Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1852 - Julius Fröbel
In Chihuahua

Die Stadt Chihuahua, die vom November 1852 bis zum Mai 1853 mit Unterbrechungen mein Aufenthaltsort gewesen ist, liegt auf einer von kahlen und felsigen Bergen umgebenen Talebene. Trotz der Kahlheit der Berge hat die Umgegend ihre großen Schönheiten, die nicht nur auf dem großartigen Charakter der Natur im Allgemeinen, sondern auch auf vielen einzelnen Zügen und lokalen Bildungen beruhen. Zwei kleine Gebirgsströme, an deren einem die Stadt liegt, vereinigen sich etwa anderthalb Meilen unter der letzteren, und bilden einen kleinen Fluss, der sein Wasser dem Rio Choncos zuführt, oder, nach einer anderen Angabe, versiegt, ohne diesen zu erreichen. Von den beiden kleinen Strömen kommt der eine aus den Gebirgen von Sacramento und Torreon, welche südwestlich von der Laguna von Encinillas liegen, der andere aus den Felsenschluchten der im Südwesten der Stadt gelegenen nahen Gebirgsgruppe. Vereinigt brechen sie durch eine Talenge zwischen den die Fläche gegen Osten einschließenden Gebirgen, worauf sie die Weizenfelder der jenseits gelegenen Ebene von Tavalope bewässern. Der Ort, wo beide zusammenfließen, wird La Junta genannt.
   Eine hier stehende Mühle mit einer Agavenpflanzung am Fuße einer Felswand, von alten Pappeln umgeben, die kleine, von kristallenem Wasser erfüllte Felsenbecken beschatten – ein wenig weiter abwärts das nämliche Wasser zwischen hohen und steilen Bergen durch eine Enge schäumend – stellen schöne landschaftliche Bilder dar. Diese Gegend ist den Bewohnern der Stadt, welche im allgemeinen dem Vergnügen ergeben sind, als ein Ort bekannt, der zu heiterem Genusse einlädt, und fast sollte man glauben, dass die Bedeutung des Namens Chihuahua, welchen meine deutschen Leser wie Tschiwáwa aussprechen mögen, und welcher mit »Ort der Freude« oder »Freudenstadt« übersetzt werden muss, sich vorzugsweise auf diese Stelle beziehe. Das Wort gehört wahrscheinlich der Tarumaresprache an, in deren Ortsnamen das tschi oder tschik, obschon gewöhnlich am Ende, die Lokalität bezeichnet. An dieser Stelle ist neuerdings auch wieder eine Erzmühle errichtet worden, welche die Silbererze aus einigen wieder aufgenommenen oder neu eröffneten Gruben von Santa Eulalia aufbereiten hilft. Diese Bergwerke sind zwölf bis fünfzehn englische Meilen [20 - 24 km] von Chihuahua entfernt; trotz dieser Entfernung aber sind von 1703 bis 1833 die Erze zur hüttenmännischen Bearbeitung von dort hierher transportiert worden. Dem großen Reichtum der Bergwerke von Santa Eulalia verdankt die Stadt Chihuahua ihren früheren Glanz, und mit dem Verfall der Gruben ist auch die Stadt in Verfall gekommen. Von einer Bevölkerung von 76.000, die sie zur Zeit der höchsten Blüte jener Bergwerke gehabt hat, ist sie seit der Losreißung Mexikos bis auf 12.000 herabgesunken, und mit Ausnahme einiger weniger Familien, in denen sich alter Reichtum erhalten hat oder die Frucht eines beginnenden neuen Unternehmungsgeistes zu bilden begonnen hat, ist eine große und fortschreitende Verarmung mit entsprechender Demoralisation eingetreten. Die Stadt ist mehr oder weniger unsicher. Als ich an einem der ersten Abende meiner Anwesenheit nach eingebrochener Dunkelheit etwas in unserem Hofe zu tun hatte, sagte mir zu meinem Erstaunen Herr M.: »Sie werden wohl tun, eine Pistole mit sich zu nehmen«, und als ich einwandte, dass unser Hof rund umher unzugänglich sei, wurde ich zu noch größerem Erstaunen auf die sich nach dem Hofe öffnenden Fenster der anstoßenden Häuser aufmerksam gemacht. Dies war im besten Teil der Stadt in einem der anständigsten Häuser, und ich habe, so lange ich mich hier aufgehalten, nie ohne den Revolver unter dem Kopfkissen geschlafen. Unter dem weiblichen Teil des Volkes ist die