Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1884 - Ernst von Hesse-Wartegg
Chihuahua

Spätabends erreichten wir endlich Chihuahua, die märchenhafte Hauptstadt des Staates, den Mittelpunkt einer der reichsten Minenregionen Amerikas, aus welchem Hunderte Millionen Dollars gewonnen und durch die Spanier nach dem Mutterlande fortgeführt worden waren. Chihuahua war bis vor wenigen Jahren eine der unzugänglichsten Städte der Welt; denn es bedurfte von irgendwelchen Seite aus mehrwöchiger Karawanenreisen, um es zu erreichen. Welch ein Ereignis mußte es deshalb für die naive, um Jahrhunderte zurückgebliebene Bevölkerung sein, als wenige Monate vorher zum erstenmal das Dampfroß hier vorbeibrauste! Ganz Chihuahua, jung und alt war auf den Beinen, um das Wunder zu sehen.
   Als jedoch das schwarze Ungetüm mit blendenden Lichtern unter Schnauben, Pfeifen und Tosen wie der Blitz angefahren kam, warfen sie sich zitternd auf die Knie und schlugen ein Kreuz ums andere: «Ave Maria Santissima!» murmelten sie; «estan Ilegando al diabolo, salvarnos!» Nahmen die Beine auf den Rücken und sind bis heute nicht zu bewegen, in die Nähe der Station zu kommen.
   Auf der Eisenbahnstation einer spanischen oder mexikanischen Stadt ankommen heißt noch lange nicht in der Stadt sein. Wie in Spanien, so liegen auch in Mexiko die Bahnhöfe durchweg etwa eine englische Meile von der Stadt entfernt. Aber während in Spanien Tramway oder Stellwagen die Verbindung zwischen beiden herstellen, hat der Yankeegeist hier noch nicht die Zeit gehabt, derlei Kommunikationsmittel einzuführen. Zweifellos ist dies nur mehr eine Frage von Wochen, wenn nicht die Stadtbehörden den Amerikanern weitere Schwierigkeiten bereiten sollten. Da mir außer den eigenen Beinen kein anderes Transportmittel zur Verfügung stand als der Burro, mußte ich denn eines dieser bereitstehenden mageren Tiere besteigen und, ganz wie seinerzeit in Ägypten und Syrien, mit fast auf den Boden schlenkernden Beinen meinen Einzug in Chihuahua halten.
   Dieses Fernehalten der Eisenbahn von den Städten hat wahrhaftig seine guten Seiten speziell für den aus den Vereinigten Staaten kommenden Reisenden, der dort oft die ganze Nacht durch das ewige Pfeifen, Läuten und Schnauben der mitten in den Straßen herumkriechenden Lokomotiven wachgehalten wird. Hier ist man davor sicher, ja die Stadtbehörden erteilen nicht einmal die Erlaubnis, auf eine Meile im Umkreis des Bahnhofes Hotels oder sonstige Gebäude zu errichten, ganz wie man es bei uns mit den Blattern- und Choleraspitälern macht. Von amerikanischem Unternehmergeist dürften die Mexikaner bei solcher Isolierung und Fernhaltung desselben kaum angesteckt werden.
   Chihuahua mit seinen weißen Mauern und flachen Dächern inmitten des herrlichsten Grün der Cottonwoodbäume erinnerte mich wieder lebhaft an die syrischen Städte, nur die hohen schlanken Türme der berühmten Kathedrale zerstören diese Illusion. In den geraden, reinlichen Straßen stehen ähnliche Häuser wie im Orient; hier wie dort lange Mauern mit kleinen Fensteröffnungen und fest verschlossenen Türen, ja sogar die hölzernen Fenstergitter trifft man noch an manchen Gebäuden an. Die amerikanische Invasion hat den altspanischen Charakter der Stadt nicht zu ändern vermocht. Nicht ein einziges der grellen, rot angestrichenen, mit Plakaten und Reklamen beklebten Yankeehäuser stört die stille, friedliche Harmonie der Stadt, wie dies leider in Santa Fé, San Antonio und Monterey schon geschehen ist.
   Dem aus dem Dollarlande kommenden Reisenden zeigen sich hier seltsame Kontraste. Dort alles Leben, Lärm, Bewegung, Gerassel, Geschrei, hier tiefe Ruhe, ja Einsamkeit. Dort alles hell erleuchtet, Elektrizität, Gas und weiß Gott was alles, hier alles finster, sofern nicht der helle Mond auf dem ewig wolkenlosen Firmament steht. Dort alle Häuser voll Kaufmannsläden, Wirtshäusern, Schänkstuben, hier nichts als fest verschlossene, stille Häuser und lange einförmige Mauern, über deren Zinnen ganze Batterien von Wasserröhren wie Kanonenschlünde hervorragen, als wäre jedes Haus eine Festung.
