Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1803 - Alexander von Humboldt
In den Minen von Guanajuato
Mexiko

Hinter Cuevas geht es durch einen tiefen gewundenen Hohlweg ziemlich hohen, von Gestrüpp bewachsenen Bergen entgegen, und man würde wohl bezweifeln, dass Menschen in einer so wilden Landschaft eine Stadt für 35.000 Seelen gebaut haben, sähe man nicht von einem Wegepunkt aus die große Kirche und die Grubengebäude von Valenciana. Bald beginnen zu beiden Seiten der Schlucht die Häuser. Mit jedem Schritt werden es mehr. Planlos an die Felsen gekleistert, ein Durcheinander großer und schöner Gebäude, Silberfabriken und indianischer Hütten in Form viereckiger Schachteln. Mehrmals muss man durch den kleinen, aber gefährlichen Fluss von Guanajuato, dessen rapides Anschwellen schon so viele Menschenleben gefordert hat. Da ein furchtbares Gewitter mit strömendem Regen über uns kam, zögerten wir lange, uns weiter in der Schlucht vorwärts zu wagen. Man drängte, wir sollten uns im Gegenteil beeilen, um der Flut zuvorzukommen. Tatsächlich ereilte uns das hereinstürzende Wasser, doch es war ungefährlich wenig. Ich habe es drei Wochen später schrecklich gesehen, fähig, ganze Häuser fortzureißen. Herr Otero, einer der Besitzer der Grube Valenciana, verlor vor einigen Jahren zwei Kinder, die mit ihrem Wagen in dem Flüsschen untergingen. Das dritte rettete ein Trunkenbold, der glaubte, seinen Sohn zu erkennen, und sich ins Wasser warf. Fürs Auge ist der Hohlweg abwechslungsreich. lmmer wieder unterquert er Aquädukte, die den Haziendas Wasser zuführen, man erblickt vierzig bis fünfzig Fuß hohe Fördertürme, auf denen Maultiere im Kreise spazieren und mit Schöpfrädern und kleinen Ledertöpfen das Flusswasser heben.
   Unmerklich hineingekommen nach Guanajuato, findet man ein unaussprechliches Durcheinander von Häusern und Straßen. Die Stadt folgt all den Windungen der Schluchten oder kleinen Täler, die aus den von allen Seiten zusammentreffenden Hohlwegen entstehen. Die Häuser stehen amphitheatralisch auf den Berghängen, aber dieser Anblick ist nur merkwürdig. Die viereckigen Lehmhäuschen sind hässlich, und die Armut und Nacktheit der Bewohner möchte einen zweifeln lassen, in einer Stadt zu sein, die jährlich fünf bis sechs Millionen Pesos hervorbringt!! Und welcher Gegensatz – inmitten dieser baufälligen Hütten stehen Gebäude von der größten Pracht. Etwa der Palast des Herrn Diego Bul mit ionischen Säulen und von elegantester Architektur. Ein Italiener hat ihn für 15.000 Pesos in schreienden Farben ausgemalt.
   Der ungleiche Boden stellt ungeheure Schwierigkeiten, bei manchen Häusern sind 20.000 Pesos allein für die Ebnung des Baugrunds aufgewendet worden. Von einer Straße zur anderen geht es über Treppen, man tritt vom zweiten Stock direkt hinaus auf die Straße. Herr Riaño, Schwager der liebenswürdigen Komtesse Gálvez und Intendant dieser Provinz, ein tatkräftiger unterrichteter Marineoffizier, hat die Stadt durchgreifend verschönert. Er hat die Hauptstraßen planiert und gepflastert, so dass man nun in der Kutsche rollen kann.
   Es gibt eine Stierkampfarena, klein, aber sehr elegant, hübscher als die von Mexiko-Stadt. Der Magistrat steht im Begriff, einen Lehrstuhl für Mathematik einzurichten und mit einem ausgezeichneten Professor zu besetzen, einem Schüler von Fausto d'Elhuyar. Die Einwohner hier können es d'Elhuyar nicht verzeihen, dass er die Berghochschule nicht in ihrer Stadt etabliert hat, und sie haben durchaus Recht. Guanajuato ist das Freiberg Neu-Spaniens. Wie will man in Mexiko-Stadt, so weitab von den Gruben, die Geometrie des Bergbaus lehren, die Natur der Erzgänge, die praktischen Arbeiten. Praxis und Theorie müssen Hand in Hand gehen. Hier wären die Professoren den Bergleuten näher, dem Abbau, den Maschinen. Sie würden mehr Vertrauen einflößen, der Hass auf die ferne Hochschule ginge zurück.
