Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1912 - John Foster Fraser
Die Arbeiter am Panamakanal

Während man die Route absteckte - die Amerikaner hatten sich damals noch nicht entschlossen, ob sie einen Schleusenkanal oder einen Wasserweg in Meereshöhe bauen sollten - führten Dampfer aus den Vereinigten Staaten und Westindien weiße und farbige Arbeiter herbei. Wieder andere Schiffe brachten Tausende von Blockhäusern und mannigfache Gerätschaften, Eisenbahnschienen, zahllose Werkzeuge und allerlei Bauutensilien herbei. Die größten Fabriken der Welt lieferten das technische Betriebsmaterial, Fracht- und Eisenbahnwagen und die zum Durchstich des Hügellandes erforderliche Mammutmaschinerie. Alles wurde in einzelnen Teilen befördert und an Ort und Stelle zusammengesetzt. So gibt es zum Beispiel in der Kanalzone 100 Löffelbagger; darunter 14, die 105 Tonnen; 32, die 95 Tonnen; 35, die 70 Tonnen fassen usw. Außerdem 158 amerikanische Lokomotiven, alle über 100 Tonnen schwer, 560 Bohrmaschinen, über 4000 Wagen, 10 Gleishebemaschinen, 30 Auslader, 26 Fördermaschinen, 20 Bagger, 57 Krane, 12 Schlepper, 70 Barken und 14 Barkassen. Alles nur irgendwie in Betracht Kommende war vorgesehen.
   Unter den großen Arbeiterscharen unterscheidet man zwei Kategorien: "Goldangestellte" und "Silberangestellte". Diese zwei Worte sind an den Türen aller Bureaus am Isthmus zu lesen und spielen für die Warenmagazine eine ganz besondere Rolle. In jener Gegend ist eine Gold- und Silberwährung in Kurs; Gold bedeutet: Vereinigte Staaten, Silber: Panama. Fremde können sich beim Bezahlen leicht irren, denn zwischen 50 Cents Gold (2 Mark 10 Pf) und 50 Cents Silber (1 Mark 5 Pf) ist ein großer Unterschied. Beamte, Geistliche und Lehrer, Techniker, Werkführer und geschulte professionelle Arbeitskräfte, meistens Amerikaner, sind "Goldangestellte", Spanier, Italiener und Westindier hingegen "Silberangestellte". Der panamanische Silberdollar hat dieselbe Größe wie der Silberdollar der Vereinigten Staaten, ist aber nur halb so viel wert. Die Spanier und ihre Kameraden kennen fast nur den Panamadollar. Würde man sie in der Währung der Vereinigten Staaten entlohnen, so müßte man ihnen die Hälfte zahlen, obwohl in den dortigen Läden beide Geldstücke als gleichwertig angesehen werden. Die Spanier ziehen daher 50 Cents Silber 25 Cents Gold vor. "Uncle Sam", der schlaue Geschäftsmann, tut ihnen gern den Gefallen. Er prägt dicke, gewichtige Panamadollars, welche den farbigen Gentleman glauben machen, daß er eine Menge Geld verdient.
   Die amerikanischen Angestellten erhalten hier höhere Arbeitslöhne als in den Vereinigten Staaten; auch haben sie freie Wohnung für sich und ihre Familien, eine große Ersparnis gegenüber den Lebensverhältnissen in der Heimat. Nahrungsmittel bekommen sie fast zu Einkaufspreisen, und ärztliche Behandlung haben sie frei. Die bestbezahlten "Silberangestellten" sind die Spanier, von denen die meisten ca. 90 Pfennig die Stunde verdienen. Der Minimallohn der westindischen Neger beträgt ca. 40 Pfennig die Stunde. Obwohl auch für sie Barackenräume bereitstehen, ziehen die Neger das Leben im "Busch" vor.
   Inmitten wilder tropischer Vegetation stehen Gruppen von Hütten, die aus alten Brettern und Stahlblech hergestellt sind. Sie sind kunstlos und ungesund, doch der Neger schätzt ein Heim nach seiner Art.
   Zweimal im Monat fährt ein mit Gold und Silber beladener Zug, von Bewaffneten eskortiert, quer durch den Isthmus und schafft die Löhne heran.
   Die Proviantkommissionsabteilung liegt in den Händen der Regierung. In Panama selbst wächst außer Gemüse und Obst nur sehr wenig; alle Nahrungsmittel müssen über 3.000 Kilometer weit hertransportiert werden, und täglich kommt ein Dampfer an, um die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versehen. Die Ausgaben der Kommission betragen 50 Millionen Mark jährlich. Sie hat mehr als 20 Generalagenturen in den einzelnen Dörfern und Siedlungen innerhalb der Kanalzone und besitzt 18 Hotels für weiße "Goldangestellte". In Cristobel bei Colon verfügt die Kommission über enorme Anlagen: Speicher, Kühlhallen, Bäckereien, Kaffeeröstereien und Wäschereien. Jeden Morgen um 4 Uhr verläßt ein Proviantzug mit 21 Wagen Cristobel; 10 davon sind Eiswaggons für Fleisch und leichtverderbliche Waren. Die Fracht wird in Gatun, Gorgana, Empire, Culebra, Pedro Miguel, Balboa, Panama und all den kleinen Siedlungen längs der Strecke verteilt. Die Kommission beabsichtigt keineswegs Nutzen aus dem Verkauf zu ziehen. Die Leute nähren sich gut, und die Regierung tut alles, was in dieser Beziehung an Fürsorge nötig ist. Die durchschnittliche Tagesration eines amerikanischen Kanalarbeiters beträgt 680 Gramm Fleisch, 450 Gramm Gemüse und 375 Gramm Brot. Ich bezweifle, daß man irgendwo in der Welt Arbeiter findet, die täglich so viel Fleisch essen, wie die in den Tropen beschäftigten Amerikaner. In den Hotels erhält man für 1 Mark 65 Pfennig täglich drei Mahlzeiten, auch gibt es Küchen, in denen farbige Arbeiter drei Mahlzeiten schon für 1 Mark 15 Pfennig bekommen. Tausende von Negern jedoch, besonders die unverheirateten, suchen diese Küchen nicht auf, sondern kaufen ihren Bedarf in den Geschäften und essen im "Busch". Es ist charakteristisch daß am Isthmus mehr Geld für Eis ausgegeben wird als für Brot.

Fraser, John Foster
Der Panamakanal - Seine Entstehung und Bedeutung
Berlin - Leipzig - Wien - Stuttgart 1912

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