Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1839 - John Lloyd Stephens
Der erste Tag in Copán

Wegen mancherlei ärgerlicher Verzögerungen, die eine Folge gewisser, zwischen José [dem Führer] und dem Maultiertreiber entstandener Streitereien waren, kamen wir nicht eher als 9 Uhr fort. Es währte nicht lange, so bogen wir von der Straße in ein großes Feld ein, das teilweise mit Mais bebaut war und dem Don Gregorio gehörte. Nachdem wir eine Strecke hindurch geritten waren, erreichten wir eine Hütte am Waldessaum, wo einige Arbeiter sich ihr Frühstück bereiteten. Hier stiegen wir ab, banden unsere Maultiere an nahe Bäume und betraten den Wald, durch den José mit seiner Machete einen Weg vor uns frei machte. Bald kamen wir an das Ufer eines Flusses und erblickten uns gerade gegenüber eine steinerne Mauer von vielleicht hundert Fuß Höhe, obendrauf mit Stechginster bewachsen, in südnördlicher Richtung längs des Flusses verlaufend, an manchen Stellen verfallen, an anderen aber noch vollständig erhalten. Sie hatte mehr vom Charakter eines eigentlichen Mauerwerks an sich als irgendein anderes der den Urbewohnern zugeschriebenen Werke, die wir eis jetzt gesehen hatten, und bildete einen Teil der Mauer von Copán, einer alten Stadt, auf dessen Geschichte die Bücher nur wenig Licht werfen.
   An dieser Stelle war der Fluss nicht zu durchwaten. Deshalb gingen wir zu unseren Maultieren zurück, saßen auf und ritten an eine andere Stelle des Ufers ein wenig weiter aufwärts. Der Strom war breit und stellenweise tief, reißend und mit unebenem und steinigem Boden. Nachdem wir ihn hinüber waren, ritten wir längs des Ufers auf einem dick mit niedrigem Gesträuch überwachsenen Fußpfad, den José uns mit der Machete freimachte, bis wir an den Fuß der Mauer kamen, wo wir wieder abstiegen und unsere Maultiere anbanden.
   Die Mauer war aus gehauenen Steinen aufgeführt, gut gelegt und wohl erhalten. Wir erstiegen sie auf großen steinernen Stufen, die teilweise unbeschädigt, teilweise von Bäumen, die aus den Spalten herauf gewachsen waren, hinab geworfen worden waren, und kamen auf eine Terrasse, deren Gestalt zu bestimmen uns bei der Dichte des Waldes, der sie ganz bedeckte, unmöglich war. Unser Führer hieb uns einen Weg frei, und wir kamen bei einem halb in den Boden versunkenen großen Stein mit sorgfältig gearbeiteten Skulpturen vorbei und erreichten die Ecke eines Bauwerks mit Stufen zu beiden Seiten, die in Form und Aussehen, soweit uns die Bäume darüber zu urteilen gestatteten, den Seiten einer Pyramide glichen. Indem wir vom Fuß weg uns einen Weg durch das Dickicht hieben, trafen wir auf eine viereckige steinerne Säule von etwa 14 Fuß Höhe und 3 Fuß Breite, die auf allen vier Seiten von unten bis oben mit Skulpturen von stark erhabener Arbeit bedeckt war. Vorn war die Figur eines Mannes zu sehen, der sehr seltsam und reich gekleidet war und dessen Gesicht, offenbar ein Porträt, feierlich, streng und Schrecken einzuflößen geeignet war. Ganz anders waren die Skulpturen der Rückseite. Sie unterschieden sich von allem, was wir bisher gesehen. Die Seiten waren mit Hieroglyphen bedeckt. Der Führer nannte dies ein »Götzenbild«. In einer Entfernung von drei Fuß lag ein Steinblock, gleichfalls mit Figuren und sinnbildlichen Zeichen bedeckt, den der Führer einen »Altar« nannte. Der Anblick dieses unverhofft gefundenen Monuments brachte in uns sofort und für immer alle Zweifel und Ungewissheit über den Charakter der amerikanischen Altertümer zum Schweigen und verschaffte uns die Überzeugung, dass die Gegenstände, nach denen wir suchten, nicht nur als die Überreste eines unbekannten Volkes, sondern auch als Werke der Kunst interessant wären, die gleichneu entdeckten historischen Urkunden bewiesen, dass das Volk, das einst den Kontinent Amerika bewohnte, nicht zu den Wilden gehörte.
   