   Das Hauptleben, wenn von einem solchen überhaupt die Rede sein kann, konzentriert sich auf der Plaza. In dieser Hinsicht gleichen die mexikanischen Städte einander wie ein Ei dem anderen. Ob in Hermosillo im Staate Sonora oder in Guadalajara oder in Tehuantepec, jede Stadt hat dieselben gradlinigen, hinreichend breiten Straßen und im Mittelpunkte eine Plaza, gewöhnlich mit hübschen Baumanlagen geschmückt. Eine Seite der Plaza wird in der Regel von der Kathedrale, eine andere vom Regierungsgebäude, eine dritte vom Justizpalast oder dem Gefängnis eingenommen, während auf der vierten gewöhnlich eine Fonda oder ein Meson (Hotel) steht. So auch hier in Chihuahua.
   Es war gerade Sonntag, als ich hier eintraf, und auf der Plaza herrschte ungewöhnliches Leben, das heißt, jede Bank in dem baum- und blumenreichen Square, jeder Eckstein, jede Stufe der zur mächtigen Kathedrale emporführenden Treppe war von Menschen besetzt, die entweder schliefen oder in ruhigem flüsternden Gespräch miteinander begriffen waren. Vor dem offenen Justizpalast kauerten in festen Schlaf versunkene Soldaten, die Gewehre neben sich am Boden, den ungeheuren Sombrero tief in die Stirn gedrückt und den Shawl, die Sarape, dicht über die Ohren gezogen. Aus ihren Lagen und Stellungen allein hätte man schon den Indianer erraten können. So wie sie hier mit angezogenen Knien, die Hände über die Unterbeine gefaltet, die Stirne auf den Knien ruhend, an den Mauern entlang saßen, so sah ich auch die Rothäute in den nordamerikanischen Prärien um das Feuer gelagert, so werden auch die Inkas und Azteken begraben. Keiner dieser schlafenden oder Zigaretten schmauchenden Soldaten wehrte mir den Eintritt in den Justizpalast, wo bei offenen Türen und Fenstern noch so spätabends - es war gegen 9 Uhr - einige Gerichtsfälle ruhig verhandelt wurden. Die Richter und Advokaten waren in gewöhnlichen schwarzen Anzügen ohne irgendwelche Abzeichen ihres Amtes. Der Delinquent stand unbewacht in einem Verschlag, und hätte er nur gewollt, er hätte bequem zwischen den schlafenden Aposteln der Hermandad herausspazieren können.
   Auf der anderen Seite der Plaza erhebt sich die majestätische Kathedrale, ihre prachtvolle, mit kunstvollen Skulpturen überladene Fassade, vom fahlen Mondlicht schräg beleuchtet. Ungeachtet der vielen Menschen und, was noch mehr zu verwundern ist, der vielen geschwätzigen Frauen herrschte eine derartige Stille auf dem großen Platze, daß man die kleine Fontaine inmitten der Blumenbeete plätschern hörte. Die Indianer, welche eben den größten Teil der Bevölkerung ausmachen, haben neben manchen Schattenseiten diese schöne Eigenschaft für sich, im Gegensatz zu den lärmenden, brüllenden «Border Yankees». Eben verriet sich die Gegenwart der letzteren durch kräftige, laut durch den Square schallende Flüche, grelles Gelächter und heiseres Brüllen lasziver «Lieder».Sie zeigten mir wenigstens damit das schmutzige, jeden Komfort entbehrende Hotel an, wo ich meine Nachtruhe finden sollte. Es war eine jener Grenzkneipen, in denen ich in früheren Jahren in Arizona und Texas so häufig Unterkunft nehmen mußte, nur noch schmieriger, lärmender und von noch schlimmerem Grenzgesindel gefüllt. Es führte den Namen «American Hotel». Meine Frage nach einem Zimmer wurde von dem baumlangen, durch einen Sombrero und gewaltigen im Gürtel steckenden Revolver bereits «mexikanisierten» Yankee mit Hohngelächter beantwortet. «We are full - ja, wenn Ihr hier im Patio unter freiem Himmel schlafen wollt, könnt Ihr Platz bekommen!»
