und Familien, deren Einkommen jährlich eine halbe Million überstieg, können sich jetzt kaum die Mittel zu einem dürftigen Dasein verschaffen.
   Wir besuchten das Hospital Jesus in Gesellschaft des Grafen Luchese, dem Oheim des Herzogs von Montleone, dem Abkömmling und Erben des großen Ferdinand Cortés, der dieses Hospital stiftete und beschenkte, und in dessen Kapelle seine Knochen nach seinem ausdrücklichen Wunsche aufbewahrt sind. Das Haus ist groß, bildet ein Viereck mit einem Hofe, und die Zimmer sind reinlich und luftig. In einem derselben waren mehrere Familienporträts und ein Bildnis von dem großen Feldherrn selbst, so wie auch dieselbe gestickte Fahne, unter welcher er dieses unermessliche Reich den Händen des unglücklichen Moctezuma entriss. Man zeigte uns einen massiven Tisch aus Mahagoniholz, der ungeachtet seiner Größe aus einem einzigen Brette gemacht und um so merkwürdiger war, da er das Eigentum des Eroberers gewesen. Es gehört auch eine niedliche Kirche zu der Stiftung, welche ein Denkmal des Stifters mit einer pompösen Inschrift enthält, die seine Taten rühmt, und auf dem seine gut gearbeitete Büste in Bronze steht.
   Ein stark mit Eisen beschlagener Kasten wurde herzugeschafft, und als er aufgeschlossen war, erlaubte man uns, die Knochen dessen zu berühren, der Neu-Spanien zu dem Gebiet Karls des Ersten hinzufügte. Ich untersuchte den Hirnschädel dieser außerordentlichen Person aufmerksam, fand aber nichts Ausgezeichnetes daran – ich würde aus ihm schließen, dass seine Person klein war. Einige Zähne waren vor seinem Tode verloren gegangen.
   Eine Nationalanstalt, deren Zweck ist, Personen, die in augenblicklicher Geldverlegenheit sind, zu helfen, ist in Mexiko schon vor langer Zeit unter dem Schutze der Regierung gestiftet worden. Man hat dazu ein weitläufiges Gebäude dem Franziskaner-Kloster gegenüber hergegeben. Ich verschaffte mir Zutritt bei dem Direktor, einem hoch geachteten Geistlichen, der mich gütigst begleitete und mir die Einrichtungen erklärte. Man zeigte mir allerlei Eigentum, das man als Pfand für das vorgeschossene Geld niedergelegt hatte. Ein sehr großes und stark gebautes Zimmer war mit verschiedenen Artikeln von Wert angefüllt. Ganze Silberservices lagen in Haufen übereinander da. Massive Silbergeschirre, Schüsseln, Kruzifixe, Heiligenbildsäulen, Gemälde mit silbernen Rahmen, weiblicher Schmuck, wie Diamanten, Perlen und einige sehr schöne Rubine und Smaragde, zeigen dem Beschauer zugleich den ehemaligen Wohlstand und den gegenwärtigen gesunkenen Zustand des Landes. Das hierher geschickte Eigentum bleibt gegen Zahlung von geringen Zinsen eine gewisse Zeitlang liegen; wird es innerhalb derselben nicht eingelöst, so wird es um den für jeden Artikel angesetzten niedrigsten Preis verkauft; wenn es aber zu einer bestimmten Zeit noch nicht verkauft ist, so wird es in eine monatliche Auktion getan und an den Meistbietenden verkauft, und was über die vorgestreckte Summe erlöst wird, wird nach Abzug der Kosten und Zinsen, dem ersten Eigentümer zugestellt.
   Dieses Leihhaus ist jeden Nachmittag offen. Die Menge, die den Hof derselben anfüllte, bewies den geringen Vermögenszustand des gemeinen Volkes. Wir bemerkten, dass die niedergelegten Juwelen im Verhältnis zu anderen Gütern nur gering waren, und der Führer gab uns als Grund dieser Erscheinung an, dass diejenigen Spanier, die in ihr Mutterland zurückgekehrt oder es zu tun willens wären, ihre Dollar in tragbarere Artikel verwandelten, damit sie sie mit desto größerer Sicherheit bei sich führen könnten. Dies erklärt auch, wie ich die alten Dublonen, welche ich mit in die Hauptstadt brachte, für zweiundzwanzig Dollar verkaufen konnte, obgleich ihr innerer Wert nur sechzehn Dollar war; sie fielen auch nachher auf achtzehn. Der scharfsichtige Leser wird sogleich den Unterschied zwischen dieser Einrichtung und den Pfandleiher-Buden in England bemerken. Bei uns ist der Privatmann, der sich in Verlegenheit befindet, nur zu oft der Willkür einer eigennützigen Person ausgesetzt; aber die öffentliche Verwaltung dieser mexikanischen Einrichtung hat kein Privatinteresse im Auge — und vielleicht erwächst ein noch größerer Vorteil aus dem amerikanischen Plane, insofern er die Leichtigkeit verhütet, mit der man bei uns gestohlenes Eigentum an den Mann bringt.

Bullock, W.
Sechs Monate in Mexiko oder Bemerkungen über den gegenwärtigen Zustand Neu-Spaniens
Band 1; Dresden 1825

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Mexiko
Wien 2003

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