Mit einer Teilnahme, die vielleicht stärker war, als wir sie je auf unseren Wanderungen durch die Ruinen Ägyptens empfunden hatten, folgten wir unserem Führer, der, wenn er bisweilen seinen Weg verfehlte, mit beständigen und kräftigen Streichen seiner Machete durch den dichten Wald eine Bahn hieb und uns bald unter halbversunkenen Fragmenten zu vierzehn Denkmälern führte, die denselben Charakter und dasselbe Aussehen hatten, von denen aber manche von geschmackvollerer Zeichnung waren, manche in künstlerischer Arbeit den schönsten Monumenten der Ägypter gleichkamen. Eines war durch riesengroße Wurzeln von seinem Piedestal verrückt, ein anderes von den Ästen der Bäume fest umschlungen und fast aus der Erde gehoben, ein anderes auf den Boden geworfen und von ungeheuren Reben und Schlingpflanzen niedergehalten, eines endlich stand, mit seinem Altar vor sich, in einem Hain von Bäumen, die es rings umwuchsen, so als wollten sie es beschatten und wie ein Heiligtum beschützen, und in des Waldes feierlicher Stille erschien es wie eine Gottheit , die über ein hingesunkenes Volk trauert. Die einzigen Laute, die das tiefe Schweigen dieser vergrabenen Stadt störten, waren das Lärmen der Affen, die sich zwischen den Wipfeln der Bäume bewegten, und das Knicken der durch ihr Gewicht gebrochenen dürren Äste. Sie bewegten sich über unseren Köpfen in langen und raschen Zügen, vierzig bis fünfzig auf einmal und manche mit Jungen in ihren langen Armen. Sie schritten bis an die Astspitzen, hielten sich hier mit ihren Hinterfüßen oder dem herumgewickelten Schwanz fest, schnellten auf einen Ast des nächsten Baumes und zogen weiter fort in die Tiefe des Waldes. Wir sahen diese nachgeäfften Menschen hier zum ersten Mal, und umgeben von den wunderbaren Denkmälern kamen sie uns vor wie wandernde Geister des verschwundenen Volksstammes, die die Trümmer ihrer einstigen Wohnung behüteten.
   Wir kehrten zum Fuße des pyramidenförmigen Baues zurück und stiegen auf regelmäßigen steinernen Stufen hinauf, von denen manche durch Sträucher und Schösslinge gewaltsam auseinandergetrieben, andere durch herauf gewachsene große Bäume hinab geworfen wurden, einige endlich noch unversehrt waren. Teilweise waren sie mit eingegrabenen Figuren und Reihen von Totenköpfen geschmückt. Wir kletterten über die zertrümmerte Spitze hinweg, erreichten eine mit Bäumen überwachsene Terrasse, überschritten diese und stiegen dann auf steinernen Stufen zu einem ebenen Platz hinab, , der dergestalt mit Bäumen bedeckt war, dass wir anfangs nicht imstande waren, seine Gestalt zu bestimmen. Erst als wir uns mit der Machete einen Weg gebahnt hatten, konnten wir uns vergewissern, dass der Platz viereckig war und auf allen Seiten Stufen hatte, die fast so wohlerhalten waren wie ein römisches Amphitheater. Die Stufen waren mit Skulpturenarbeit verziert, und auf der südlichen Seite, etwa auf halber Höhe, stand, von Wurzeln gewaltsam von seiner Stelle verrückt, ein kolossaler Kopf, offenbar ein Porträt. Als wir diese Stufen hinaufstiegen, kamen wir auf eine breite, 100 Fuß hohe Terrasse, die den Fluss überschaute und von der Mauer, die wir vom gegenüber liegenden Ufer aus gesehen, getragen wurde. Die ganze Terrasse war mit Bäumen bewachsen, und vom Fuße bis zu dieser Höhe ragten zwei gigantische Ceibas oder indische Baumwollbäume von mehr als zwanzig Fuß im Umfang herauf, die ihre halbnackten Wurzeln 50 bis 100 Fuß ringsum ausstreckten, die Trümmer an den Boden festbanden und sie mit ihrem breiten Dach überschatteten. Wir ließen uns hart am Rande des Gemäuers nieder und bemühten uns vergeblich, in das Geheimnis, das uns hier umgab, einzudringen ...
   Die Trümmerstadt lag vor uns gleich einer inmitten des Meeres zerschellten Barke. Ihre Masten sind verloren, ihr Name verschwunden, ihre Bemannung untergegangen, und keiner weiß zu sagen, woher sie kam, wem sie gehörte, wie lange sie auf ihrer Reise war, was der Anlass ihres Untergangs war. Wer ihre verschwundene Mannschaft war, lässt sich nur durch eine vermeintliche Ähnlichkeit im Bau des Fahrzeugs erraten und vielleicht nie mit Gewissheit erkunden. War der Ort, wo wir saßen, eine Zitadelle von dessen Höhe ein unbekanntes Volk die Kriegstrompete erschallen ließ? Oder ein Tempel zur Anbetung des Gottes des Friedens? Oder beteten die Bewohner zu den von ihren eigenen Händen gemachten Götzenbildern und brachten sie ihnen auf den vor ihnen stehenden Steinen Opfer dar? Alles war in geheimnisvolle Nacht gehüllt, in dunkle, undurchdringliche Nacht, und alles trug dazu bei, sie zu vermehren. In Ägypten stehen die gigantischen Tempelskelette in dem wasserlosen Sandmeer, in der ganzen nackten Wüstenöde. Hier dagegen hüllte die Ruinen eine ungeheure Waldung ein und verbarg sie vor der Menschen Blicke, wodurch der Eindruck und die moralische Wirkung erhöht und ihnen ein mächtiges und fast wildromantisches Interesse gegeben wird.
   Spät am Nachmittag arbeiteten wir uns zu unseren Mauleseln zurück, badeten am Fuße der Mauer im klaren Fluss und kehrten zur Hacienda zurück.

Stephens, John Lloyd
Reiseerlebnisse in Centralamerika, Chiapas und Yucatan
Leipzig 1854

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!