Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1807 - Zebylon Montgomery Pike
Durch die Ländereien eines Großgrundbesitzers
Zwischen Chihuahua und Ciudad Juarez

Wir kamen auf das Gebiet des Marquis von San Miguel, dessen Besitzungen in den Gebirgen am North-Fluss ihren Anfang nehmen und sich ziemlich weit in das Königreich Alt-Mexiko erstrecken; seine jährlichen Einkünfte sollen unermesslich sein.
   Am 13. kamen wir an den Rancho oder die Meierei von St. Antonio, die am Fluss Nafas liegt und dem genannten Marquis gehört. Hier erfuhr ich, dass der Lohn, der einem erwachsenen Menschen für alle Arbeit zu werden pflegt, wöchentlich in nicht mehr als einem Maß Mais und drei Pfund Fleisch besteht. Es war aber auch in der Tat im höchsten Grad auffallend, wie hier sowohl als in allen Teilen des Landes die Einwohner uns laut und unverhohlen ihren Wunsch zu verstehen gaben, dass doch bald der sehnlich erwartete Tag anbrechen möchte, wo sie von diesem Joch der unerträglichsten Sklaverei befreit würden.
   Am 14. begegneten wir einem Offizier, der mit vierundzwanzig Mann und zwei stark gefesselten Apachen von St. Rosa herkam. Die beiden unglücklichen Wilden waren groß von Gestalt und hatten eine sehr edle Gesichtsbildung; durch ihr Unglück schienen sie keineswegs niedergeschlagen zu sein, obgleich ihnen das Schicksal, das ihnen bevorstand, dass sie nämlich über das Meer hinübergebracht werden und ihre Freunde und Verwandten niemals mehr zu sehen bekommen würden, sehr wohl bekannt war. Da ich die Grausamkeit der Spanier gegen dieses Volk kannte, so hätte ich sie gern befreit, wenn das in meinen Kräften gestanden hätte; ich schenkte ihnen jedoch mancherlei Dinge, die ihnen auf ihrer Reise sehr nützlich sein konnten. - Das Thermometer von Reaumur stand an diesem Tage auf 30 Grad [38° C], und die Hitze sowie der schreckliche Staub auf der Straße fielen uns in einem solchen Grade beschwerlich, dass wir nicht mehr anders als bei Nacht marschieren konnten. Bei unserer Lagerstelle war nicht eine Spur von Wasser zu finden, und es ist auf dem Wege, den wir einzuschlagen gezwungen waren, in dieser Jahreszeit wegen des gänzlichen Mangels an Wasser kaum fort zu kommen, während dieses hingegen auf den beiden andern im Überflusse vorhanden ist.
   Nachdem wir am 15. ungefähr fünf Meilen [8 km] zurückgelegt hatten, kamen wir an einen Wassertümpel, mit dessen faulem, schlammigem Wasser wir und unsere Tiere unsern Durst löschen mussten. Wir hielten uns bis um 5 Uhr daselbst auf und legten alsdann bis 11 Uhr noch fünfzehn Meilen [24 km] zurück, wo wir uns auf einem von der glühenden Sonne ganz ausgebrannten Erdboden ohne Wasser und ohne Weide für unser Vieh lagerten.
   Am 16. fanden wir bei einer armseligen Pflanzung einen Ziehbrunnen, der uns glücklicherweise in den Stand setzte, unsere Tiere zu tränken.
   Am 17. erblickten wir Paras von fern und hielten bei der Hacienda von San Lorenzo, eine kleine Stunde nordwärts von dieser Stadt.
   Am 18. marschierten wir durch eine gebirgige Gegend, wo es uns jedoch nicht an Wasser fehlte. Auch kamen wir bei einer Hacienda oder einem Landgute des Marquis von San Miguel vorbei, bei welchem sich schöne Gärten mit den köstlichsten Früchten befanden.
   Da wir am 19. der Hauptstraße sehr nahe waren, so fasste unser Kapitän, der sich nicht wohl befand, den Entschluss, ungeachtet des Befehls von Generalgouverneur Salcedo diese Straße einzuschlagen, weil wir sonst alle vor Durst hätten verschmachten müssen.
   Am 20. gelangten wir des Morgens um 9 Uhr zu der Hacienda von Polloss. Dies ist ein äußerst reizender Ort, wo der Marquis von San Miguel sehr häufig den Sommer zubringt; er legt dann in seiner Kutsche den Weg von Mexico City bis hierher gewöhnlich in zehn Tagen zurück. – Hier trafen wir auch die reitende Post von Mexico City an, die nach Chihuahua geht. Die Gebäude der Hacienda von Polloss sind nur ein Stockwerk hoch, allein mehrere Zimmer sind äußerst geschmackvoll möbliert. In der Mitte des großen Vierecks, das sie bilden, ist ein Springbrunnen, in dem das Wasser aus acht Röhren herausschießt, und der mit einer kolossalen weiblichen Figur verziert ist; von hier holen sämtliche Einwohner der umliegenden Gegend ihr Wasser. Auch hat der Marquis hier eine sehr schöne Kirche erbauen lassen, die ihn mit der inneren Verzierung über 20.000 Dollar gekostet haben soll. Hinter dem Palast, denn so kann dieses Gebäude wirklich genannt werden, befindet sich ein Teich, der mit einer zahllosen Menge der köstlichsten Fische angefüllt ist. Die Volksmenge, die zu diesem Landgute gehört, beläuft sich auf 2.000 Seelen. – Dies war der Punkt, wo wir auf unserer ganzen Reise Mexico City am nächsten waren.
   Am 21. marschierten wir ungefähr zehn Meilen weit auf einem rauen und steinigen Weg fort, worauf wir zu einem großen Gestüt des Marquis kamen, auf dem sich vier von seinen Soldaten zur Bedeckung befanden.
   Am 22. kamen wir am Nachmittag abermals an ein Gut des Marquis, wo sich jedoch kein herrschaftliches Haus befand; eine geringe Anzahl von seinen Soldaten lag hier als Besatzung. Der Marquis hat nämlich beständig 1.500 Mann Kavallerie auf den Beinen, um seine Güter und seine Untertanen gegen die Einfälle der Wilden zu beschützen; sie sind ganz so gut bekleidet und bewaffnet wie die Truppen des Königs, allein ungeachtet dessen sehen die letzteren mit einer Art von Stolz auf sie herab.

Pike, Zebylon Montgomery
Reise durch die westlichen Gebiete von Nord-Amerika, enthaltend die Tagebücher der Reisen von St. Louis, den Mississippi hinauf bis an die Quellen dieses Flusses; durch das Innere von Louisiana, und durch die nordöstlichen Provinzen von Neu-Spanien, gemacht in den Jahren 1805, 1806 und 1807 auf Befehl der Regierung der Vereinigten Staaten
Weimar 1813

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Mexiko
Wien 2003

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