   Die großen Gruben von Rayas, Mellado und Valenciana stellen Dörfer oder kleine Städte dar, die mit ihren Häuserreihen schon an Guanajuato heranreichen. Valenciana vor allem ist ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie die Gruben in kurzer Zeit einen einsamen Platz bevölkern können. Ehe Herr Obregon die Grube zu bearbeiten begann, vor 1768, gab es nicht zwei indianische Laubhütten und bloß Ziegenhirten auf diesem öden Gebirge. Heute ist Valenciana ein Städtchen von sieben- bis achttausend Einwohnern, hat einen mit allem versehenen Markt, alle Handwerke, Cafés, Billards.
   Obregon, nachmals Graf von Valenciana, war ein armer, aber redlicher Mann, der wie aus Spielsucht Bergbau trieb und sich verschuldete. Ein Armenpfleger riet ihm 1760, den Erzgang in Valenciana abzubauen. Obregon kam zu Geld, arbeitete jedoch bis 1766 stets mit Verlust. 1767 tat er sich mit Don Pedro Luciano Otero zusammen, der einen Kramladen in Raynas besaß, und ab 1768 stellte sich angehender, drei Jahre später großer Reichtum ein. Man muss die Standhaftigkeit des alten Grafen bewundern. Er hatte sich selbst ins größte Elend gestürzt, er verkaufte alle Habseligkeiten seiner Frau, er stand bei aller Welt in der Kreide. Er bat Otero, dessen Kramladen nicht mehr zureichte, immerfort, nur noch eine einzige Woche zu warten; er war seiner Sache so gewiss, dass er endlich siegte. Der Reichtum der beiden unmündigen Knaben Oteros hat sich so aufgehäuft, dass gegenwärtig jeder, ohne die Grube, 1.300.000 Pesos bares Geld besitzt. Siebzehn und neunzehn Jahre alt, von guter Art, aber tölpisch erzogen, treten sie steinreich in die Welt und haben nie mehr von ihr gesehen als die kahlen Berge von Guanajuato und die mit Agave und Mais bepflanzten Ebenen von Burras und Cuevas, ein vier bis fünf Meilen weites Gebiet.
   
Alle meine Betrachtungen resultieren aus dem, was ich vom 7. August bis zum 6. September 1803 mit eigenen Augen in Guanajuato gesehen habe. Das ist eine der mühseligsten Epochen meines Lebens gewesen. Ich bin mit dem Barometer auf alle Berge geklettert, in Valenciana dreimal bis auf die Sohle eingefahren, zweimal in Raynas, Mellado, Fraustros, Animas, San Bruno, ich bin in der Grube Villalpando gewesen, zwei Tage in San Rosa und Los Alamos ... In Fraustros bin ich sehr gefährlich gestürzt, ich fiel rücklings und prellte mir das Steißbein und fühlte noch fünfzehn Tage danach die lebhaftesten Schmerzen! Dazu der Trübsinn, den einem die Stadt erzeugt. Ich habe viel an Melancholie gelitten. Welche Monotonie der Gesellschaft!
   In Valenciana hat man 1791 begonnen, den Tiro general [Hauptschacht] abzusinken. Er hat jetzt 220 Ellen Teufe und wird den Gang bei 613 Ellen ersinken. Dieser Hauptschacht ist eines der größten von Menschen unternommenen Werke, nicht der Tiefe, sondern der ungeheuren Weite wegen. Er ist achteckig und hat 32 Ellen Umfang. Man muss sowohl den Mut bewundern, ein so unglaubliches Werk zu beginnen und standhaft fortzusetzen, als auch den Kopf darüber schütteln, dass vorher nicht mehr Rat eingeholt worden ist. Ich habe viele berechtigte Zweifel gegen das Riesenunternehmen. Man hat es begonnen, um die Förderkosten zu vermindern. Aber diese entstehen keineswegs hauptsächlich aus der Entfernung der Erzpunkte von den Schächten, sondern aus der elenden Vorrichtung des Grubenbaus überhaupt. Die Mina Valenciana ist eine Menge Säcke, kurzer Abteufen, die keine Verbindung miteinander haben. Da man über keine Grubenrisse verfügt – denn einzelne alte Geschmiere, in denen zwei bis drei Projektionen durcheinander gehen und die dazu nur kleine Teile der Grube vorstellen, kann man wohl nicht Grubenriss nennen –, so ist an eine regelmäßige, die kürzesten Wege suchende Grubenvorrichtung nicht zu denken. Man durchläuft das ganze Haus, um von einem Zimmer in das benachbarte zu kommen.