   Weiter abwärts in der Straße befand sich eine echte mexikanische Fonda, wo allerdings die Zimmer keine Fenster und ihre auf den Hof mündenden Türen keine Schlösser hatten, aber dennoch war mir dieses Indianerhotel lieber als das amerikanische. Wie in den Privathäusern, Restaurants und so weiter gab es auch hier keine hölzernen Fußböden, und da überdies in meinem Zimmer kein Bett vorhanden war, hieß es auf der kalten Erde schlafen. Welch eigentümlicher Gegensatz! Bei uns sind alle Räume mit hölzernem Parkett versehen, nur nicht die Kirchen, und in Mexiko sind gerade umgekehrt die Kirchen die einzigen Gebäude, wo sich hölzerne Fußböden befinden.
   Schon aus der Schilderung dieses Hotels, des besten der Stadt, wird man erkennen, daß der Fremdenverkehr in Chihuahua nicht gerade bedeutend ist. Ebenso elend ist es um die Cafés, Restaurants und sonstigen öffentlichen Anstalten in dieser 20.000 Einwohner zählenden Stadt bestellt. Aller Unternehmungsgeist beschränkt sich in dieser Hinsicht auf die Ausländer. Der Mexikaner hat absolut keinen Sinn dafür. In jeder Stadt des nördlichen Mexiko, und so auch in Chihuahua, fand ich einen französischen Barbier, italienische Fruchthändler, chinesische Wäscher, amerikanische Trinkstuben und deutsche Kaufleute. Chihuahua besitzt sogar ein chinesisches Restaurant, das beste der Stadt. Wo diese Chinesen doch überall zu finden sind! Ich nahm mein Abendbrot bei ihnen ein - denselben Reis in gleicher Weise zubereitet, wie ich ihn bei den Chinesen in Singapore und in San Francisco gegessen. Sie bleiben sich überall gleich in ihrer Tracht wie in ihrer Lebensweise.
   Wovon ein großer Teil der Bevölkerung von Chihuahua lebt, ist mir trotz mehrtägigen Aufenthalts hier ein Rätsel geblieben. Sie beschäftigen sich mit nichts, sie lungern den ganzen Tag über auf der Plaza oder unter den großen schattigen Bäumen der Alameda umher, ein Viertel von ihnen bringt die Nacht unter freiem Himmel zu. Das Klima ist allerdings köstlich, eine Wiederholung jenes von Italien, allein von was leben sie? Viele sind in der Münze beschäftigt, andere in den fruchtbaren Feldern der Umgebung, die dritten in den ungemein reichen Silberminen, die seit Jahrhunderten in Betrieb und doch noch unerschöpflich sind. Aber der große Rest? Die indianische Stadtbevölkerung ist anscheinend so bescheiden und anspruchslos, ein so angenehmer Kontrast zu ihren wilden Brüdern auf den Prärien, daß sie unwillkürlich Sympathien erwecken. Sie sind entschieden besser als ihr Ruf. Das ist die Meinung aller, die seit Jahrzehnten unter ihnen leben. Ihr großes Nationalübel ist ihre angebotene Lässigkeit. Sie arbeiten nur gerade so viel, als hinreicht, um sich ein elendes Dasein unter freiem Himmel zu fristen; ein paar Tortillas und Orangen, ein Päckchen Zigaretten, die um einige Centavos zu kaufen sind, genügen ihnen; Toiletten brauchen sie nicht zu wechseln, denn ihre Canevas-Hemden und -Beinkleider überdauern ein Jahr. Der Sombrero und die Sarape sind unverwüstlich, und Fußbekleidung brauchen sie keine. Für den Rest ihrer Bedürfnisse sorgt die fleißige, bescheidene, ja sittsame Frau, die ihr Leben in schwerer Arbeit verbringt.
   Nächst der Plaza mit ihrer Kathedrale ist wohl die altspanische monumentale Wasserleitung eine Hauptsehenswürdigkeit der Stadt. Auf mächtigen gemauerten Bogen führt sie das Wasser auf dem etwa 13 Kilometer von der Stadt entfernten Churiscufluß nach Chihuahua und speist überdies ein großes steinernes Bassin für öffentliche Schwimmbäder. Auch die Münze, in welcher die in der Umgebung Chihuahuas gewonnenen Unmassen Silber in blanke harte Pesos umgewandelt werden, ist eines Besuches wert, nicht nur um das mexikanische Münzverfahren kennenzulernen, sondern auch um den alten viereckigen Turm zu sehen, der dem berühmten Leiter des Aufstandes gegen die Spanier, dem Priester Hidalgo, dem Erstürmer des Castells von Guanajuato, als Gefängnis diente. Auf der nahen Plaza wurde der edle Patriot, dieser Andreas Hofer von Mexiko, hingerichtet.
