Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1800 - Alexander von Humboldt
Über die Moskitos und ähnliche Quälgeister

Wer die großen Ströme des tropischen Amerika wie den Orinoco oder den Magdalenenfluss nicht befahren hat, kann nicht begreifen, wie man ohne Unterlass, jeden Augenblick im Leben, von den Insekten, die in der Luft schweben, gepeinigt werden, wie die Unzahl dieser kleinen Tiere weite Landstrecken fast unbewohnbar machen kann. So sehr man auch gewöhnt sein mag, den Schmerz ohne Klage zu ertragen, so lebhaft einen auch der Gegenstand, den man beobachtet, beschäftigen mag, unvermeidlich wird man immer wieder davon abgezogen, wenn Moskitos, Zancudos, Jejen und Tempraneros einem Hände und Gesicht bedecken, einen mit ihrem Saugrüssel, der in einen Stachel ausläuft, durch die Kleider durchstechen und in Mund und Nase kriechen, so dass man husten und niesen muss, sobald man in freier Luft spricht. In den Missionen am oberen Orinoco, in diesen von unermesslichen Wäldern umgebenen Dörfern am Stromufer, ist aber auch die plaga de los moscos ein unerschöpflicher Stoff der Unterhaltung. Begegnen sich morgens zwei Leute, so sind ihre ersten Fragen: “Que le han parecido los zancudos de noche? Wie haben Sie die Zancudos heute Nacht gefunden?“ – „Como stamos hoy de mosquitos? Wie steht es heute mit den Moskitos?“ Die Fragen erinnern an eine chinesische Höflichkeitsformel, die auf den ehemaligen wilden Zustand des Landes, in dem sie entstanden sein mag, zurückweist. Man begrüßte sich früher im himmlischen Reich mit den Worten: „Vou-to-hu? Seid ihre diese Nacht von Schlangen beunruhigt worden?“ Wir werden bald sehen, dass am Tuamini, auf dem Magdalenenstrom, besonders aber in Choco, im Gold- und Platinaland, neben dem Moskitokompliment auch das chinesische Schlangenkompliment am Platz wäre.
    Es ist hier der Ort, von der geografischen Verteilung dieser Insekten aus der Familie der Tipulae zu sprechen, die ganz merkwürdige Erscheinungen darbietet. Dieselbe scheint keineswegs bloß von der Hitze, der großen Feuchtigkeit und den dichten Wäldern abzuhängen, sondern auch von schwer zu ermittelnden örtlichen Verhältnissen. Vorab ist zu bemerken, dass die Plage der Moskitos und Zancudos in der heißen Zone nicht so allgemein ist, als man gemeiniglich glaubt. Auf Hochebenen von mehr als 400 Toisen [1 Toise entspricht etwa 1,95 m] über dem Meeresspiegel, in sehr trockenen Niederungen weit von den großen Strömen, z. B. in Cumana und Calabozo, gibt es nicht auffallend mehr Schnaken als in den am stärksten bevölkerten Teilen Europas. In Nueva Barcelona dagegen und weiter westwärts an der Küste, die gegen Cap Codera läuft, nehmen sie ungeheuer zu. Zwischen dem kleinen Hafen von Higuerote und der Mündung des Rio Unare haben die unglücklichen Einwohner den Brauch, sich bei Nacht und auf die Erde zu legen und sich drei, vier Zoll in den Sand zu begraben, sodass nur der Kopf frei bleibt, den sie mit einem Tuch bedecken. Man leidet vom Insektenstich, doch so, dass er leicht zu ertragen ist, wenn man den Orinoco von Cabruta gegen Angostura hinunter und von Cabruta gegen Uruana hinauf fährt, zwischen dem siebten und achten Grad der Breite. Aber über dem Einfluss des Rio Arauca, wenn man durch den Engpass beim Baraguan kommt, wird es auf einmal anders, und von nun an findet der Reisende keine Ruhe mehr. Hat er poetische Stellen aus Dante im Kopf, so mag ihm zu Mute sei, als hätte er die Città dolente betreten, als ständen an den Felswänden beim Barguan die merkwürdigen Verse aus dem dritten Buch der Hölle geschrieben:
    Noi sem venuti al luogo, ov’i’t‘ho detto
    Che tu vedrai le genti dolorose. (Inferno, C.III. 16).