   Große Schwierigkeit wird man im Tiro general mit den jetzt allein üblichen Agaveseilen bekommen, die sehr schwer sind. Obregon hat nicht unwitzig gesagt, das Seiltrumm werde einst Göpel und Pferde in den Schacht hineinziehen. Wahrscheinlich wird man zu hanfenen Seilen seine Zuflucht nehmen müssen und ich freue mich, dass man so gezwungen sein wird, hier Hanf anzubauen. Die Ursache so weiter Schächte in Neu-Spanien ist die ungeheure Ergiebigkeit der Gruben, das große Volumen Erz, das in vierundzwanzig Stunden ausgefördert werden soll, deshalb spielen immer mehrere Göpel, vier bis acht in einem Schacht, und, sagt man, wäre der Schacht nicht so weit, so verhedderten sich die Seile. Je tiefer der Schacht ist, desto größer ist die Pendelbewegung und desto weiter muss der Schacht sein. Warum teilt man nicht den Schacht mit Stroßbäumen in vier bis sechs Gemächer ab und steckt die Säcke in mit Rollen versehene Tonnen? Dann brauchte der Tiro general nicht ein Viertel seiner jetzigen Weite zu haben, man ersparte Geld und Zeit, und die Seile könnten sich nicht verwickeln. Ein großes Übel ist auch, dass der Tiro general keineswegs in der Mitte der Erzbaue von Valenciana steht. Man muss, so habe ich schriftlich dargelegt, durch eine Hauptstrecke die ganze Grube aufschließen, einen Huntslauf anlegen, die Erze von oben erzbauen, durch Rollen auf die Hauptstrecke herabstürzen. Schreitet das Abteufen im Tiro general so fort wie jetzt, so gelangt er zwar auf den Gang, doch erst im Jahr 1813 und wahrscheinlich später.
   Im September 1803 arbeiteten in der Grube Valenciana 322 Barrenadores, die bohren und schießen, 900 Tenateros, Träger, die die Erze auf dem Rücke bis zur Abfertigung fördern, 100 bis 125 Faeneros, die die Erze vom Ort weg den Tenateros zutragen, 40 bis 42 Quebradores, die die Erze in der Grube von den Bergen scheiden, 20 Häuer, 14 Guardarayas, die sich um das Werkzeug kümmern.
   Ein Tenatero trägt gewöhnlich gute zwei Zentner. Diese Last ist die Regel und wird, für jede Reise vom Ort bis zur Abfertigung, mit einem Real bezahlt, egal, wie weit entfernt der Ort liegt. Der Tenatero macht in einer Schicht neun bis zehn Reisen. Aus Geiz tragen die Tenateros bis zu mehr als drei Zentner und ersteigen damit über 1.800 Stufen. Alles Indios oder Mestizen. Ich weiß nicht, ob diese Tenateros oder die Ruderknechte im Rio Magdalena mehr arbeiten, beide in einer Atmosphäre von fast 34 Grad. Und hier noch dazu sauerstoffärmer! Wie die menschliche Maschine sich an alles gewöhnt! Ein wundersamer Anblick, in den Treppenschächten von Valenciana Herden von vierzig bis sechzig solcher Tenateros zu begegnen, groß und klein, alle beladen, Knaben von zehn Jahren mit einem Dreiviertelzentner oder einem ganzen, sich vordrängelnd, um auf mehr Reisen zu kommen, kriechend, seufzend, klagend, lustig schimpfend, alles abwechselnd, bis auf die Hosen ganz nackt, fürchterlich schwitzend, meist auf einen Stock, kaum zehn Zoll lang, gelehnt und auf den Treppen so vorgebeugt, dass sie auf allen vieren zu gehen scheinen. Unglückliche Abkömmlinge eines Geschlechts, das man seines Eigentums beraubte. Wo hat man Beispiele, dass eine ganze, ganze Nation alles Eigentum verlor?