   Obschon Chihuahua zur Zeit meines Besuches noch wenige Spuren des Gringoeinflusses - Gringos heißen bei den Mexikanern die Yankees - zeigte, so dürfte es doch als eine der ersten Städte unter die kommerzielle und zivilisatorische Herrschaft des Sternenbanners kommen, geradeso wie auch Monterey, die Hauptstadt des Staates Nuevo Leon, heute schon halb und halb eine amerikanische Stadt geworden ist. Zunächst sind es die nahen, kolossal reichen Silberminen Chihuahuas, welche die Amerikaner anlocken, dann aber auch die hübsche, angenehme Lage der Stadt inmitten einer grünen Oase, das milde Klima und die gesunde, trockene Luft, deren ungemeine Klarheit man am deutlichsten aus den weiten Fernblicken in die Umgebung erkennen kann. Die malerischen Umrisse der isolierten Gruppe des Cerro Grande heben sich von der Stadt aus ungemein scharf am Horizont ab und verleihen der sonst wüsten Umgebung einen eigentümlichen Reiz. Das Klima der zirka 1.550 Meter über dem Meeresspiegel gelegenen Stadt ist als eines der gesündesten der neuen Welt bekannt und dürfte gewiß eine Zuwanderung von Leidenden aus den Vereinigten Staaten mit sich bringen, sobald nur bessere Hotels eröffnet sein werden. Die Temperatur ist um einige Grade kälter als jene von EI Paso. Um Mittag ist die Hitze allerdings gewöhnlich so bedeutend, daß die Mexikaner in diesen Stunden ihre Siesta zu feiern pflegen und man in den Straßen kaum irgendwelchen menschlichen Wesen, es seien denn Fremde, begegnen wird. Dagegen sind die Abende und Morgen stets kühl und angenehm. Die Mexikaner gehen früh zu Bett und sind wieder sehr früh auf den Beinen. Um 4 Uhr morgens sind die Straßen schon belebt, und die folgenden Stunden sind die geschäftigsten des Tages.
   Einer meiner ersten Spaziergänge galt den Lebensmittelmärkten, wo der Reisende, wie ich in allen Weltteilen mannigfach erfahren, am leichtesten und schnellsten einen Einblick in das echte, unverfälschte Volksleben machen kann. Zu Nutz und Frommen der Leser will ich hier noch die Preise der gebräuchlichsten Lebensmittel anfuhren: Mehl kostet durchschnittlich 8 Centavos (1 Centavo = 3 1/2 Pfennige d. W.) das Pfund; Hühner pro Stück 40 Centavos; Eier 50 Centavos (2 Mark) das Dutzend, amerikanische Käse 2 Mark pro Pfund; Speck 40 Centavos; Butter 60 Centavos (3 Mark!) das Pfund; Zucker 37 Centavos; Schinken 50 Centavos; frisches Rindfleisch 8 bis 10 Centavos; am teuersten ist wohl das Brennmaterial, denn der Zentner Kohle stellt sich auf 10 Mark, die Klafter Holz auf 26 Dollar oder 104 Mark! Wie man sieht, ist das Leben in Chihuahua durchaus nicht billig zu nennen, aber die Eisenbahn wird bald bessere Verhältnisse schaffen.
   Nach einer besonderen Spezialität Chihuahuas sah ich mich vergeblich um: nach den weltberühmten Miniaturhunden, welche den Namen der sonst kaum über die Grenzen Mexikos bekannten Stadt in alle Welt getragen haben. Die Nachfrage nach diesem reizenden Schoßhündchen war in den letzten Jahren so stark, daß sie selbst hier in der Heimat zur Seltenheit geworden sind und wahrscheinlich ganz verschwinden dürften, da sie, an anderen Orten gezüchtet, in der zweiten Generation bedeutend größer werden.
   Obschon Chihuahua so weit von den großen Kulturzentren entfernt und mit seinem weiten Wüstenkranz so schwer zugänglich ist, so hat es in seinen Mauern in diesem Jahrhundert doch schon zweimal fremdländische Soldateska beherbergt.