Prostitution allgemein, und ich war noch keinen Tag in der Stadt, als mir schon eine Kupplerin ihre Dienste anbot. Trotz ihrer Größe muss indessen diese Demoralisation mild beurteilt werden. Dieses Volk hat von Natur gute Eigenschaften und es fehlt ihm keineswegs ein feines Gefühl; aber nach vorausgegangener Gewöhnung an Überfluss und Luxus, und bei natürlichem Hange zum Vergnügen im Laufe weniger Jahrzehnte bis zum Elend verarmt, dabei der Verführung durch mächtige einheimische Roués und reiche fremde Kaufleute ausgesetzt, konnte es in seiner Tugend nicht fest genug sein, um zu widerstehen. Dazu kommt, dass die Kirche in Mexiko wie in anderen spanisch-amerikanischen Ländern die Torheit begeht, sich die Erteilung des Sakraments der Ehe auf eine für die Mehrzahl unerschwinglich hohe Weise bezahlen zu lassen, und da die Zivilehe auch nicht besteht – was bleibt den armen Menschen übrig als ein Umgang der Geschlechter, dem jeder konventionelle Maßstab der Sittlichkeit abgeht? Es ist lächerlich, die geringschätzigen Urteile fremder Residenten über diese Demoralisation zu vernehmen, während diese Herren doch fast ohne Ausnahme für den temporären Aufenthalt sich ihre Konkubinen halten.
   Die ganze Anlage der Stadt mit ihren freundlichen Straßen und vielen stattlichen Gebäuden lässt noch die vergangene Periode des Glanzes erkennen, und man muss dem heruntergekommenen Ort immer noch den Ruhm zusprechen, als ein Ganzes schöner zu sein als irgendeine von entsprechenden Prätensionen in den Vereinigten Staaten.
   Von der außerordentlichen Quantität von Silbererzen, welche hier verschmolzen worden sind, mag sich der Leser eine annähernde allgemeine Vorstellung machen, wenn ich anführe, dass Hunderte von Häusern und die Mauern von Gärten und Feldern der nächsten Umgebung aus Schlacken erbaut sind, in denen nach zuverlässigen Analysen noch ein hinreichender Silbergehalt übrig ist, um unter günstigen technischen Verhältnissen die nochmalige Bearbeitung vorteilhaft zu machen. Dreiundvierzig Millionen Mark an Silber sind hier in hundertdreißig Jahren aus ihren Erzen ausgeschieden worden. Hier will ich nur bemerken, dass für sie, und damit zugleich für die Stadt Chihuahua, eine nochmalige und dauernde Periode des Reichtums und Glanzes bevorsteht, wie denn überhaupt ohne Zweifel sich früher oder später das Kapital und der Unternehmungsgeist finden werden, durch welche die hier vorhandenen natürlichen Bedingungen einer großen industriellen Tätigkeit zur Entwicklung kommen.
   Die Stadt liegt am Fuße des Cerro Grande, eines isoliert stehenden Berggipfels auf dem östlichen Hochufer des von Süden kommenden Bergstromes. Das Wasser dieses letzteren kann aus seinem vertieften Bett dem höheren Terrain nicht zu Nutzen kommen; aber eine steinerne Wasserleitung bringt auf einer mehrere Meilen langen Reihe von stattlichen Bögen einen kleinen Fluss zur Bewässerung der höher gelegenen Gärten und Felder aus den Gebirgen herab und versieht die Straßen der Stadt mit einem reichlichen Vorrat von vorzüglichem Wasser. Dieses ansehnliche Bauwerk, welches der größten Stadt Ehre machen würde, ist auf Kosten eines der hier zu großem Reichtum gelangten Privatmänner aufgeführt worden. Es bringt eine imponierende Wirkung in der Landschaft hervor und gibt durch die Befruchtung von Gärten und Feldern der Umgebung einen wesentlichen Teil ihrer Reize. Denn obgleich in dieser Gegend Weizen und einige andere Feldfrüchte mit den Sommerregen ohne künstliche Bewässerung gezogen werden können, so würden doch ohne letztere die Gärten öde stehen und die Felder um mehrere Monate später zu grünen beginnen. Vor Ende des Monats Mai ist gewöhnlich im Frühling hier kein Regen zu erwarten, und nur Pflanzen, welche von der Natur durch besondere Organisation dazu befähigt sind, vermögen vor dem