Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1914 - John Reed
Pancho Villa bekommt einen Orden
Chihuahua

Als Villa zwei Wochen vor dem Vormarsch auf Torreón in Chihuahua war, beschloss das Artilleriekorps seiner Armee, ihn mit einer goldenen Medaille für persönliche Tapferkeit im Kampf auszuzeichnen. Im Audienzsaal des Gouverneurspalastes in Chihuahua, einem großen, feierlichen Raum mit Kronleuchtern, schweren dunkelroten Portieren und grellen amerikanischen Tapeten, stand der Thron des Gouverneurs, ein vergoldeter Sessel mit Löwenklauen als Armlehnen, auf einer Plattform unter einem Baldachin aus dunkelrotem Samt, über dem sich wiederum ein schwerer, ebenfalls vergoldeter hölzerner Aufsatz erhob, der in eine Krone mündete.
   Die Artillerieoffiziere in eleganter blauer, mit schwarzem Samt und Goldborten eingefasster Uniform hatten an einem Ende der Audienzhalle Aufstellung genommen, mit funkelnden neuen Säbeln, die goldbetressten Tschakos vorschriftsmäßig unterm Arm. Von der Eingangstür dieser Halle, rund um den Säulengang, die Prachttreppe hinunter, über den grandiosen Innenhof des Palastes hin zu den imposanten Toren und bis zur Straße hatte eine Doppelreihe von Soldaten Präsentierstellung eingenommen. Vier Regimentskapellen standen eingezwängt in der Menge. Und Tausende von Menschen hatten sich Kopf an Kopf auf der Plaza de Armas vor dem Palast versammelt.
   »Ya viene!« »Da kommt er!«, »Viva Villa!«, »Viva Madero!« »Villa, der Freund der Armen!«
   Die Hochrufe begannen in den letzten Reihen der Wartenden und fegten im Crescendo durch die Menge, bis sie Tausende von Hüten empor zu schleudern schienen. Die Kapelle im Hof stimmte die mexikanische Nationalhymne an und Villa schritt die Straße entlang. Er trug eine alte, schlichte Khakiuniform, an der mehrere Knöpfe fehlten. Er war unrasiert, trug keinen Hut, und sein Haar machte einen ungepflegten Eindruck. Er ging mit einwärts gerichteten Zehen, gebückt, die Hände in den Hosentaschen. Als er zwischen das Spalier der präsentierenden Soldaten trat, schien er ein wenig verlegen, lächelte und nickte dem einen oder anderen Compadre zu. Am Fuße der großen Treppe schlossen sich Gouverneur Chao und Staatssekretär Terrazas in Paradeuniform ihm an. Das Musikkorps legte in voller Lautstärke los, und als Villa den Audienzsaal betrat, gab jemand vom Balkon aus der Menge auf dem Platz ein Zeichen, und alle entblößten die Köpfe, während die glänzende Schar der Offiziere im Saale salutierte. Ein Bild wie aus Napoleons Zeiten!
   Villa zögerte eine Minute, wobei er an seinem Schnurrbart zupfte und ziemlich verlegen aussah; schließlich strebte er dem Throne zu und setzte sich nieder, nachdem er ihn durch Schütteln der Armlehnen überprüft hatte, den Gouverneur zur Rechten, den Staatssekretär zur Linken.
   Señor Bauche Alcalde trat vor, hob die rechte Hand, so, wie es Cicero getan haben mochte, als er Catilina anklagte, und hielt eine kurze Ansprache. In blumenreichen Wendungen rühmte er Villa und seine Tapferkeit, die er auf dem Schlachtfelde bei sechs verschiedenen Anlässen bewiesen hätte. Nach ihm sprach der Kommandeur der Artillerie: »Die Armee verehrt Dich. Wir folgen Dir, wohin auch immer Du uns führen magst. Alle Wege stehen Dir in Mexiko offen!« Sodann sprachen drei weitere Offiziere in hochtrabenden, extravaganten Redewendungen, die zur mexikanischen Beredsamkeit gehören. Sie nannten ihn »Freund der Armen«, »unbesiegbarer Feldherr«, »Inspirator des Muts und der Vaterlandsliebe«, »Hoffnung der Republik der Indios«. Und während all dieser Lobeshymnen saß Villa nachlässig auf dem Thron, mit offenem Munde, und ließ seine kleinen schlauen Augen im Saale umherschweifen. Er gähnte ein paar Mal, doch man hatte im allgemeinen den Eindruck, dass er mit einer gewissen innerlichen Belustigung, wie ein kleiner Junge in einer Kirche, darüber nachdachte, was eigentlich um ihn herum geschah. Er war sich selbstverständlich dessen bewusst, dass sich das alles so gehörte, und mochte vielleicht auch eine gewisse Befriedigung darüber empfinden, dass das ganze festliche Zeremoniell ihm zu Ehren veranstaltet wurde. Doch es langweilte ihn trotzdem.
   Schließlich trat Oberst Servin feierlich mit einer kleinen Pappschachtel vor, in der ein Orden lag. General Chao stieß Villa an, der sich daraufhin erhob; die Musik im Hofe brach in einen Triumphmarsch aus. Villa streckte gierig beide Hände aus, wie ein Kind, das nach einem Spielzeug greift. Er konnte es kaum erwarten, dass die Schachtel geöffnet wurde. Erwartungsvolles Schweigen breitete sich im Saale aus, und auch draußen in der Menge war alles still. Villa besah sich den Orden, kratzte sich am Kopf, und inmitten der ehrfurchtsvollen Stille sagte er mit klarer Stimme: »Das ist ein verdammt winziges Ding für all den Heroismus, von dem ihr gesprochen habt!« Und die Seifenblase des königlichen Pomps zerplatzte in weithin schallendem Gelächter.
   Man wartete darauf, dass er die Annahme seiner Auszeichnung in einer konventionellen Ansprache bestätigen würde. Als er aber rings im Saale all diese glänzenden und gebildeten Männer sah, die erklärten – und das sicherlich auch meinten –, für Villa, diesen einfachen Bauern, ihr Leben hingeben zu wollen, und als er durch die Tür einen Blick auf die zerlumpten Soldaten warf, die ihre disziplinierte Haltung aufgegeben hatten und nunmehr hineindrängten, mit Begeisterung auf ihren heiß geliebten Compañero blickend, da kam ihm etwas davon zum Bewusstsein, was die Revolution eigentlich bedeutete.
   Er runzelte die Stirn, wie er es immer tat, wenn er seine Gedanken konzentrieren wollte, beugte sich über den Tisch, der vor ihm stand, und flüsterte so leise, dass ihn kaum einer verstehen konnte: »Ich finde keine Worte. Alles, was ich sagen kann, ist, dass mein Herz Euch allen gehört.« Sodann stieß er Chao in die Seite und setzte sich wieder, wobei er heftig aufs Parkett spuckte, und Chao hielt eine formvollendete Rede.

Reed, John
Insurgent Mexico
New York und London 1914
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Mexiko
Wien 2003

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!