   Die Tenateros fahren in Guanajuato gewöhnlich nur drei Tage in der Woche ein, die übrige Zeit betreiben sie leichtere Arbeit über Tage. Wie könnten sie sonst es aushalten. Deshalb sterben mehr Barrenadores, die täglich einfahren, als Tenateros, obgleich die letzteren wahre Lasttiere sind. Sie tragen das Gestein in Costales, Säcken aus Agavefaser, und um sich nicht den Rücken zu häuten, legen sie eine wollene Decke, Frisado, unter. Man unterscheidet die neuen, unverständigen Tenateros leicht von den alten, weil letztere die Treppe nie in gerader Linie heraufsteigen, sondern im Zickzack, um, wie sie sagen, den hereinziehenden Luftstrom besser zu durchschneiden. Ein starker Tenatero bleibt sechs Stunden lang mit zweidreiviertel bis reichlich drei Zentnern beladen und legt in einer Schicht auf- und abwärts an 32.000 Stufen zurück! Und da spricht man täglich von der Energie der weißen Rasse und beschuldigt die indianische der Schwäche! Die Indios machen belastet acht bis zehn Reisen, und wir, wir kriechen, wenn wir unbelastet und wohlgenährt ein einziges Mal aus dem Tiefsten von Valenciana heraussteigen. Ich bin mir selbst recht elend vorgekommen. Ich war im Kühschacht in Freiberg, der tiefer ist, nie so ermüdet wie beim Herauf- oder Hinabsteigen in Valenciana. Wahrscheinlich weil der Kühschacht seiger [senkrecht] ist und alle Muskeln gleich angespannt werden; in Valenciana ruht die ganze Körperlast auf den Knien und Schenkeln, und man fühlt Knieschmerzen bis drei, vier Tage nachher.
   Alle Welt ist hier so verweichlicht, dass nicht bloß Fremde, die die Grube besuchen, sondern auch alle Grubenbeamten sich der Caballos bedienen. Pferde, so nennt man einige Menschen von großer Muskelkraft, neunzehn bis fünfundzwanzig Jahre alt, die zu nichts anderem bestimmt sind, als andere auf dem Rücken in der Grube umher zu tragen. Sie haben auf den Rücken ein mit Leder überzogenes rotes Kissen geschnallt, darauf legt sich der Getragene ganz ausgestreckt, mit dem Gesicht gegen den Hinterkopf des Caballo gekehrt. Ein breites Band um Hintern und Schenkel befestigt den Getragenen. Je mehr er sich vorwärts legt und streckt, desto bequemer ist es für das Pferd. Die Grube bezahlt jedem Untersteiger zwei Caballos; will er sich ihrer nicht bedienen, so kann er für jeden sieben Pesos wöchentlich einbehalten. Ich entschuldige, dass ein Grubenbeamter, der schon über fünfundvierzig oder fünfzig Jahre alt ist, die Caballos benutzt, aber es ist ein widerlicher Anblick, junge neunzehn-, zwanzigjährige Untersteiger in der Grube auf Menschen herumreisen zu sehen. Ich habe es nie über mich gewinnen können, mich tragen zu lassen, von den Cargueros im Quindío so wenig als hier, obgleich (eine Art Luxus) die zwei Caballos dem Fremden stets zur Seite gehen und ihn in der Hoffnung auf bessere Bezahlung zum Aufsteigen und Reiten ermuntern. Dazu die stinkende Ausdünstung des schwitzenden Bergmanns, die Nähe des Körpers und sein klagendes Stöhnen, die widrige Empfindung eines so großen Abstandes der physischen Kräfte, dass der eine Mensch einen anderen herauf zu tragen fähig ist, während der andere nicht einmal seine eigene Last zu überwinden vermag. Beim Einfahren ist der Ritt gefährlich genug.
   Eine sehr hübsche Einrichtung, die uns in Europa fehlt, sind Schmiedeessen in der Grube. Valenciana hat deren sechzehn. Kleine Reparaturen am Gezähe werden augenblicklich gemacht, das spart Zeit und Kosten. Die kleinste Grube in Guanajuato hat ihre Esse.