genannten Zeitpunkt zu treiben. Im Übrigen hat das Klima von Chihuahua die allgemeinen Charakterzüge, welche dem des mexikanischen Hochlandes in seinem nördlichen Teil eigen sind: eine außerordentliche Klarheit und Trockenheit der Luft während der größeren Hälfte des Jahres und einen merkwürdig günstigen Einfluss auf körperliches Wohlbefinden und körperliche Tätigkeit. Unstreitig gehört es zu den gesündesten Klimaten der Welt, und wenn dennoch die Bevölkerung manchen Krankheiten ausgesetzt ist, so ist es sicherlich dem elenden Leben der ärmeren Volksklasse zuzuschreiben, welche sich weder hinreichend nährt noch die zur Erwärmung des Körpers im Winter und während der Nacht erforderlichen Schutzmittel besitzt. Im Winter fällt zuweilen ein wenig Schnee, oder der Boden bedeckt sich des Nachts mit Reif, und am Rande der Bäche setzen sich dünne Eistafeln an. Die auf solche Nachtfröste folgenden Tage sind dagegen von unbeschreiblicher Schönheit und verlockten mich zu größeren und kleineren Exkursionen, so oft meine Pflichten als Buchführer und Kassier des Hauses H. Mayer und Comp. es zuließen.
   Viel mehr als durch diese Pflichten sah ich mich durch die große Unsicherheit der Umgegend in meinen Ausflügen beschränkt. Selbst in der unmittelbaren Nähe der Stadt war ein einsamer Spaziergang ohne Waffen nicht anzuraten. Wenige hundert Schritte von den letzten Häusern sah ich Kreuze am Wege, welche die Stellen bezeichneten, wo durch wilde Indianer Menschen umgebracht worden waren. Die Hirten bei ihrem Vieh, nicht in größerer Entfernung als die angegebene, sah ich mit der Flinte auf der Schulter. Der Beruf dieser Menschen ist ein überaus gefährlicher, und nur eine vollkommene Resignation oder ein außerordentlicher Mut kann ihn erträglich machen. Von den vielen Opfern indianischer Barbarei, welche jährlich fallen, gehört bei weitem die Mehrzahl diesem Berufe an, und das statistische Verhältnis ist so klar und außer Zweifel, dass Kaufleute Bedenken tragen, auch den solidesten Menschen der dienenden Klasse Kredit zu geben, »weil sie jeden Augenblick von den Indianern umgebracht werden können.« Es ist ungerecht, in diesem Verhältnis zu den wilden Indianern das mexikanische Volk im Allgemeinen feig zu nennen. Die untere Volksklasse, im Gegenteil, beweist sich darin als tapfer, und wenn täglich im nördlichen Mexiko Menschen der zivilisierten Bevölkerung durch die Wilden fallen, so findet ebenso oft das Gegenteil statt. Weniger als die dienende Klasse sind die Herren zu rühmen, die ihre Hirten und Feldarbeiter fühllos und rücksichtslos der Gefahr aussetzen; am wenigsten aber ist die Regierung zu loben, welche zu schlecht und zu feig ist, dem Volke zureichende Mittel der Selbstverteidigung zu gestatten, ohne doch selbst die Kraft und den ernsten Willen zu haben, dasselbe wirksam zu schützen. Die Bewohner eines Dorfes im Staate Chihuahua, welche, nachdem ihnen durch eine Apachen-Bande ihr Vieh weggetrieben, einige Männer umgebracht und einige Weiber und Kinder geraubt worden waren, ihre Nachbarn von einem andren Dorfe zu Hilfe riefen und einen Zug gegen die Räuber im Gebirge unternahmen, erhielten von der Regierung eine Rüge über diese Selbsthilfe mit der Bemerkung, sie möchten sich nicht in Dinge mischen, welche die Sache der Militärmacht des Staates seien! Und wie solche mexikanische Regenten auf eine selbstständige Kraftäußerung des Bürgers eifersüchtig sind, so verkriecht sich vor ihnen wieder jede niedere Autorität unter die höhere und verlangt von dieser Schutz und Hilfe. In dem »Pronunciamento« der Besatzung von Chihuahua, mit welchem am 23. Dezember hier die Revolution von 1852 und 1853 ausbrach, wird dem Gouvernement des Präsidenten Arista unter anderen Vorwürfen auch der gemacht, die Grenzstaaten nicht gegen die Indianer geschützt zu haben.