   Die Stadt wurde 1539 von Diego de Ibarra gegründet und führte ursprünglich den Namen Taraumara, später auch San Felipe el-Real, bis sie von den Mexikanern den indianischen Namen von heute erhielt, gleichbedeutend mit «Der Platz», wo Dinge verfertigt werden; nun besitzt aber Chihuahua nur die geringsten, bescheidensten Anfänge von Industrien, so daß ihr Name den Beweis liefert, wie wenig in den umliegenden Distrikten an Gewerben vorhanden ist. Die beiden Invasionen, von welchen ich sprach, waren jene der Amerikaner im Frühjahr 1847 unter Oberst Doniphan, welcher nach der siegreichen Schlacht am nahen Sacramentofluß mit seinen Truppen hier einzog, und 18 Jahre später jene der Franzosen. Aber die letzteren hielten es hier - wie man behauptet, weil sie sich ihre ohnehin schon durch spanischen Pfeffer ruinierten Zungen an der Aussprache des Stadtnamens gänzlich ausrenkten - nicht so lange aus wie die amerikanischen Okkupationstruppen und mußten es geschehen lassen, daß Chihuahua noch während der Maximilianischen Herrschaft der Regierungssitz der Revolutionäre unter Juarez wurde.
   Der Staat Chihuahua ist als einer der silberreichsten Staaten des silberreichen Mexiko bekannt. Es sind innerhalb seiner Grenzen 18 genau abgegrenzte Silberdistrikte vorhanden, von denen einige der fortwährenden Raubzüge der Apachen wegen aufgegeben werden mußten, während heute noch 12 Distrikte ertragfähige Minen besitzen, was die Leistungen der Münze hinlänglich beweisen. Die etwa 15 bis 20 Kilometer von Chihuahua entfernten Minen von Santa Eulalia, über 200 an der Zahl, haben, wie Fröbel [Julius Fröbel (1805-1893), Schriftsteller und demokratisch-revolutionärer Politiker, lebte von 1849 bis 1857 als Publizist und Reisender in Amerika] in seiner Schilderung des Staates Chihuahua bemerkt, von 1703 bis 1833 nicht weniger als 43 Millionen Mark Silber, gleich nahezu 1.400 Millionen Mark deutscher Reichswährung geliefert. Über 50 Schächte sind an 200 Meter tief und haben Stollen von mehreren Kilometern Länge. Fröbels Prophezeiung, daß diese zu seiner Zeit (in den fünfziger Jahren) etwas vernachlässigten Minen wieder einmal der Stadt zu erneuter Blüte verhelfen würden, scheint sich zu bewahrheiten, denn amerikanische Kapitalisten haben vor einigen Jahren die erforderlichen Maschinen importiert, die inundierten Minen ausgepumpt und die Ausbeute mit großem Erfolg wieder aufgenommen. Ich sah selbst in dem Bankhause von McManus & Co. in Chihuahua eine Silbermasse von der Größe einer Kokosnuß, welche aus den eigentümlichen Clavos (natürlichen Stiften und Drähten) gebildet war und aus den einer amerikanischen Gesellschaft gehörigen Batopilas-Minen stammte. Während meines Aufenthaltes in der Stadt traf gerade eine Conducta (Packkarawane) mit 60.000 Dollars reinem Silber von dort ein, das Ergebnis eines einzigen Monats. Die Minen sind etwa fünf Tagereisen (per Maultier) von Chihuahua entfernt, in der Sierra Madre gelegen. Ebenso reich sind die Distrikte von Jesus Maria, San José, Parral und Cusihuiriachic, welch letztere sowohl von Wislizenius als auch von Fröbel besucht und geschildert wurden. Wislizenius verweilte 1846 über sechs Monate in Cusihuiriachic und bemerkt, daß damals sehr wenig in den Minen gearbeitet wurde; heute ist es anders geworden. Auch hier haben die Amerikaner, durch den reichen Ertrag ihrer Minen von Nevada, Californien und Colorado kühn gemacht, die Minendistrikte erworben, große Schmelzwerke errichtet und die Wiederausbeutung der ausgedehnten Erzlager übernommen. Die am Fuße der berühmten isolierten Berggruppe Bufa grande (2380 Meter hoch) gelegene Stadt Cusihuiriachic, welche 1846 nur mehr 2000 Einwohner zählte, ist heute wieder auf das Doppelte angewachsen, und der Ertrag der Minen ist ein sehr bedeutender.

Ernst von Hesse-Wartegg
Mexiko. Land und Leute. Reisen auf neuen Wegen durch das Aztekenland
Wien und Olmütz 1890

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