   Die Abfertigung liegt nahe am Füllort eines jeden Schachtes, eine sehr schöne Einrichtung mit ausgezeichneter Rechnungslegung. Man weiß genau, wie viel Erze die Grube verlassen. Zu beiden Seiten eines Stollens ist je eine Kammer in den Felsen geschlagen, in jeder sitzt ein Rechnungsführer am Tisch wie in einem Kontor. In ihre Bücher sind die Namen aller Tenateros eingetragen. Im Stollen selbst sind zwei Waagschalen (Romanas) aufgehängt, bei denen zwei Personen stehen, die das Gewicht prüfen. Die Rechnungsführer heben das Gewicht auf dem Rücken des Tenatero mit der Hand sehr flüchtig an und sagen: »zwölf Arrobas« oder: »dreizehneinhalb«; glaubt der Tenatero, der sein Gewicht während des ganzen Weges erfahren hat, er habe weniger, als ihm veranschlagt wird, so schweigt er zum Zeichen, man möge das geschätzte Gewicht notieren; glaubt er mehr zu haben, geht er zur Waage und lässt prüfen. Es ist unvorstellbar, mit welcher Genauigkeit die Rechnungsführer veranschlagen. Gewöhnlich irren sie sich nicht um zwölf Pfund, und es geht dabei mit größter Ehrlichkeit zu. Ich habe niemals Misstrauen von Seiten der Tenateros beobachtet, weder gegen das Buch noch gegen die Waage.
   Trotz dieser Buchführung, trotz der unanständigen Visite, die man bei den Bergarbeitern vornimmt, wenn sie die Grube verlassen, indem man ihnen mit den Händen unters Geschlecht fährt, in den Hintern, zwischen die Schenkel, wird viel gestohlen und das auf die komischste Art und Weise. Das Edelmetall wird zwischen den Haaren verborgen, es wird in Lehmwürste geknetet, Longanas, die man ins Arschloch schiebt. In Valenciana hat man Longanas von fünf bis sechs Zoll Länge und zwei bis drei Zoll Dicke aufbewahrt, die im Hintern unterzubringen einem unmöglich erscheint. Auri sacra fames. Von 1774 bis 1787 machten sich gestohlene und in den Hintern, Haaren und Mündern der Bergarbeiter gefundene Metalle mit 180.000 Pesos bezahlt.
   Die an zwölfhundert bis fünfzehnhundert Menschen, die außerhalb der Grube und rings um sie arbeiten, bieten das lebendigste und fesselndste Spektakel der Welt. Hunderte Frauen, und alle vom ungezwungensten Benehmen, klauben und scheiden die Erze. Sie haben ihre Capitana, und wenn sie nicht durch Charme glänzen, so fesseln sie wenigstens durch ihren Chorgesang, den sie mit dem Taktschlag ihrer Hämmer begleiten. Zwischen ihnen klauben auch ganz kleine Kinder. Und welche Haldenstürze, die europäischen erscheinen einem wie Insektenstiche im Vergleich mit diesen Kordilleren! Das sind einhundertzwanzig Meter hohe Berge, und die Baracken an den Abhängen, darunter die Frauen und Kinder das Erz ausklauben, sehen aus wie Dörfer.
   Obgleich der Grubenbau in Valenciana der ungeschickten Förderung wegen sehr zu tadeln ist, kann man auf der anderen Seite nicht leugnen, dass es sich bezüglich der Mauerung um die prächtigste Grube der Welt handelt. Alle Schächte sind Treppen, wie in einem Palast, zwanzig bis dreißig Fuß breit mit sehr bequemen Stufen. Die Beschreibung dieser Pracht zieht oft die Neugierde der Fremden auf Valenciana, und seit dieses Jahr der Vizekönig selbst hier herkam, ist der Verkehr auf dem Weg von Mexiko-Stadt nach Guanajuato noch lebhafter geworden. Fremde, die nicht vom Metier sind, täuschen sich in ihrer Erwartung. Die Treppen erscheinen ihnen wie Kellereingänge, eine ist wie die andere, und Erz ist wenig sichtbar. Sie sehen mehr Kot als Erz, denn in der ganzen Grube herrscht eine schändliche Scheißerei. Man lässt die Fremden glauben, die Treppen bestünden aus reinem Edelmetall und seien Millionen wert, weil hier und da in den Bogen etwas Erz hervorblinkt. Herr Iturrigaray war der erste Vizekönig, der so weit reiste; man zog ihn mit Menschenhänden zur Stadt herein und heraus! In Valenciana stieg er eigenen Fußes bis zur Abfertigung, in Rayas bis ins Tiefste hinab. In Valenciana ließ man in der Grube indianische Mädchen vor ihm tanzen.

Humboldt, Alexander von
Die Wiederentdeckung der Neuen Welt - Erstmals zusammengestellt aus dem unvollendeten Reisebericht und den Reisetagebüchern
Herausgegeben und eingeleitet von Paul Kanut Schäfer
Berlin 1989

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Mexiko
Wien 2003

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!