    Die tiefen Luftschichten vom Boden bis zu 15-20 Fuß Höhe sind mit giftigen Insekten wie mit einem dichten Dunst angefüllt. Stellt man sich an einen dunklen Ort, z. B. in die Höhlen, die in den Katarakten durch die aufgetürmten Granitblöcke gebildet werden, und blickt man gegen die von der Sonne beleuchtete Öffnung, so sieht man Wolken von Moskitos, die mehr oder weniger dicht werden, je nachdem die Tierchen bei ihren langsamen und taktmäßigen Bewegungen sich zusammen- oder auseinanderziehen. In der Mission San Borja hat man schon mehr unter den Moskitos zu leiden als in Carichana; aber in den Raudales [Stromschnellen], in Atures, besonders aber in Maypures erreicht die Plage sozusagen ihr Maximum. Ich zweifle, dass es ein Land auf Erden gibt, wo der Mensch grausamere Qualen zu erdulden hat als hier in der Regenzeit. Kommt man über den fünften Breitengrad hinauf, wird man etwas weniger zerstochen, aber am oberen Orinoco sind die Stiche schmerzlicher, weil bei der Hitze und der völligen Windstille die Luft glühender ist und die Haut, wo sie dieselbe berührt, mehr reizt.
    „Wie gut muss im Mond wohnen sein!“, sagte ein Saliva-Indianer zu Pater Gumilla. „er ist so schön und hell, dass es dort gewiss keine Moskitos gibt!“ Diese Worte, die dem Kindesalter eines Volkes angehören, sind sehr merkwürdig. Überall ist der Trabant der Erde für den wilden Amerikaner der Wohnplatz der Seligen, das Land des Überflusses. Der Eskimo, für den eine Planke, ein Baumstamm, den die Strömung an eine pflanzenlose Küste geworfen, ein Schatz ist, sieht im Monde waldbedeckte Ebenen; der Indianer in den Wäldern am Orinoco sieht darin kahle Savannen, deren Bewohner nie von Moskitos gestochen werden.
    Weiterhin gegen Süd, wo das System der braungelben Gewässer beginnt, gemeinhin schwarze Wasser, aguas negra genannt, an den Ufern des Atabapo, Temi, Tuamini und des Rio Negro genossen wir einer Ruhe, ich hätte bald gesagt eines Glücks, wie wir es gar nicht erwartet hatten. Diese Flüsse laufen wie der Orinoco durch dichte Wälder; aber die Schnaken wie die Krokodile halten sich von den „schwarzen Wassern“ fern. Kommen vielleicht die Larven und Nymphen der Tipulae und Schnaken, die man als eigentliche Wassertiere betrachten kann, in diesen Gewässern, die ein wenig kühler sind als die weißen und sich chemisch anders verhalten, nicht so gut fort? Einige kleine Flüsse, deren Wasser entweder dunkelblau der gelb ist, der Toparo, Mataveni und Zama machen eine Ausnahme von der sonst ziemlich allgemeinen Regel, dass es über „schwarzem Wasser“ keine Moskitos gibt. An jenen drei Flüssen wimmelt es davon, und selbst die Indianer machten uns auf die rätselhafte Erscheinung aufmerksam und ließen uns über deren Ursachen nachdenken. Beim Herabfahren auf dem Rio Negro atmeten wir frei in den Dörfern Maroa, Davipe und San Carlos an der brasilianischen Grenze; allein diese Erleichterung unserer Lage war von kurzer Dauer und unsere Leiden begannen von Neuem, sobald wir an den Cassiquiare kamen. In Esmeralda, am östlichen Ende des oberen Orinoco, wo die den Spaniern bekannte Welt ein Ende hat, sind die Moskitowolken fast so dick wie bei den großen Katarakten. In Mandavaca fanden wir einen alten Missionar, der mit jammervoller Miene gegen uns äußerte, er habe seine zwanzig Moskitojahre auf dem Rücken (ya tengo vento anos de mosquitos). Er forderte uns auf, seine Beine genau zu betrachten, damit wir eines Tages „por alla“ (über dem Meer) davon zu sagen wüssten, was die armen Missionare in den Wäldern am Cassiquiare auszustehen haben. Da jeder Stich einen kleinen schwarzbraunen Punkt zurücklässt, waren seine Beine dergestalt gefleckt, dass man vor Flecken geronnenen Blutes kaum die weiße Haut sah. Auf dem Cassiquiare, der weißes Wasser hat, wimmelt es von Mücken aus der Gattung Simulium, aber die Zancudos, der Gattung Culex angehörig, sind desto seltener; man sieht fast keine, während auf den Flüssen mit schwarzem Wasser meist einige Zancudos, aber keine Moskitos vorkommen. Wir haben schon oben bemerkt, dass, wenn bei den kleinen Revolutionen im Schoße des Ordens der Observanten der Pater Gardian sich an einem Laienbruder rächen will, er ihn nach Esmeralda schickt; er wird damit verbannt, oder wie der muntere Ausdruck der Ordensleute lautet, zu den Moskitos verurteilt.

Alexander von Humboldt's Reise in die Aequinoctial-Gegenden des neuen Continents
In deutscher Bearbeitung von Hermann Hauff
(Einzige von A.v.H. anerkannte Ausgabe in deutscher Sprache)
Band 4
Stuttgart 1861

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