   Zu den genussreichen Stunden meines Aufenthaltes in Chihuahua gehörten die Jagdpartien nach der Ebene von Tavalope, zu denen sich fast jeden Sonntag eine kleine Gesellschaft zusammenfand. Wir pflegten sechs bis acht Meilen weit zu fahren, Wagen und Pferde dann unter der Obhut eines Dieners stehen zu lassen und uns in der Fläche zu zerstreuen, bis gegen Abend jeder mit seiner Beute zum Sammelplatze zurückkehrte. Der Fluss, die von ihm ausgehenden Bewässerungskanäle und zahlreiche Lachen, die in hohem Grase oder zwischen Büschen und Bäumen versteckt sind, beherbergen im Winter zahllose Enten vieler verschiedener Arten. Zuweilen kommen auch Gänse vor, während der anstoßende Chaparral [Gebüsch aus Kiefern, Wacholder und Eichen] zahlreichen Hasen zum Aufenthalt dient. Jeder von uns führte seine Doppelflinte, und, zur persönlichen Verteidigung im Fall der Not, ein Paar Revolver; es kam indessen keine Veranlassung vor, von diesen Gebrauch zu machen. Fast immer brachten wir so viel Wildbret zurück, dass die Küchen zweier Haushaltungen auf die ganze Woche versehen waren.
   In Gesellschaft eines in Chihuahua eingebürgerten Franzosen, der vielfach an dem Bergbau des Staates beteiligt ist, besuchte ich Santa Eulalia, eine kleines Bergstädtchen, von dessen berühmten Minen ich schon beiläufig gesprochen habe. Nachdem man auf die Ostseite des Cerro Grande gelangt ist, reitet man über eine etwa zehn Meilen breite Ebene gerade auf eine steile Gebirgskette los. In einem engen Tal derselben liegt Santa Eulalia. Der Anblick ist von der höchsten Eigentümlichkeit. Die hohen Berge sind mit Gras, Yuccabüschen, Kaktusarten und stellenweise mit einem dichten Überzug von Agaven gleichsam einem riesenhaften Rasen bedeckt. Die Gebäude, einstöckige Lehmhäuser mit platten Dächern, sind in Verfall; ein großer Teil der Bevölkerung aber, welche aus 1.500 Menschen besteht, lebt in Felsenwohnungen, deren zahlreiche Eingänge man am Fuß der beiden Talwände sieht. Das Tal hat in der trockenen Jahreszeit so wenig Wasser, dass die bergmännischen Operationen, für die dieses Element erforderlich ist, nicht ausgeführt werden können. Dies ist die hauptsächlichste Veranlassung gewesen, die Hüttenwerke für die hiesigen Erze nach Chihuahua zu verlegen, wo zugleich eine reichliche Wasserkraft zu Gebote steht. Es fehlt aber zu Santa Eulalia auch an gesundem Trinkwasser, indem das vorhandene durch aufgelöste Metallteile giftige Eigenschaften annehmen soll. Ich kann die Richtigkeit dieser letzten Behauptung nicht beurteilen. Gewiss jedoch sind zwei Tatsachen, erstens, dass die Herren von Chihuahua , welche durch Geschäfte genötigt sind, sich hier kürzer oder länger aufzuhalten, ihr Trinkwasser von da mitbringen und sich täglich schicken lassen, und zweitens, dass ich am Tage nach meiner Ankunft von einem gastrischen Fieber befallen wurde, welches ein Begleiter durch die Vermutung erklärte, ich möchte aus Versehen von dem Wasser des Ortes getrunken haben. Die große Mehrheit der Einwohner indessen ist zu arm, um sich Trinkwasser zu verschaffen, das zwölf Meilen weit hergebracht worden ist. Wahrscheinlich haben sie mehr in der Nähe irgendeine Quelle im Gebirge.
   Mit dem erwähnten Fieber möge es der Leser entschuldigen, wenn meine Notizen über diesen interessanten Ort eher dürftig ausfallen.

Fröbel, Julius
Aus Amerika. Erfahrungen, Reisen und Studien
Band 2;  Leipzig 1858

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Mexiko
Wien 2003

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