Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Um 1928 - Maria Leitner
Im Straflager
Saint-Laurent-de-Maroni, Französisch-Guyana

Das Camp de Transportation befindet sich in einem langen rosa bemalten Gebäude. In endlosen geordneten Reihen strömen jetzt die Gefangenen heraus, es ist nach Mittag, und sie gehen wieder an die Arbeit. Die Reihen sind umklammert von bewaffneten Aufsehern. Jeder Gefangene zieht die Jacke hoch und zeigt den Aufsehern die meist tätowierte Brust. Das ist die Kontrolle, ob die Gefangenen nicht etwa Waffen bei sich tragen. Einen Sinn hat natürlich diese Kontrolle nicht, denn die Gefangenen, die die Art der Kontrolle kennen, werden die Waffen nicht gerade an der Brust verstecken. Auf einen Sinn kommt es aber gar nicht an, nur auf die Verordnung.
   Aber diese Kontrolle hat eine Industrie in Saint-Laurent in Aufschwung gebracht, nämlich die der Tätowierung. Die Gefangenen lassen sich besondere Schimpfworte und Bilder auf die Brust einätzen, um die Wärter zu ärgern. Ein Gefangener hat sich eine rote Fahne tätowieren lassen, darunter die Aufschrift „Quant-même“ („Trotz alledem“). Wegen seiner außerordentlichen Blässe wirkt seine Tätowierung auffallender.
   „Sind Sie schon lange Gefangener?"
   „Ich war immer schon ein Gefangener, schon in meiner Kindheit. Wenn ich müde aus der Schule nach Hause kam, mußte ich noch arbeiten gehen. Dann kam der Krieg, ich war ein Gefangener. In der Kaserne, im Schützengraben. Ich dachte, schlimmer kann es nicht mehr kommen. Als der Krieg zu Ende war, war er noch lange nicht für uns beendet, wir waren ja jung, man brauchte unsere Kraft, ich kam nach Marokko. Ich war ein Gefangener. In der Wüste mußten wir marschieren, tagelang, nächtelang. Wir hatten kaum zu essen, kaum zu trinken, aber wir mußten weiter, wir mußten die Araber bekämpfen, warum, das wußten wir nicht, wir waren Gefangene. Ich dachte, schlimmer kann es nicht mehr werden. Ich warf meine Waffen hin, ich wollte nicht weiter. Jetzt bin ich hier, ein Gefangener. Schlimmer kann es jetzt nicht mehr werden."
   Das Lager besteht aus einem Komplex von Gebäuden. Es gibt Gefängnisse für fest stationierte und Gefängnisse für durchreisende Sträflinge, denn hier werden die Gefangenen sortiert. Die Diebe kommen nach Saint-Jean, die Mörder nach der Insel Royale, die Raubmörder haben ein Lager auf Saint-Joseph, Militärpersonen, die Verbrechen begingen, haben ihr Hauptquartier in Saint-Laurent, die Spione aber sind noch heute auf der Teufelsinsel.
   Die „militärischen Vergehen“, das sind keineswegs immer Mord, Totschlag oder Diebstahl, im Gegenteil, sehr oft wirklich nur Vergehen, die beim Militär als solche angesehen werden, also einfache Disziplinlosigkeit, Desertation oder „Verrat“. „Es gibt also doch politische Gefangene in Französisch-Guayana", sage ich dem Beamten, der mir die Feinheiten der Gefangenenverteilung erklärt. „Politische gibt es nicht", sagt der Beamte entschieden und aufgebracht, „Militärisches hat nichts mit Politik zu tun. Der französische Feldzug in Marokko, in welchem Zusammenhang soll der mit Politik stehen? Seine Drückeberger sind hier besonders stark vertreten, Drückeberger müssen eben bestraft werden, nur ist das nichts Politisches, das ist doch klar.“
   Die Sonne wirft sich mit solcher Kraft auf das Lager, daß jeder Schritt eine Qual wird. „Ach ja, die Hitze“, sagt der Beamte, „Jahr für Jahr ist hier immer die gleiche, und doch kann man sich nie an sie gewöhnen, im Gegenteil, je länger man hier ist, um so schrecklicher empfindet man sie.“ Der Beamte zählt die Lebensmittelrationen der Sträflinge auf. Sie hören sich gar nicht so niedrig an, achtzig Gramm Fleisch täglich, mehr hat sicher auch ein deutscher Arbeiter nicht. Die Gefangenen bestätigen auch die Angaben, sie fügen aber auch hinzu: Das, was wir bekommen, ist ungenießbar. Das Fleisch ist kein Fleisch, sondern verfaulte Knochen oder Sehnen, das Brot ist eine klebrige Masse, der Reis, wenn wir überhaupt welchen bekommen, madig. Die Lebensmittel und die Küchen werden den Fremden nicht gezeigt, aber das Aussehen der Gefangenen spricht für die Wahrheit der Klagen.
   Die Schlafsäle, das geben sogar die eifrigsten Anhänger des guayanesischen Systems zu, lassen viel zu wünschen übrig. Ein schmutziger, luftloser Raum mit Pritschen, hier schlafen sechzig, siebzig Menschen. Der Raum wird nachts vollkommen verschlossen, aus Sicherheitsgründen. Die sechzig, siebzig Männer, die hier wie Tiere zusammengepfercht werden, sind alle krank, viele fiebern. Die Moskitos finden auch in die verschlossensten Räume den Weg. Moskitonetze, ob es die gibt? Die Frage klingt wie ein Witz. Im Hospital von Cayenne müssen sogar die Schwerkranken (Zivile, nicht die Sträflinge) eine besondere Eingabe machen, wenn sie ein Moskitonetz haben wollen.
   Es gibt keine Krankheit, an der die Gefangenen nicht leiden, aber nur die Leprakranken werden abgesondert. Würde man jeden Kranken in ein Hospital tun, müßte es überhaupt nur Hospitäler geben. Man wartet also ab, bis ein Kranker schon dicht vor dem Tode steht und bringt ihn dann ins Hospital. Manchmal freilich stirbt er auch früher. Die Gefangenen freuen sich auch nicht, wenn ein Arzt sie ins Krankenhaus schickt. Sie wissen, das bedeutet baldigen Tod. Medikamente sind Kostbarkeiten, die nur in den seltensten Fällen verabreicht werden. Auch die schwersten Malariakranken bekommen kein Chinin.
   Gerade trinken im Gefängnishof die Gefangenen Wasser (auch Wasser ist eine Kostbarkeit), sie trinken, ein Dutzend Menschen aus einem Gefäß. Unhygienisch? Wenn es Schlimmeres nicht gäbe als das. Die sind ja schon alle krank, so können sie sich nicht mehr gegenseitig anstecken.
   Hygiene? Die findet man in den amerikanischen Tropen auch in besseren Hotels nicht immer, also wäre es ein bißchen zu viel verlangt, sie gerade in den Gefängnissen Guayanas zu erwarten. Es ist merkwürdig, gerade in den Tropen, wo nur größte Reinlichkeit Gesundheit ermöglicht, lebt man, was sanitäre Anlagen betrifft, im Mittelalter.
   Ich will in den nächsten Gefängnishof einbiegen, aber ich werde aufgehalten von bewaffneten Aufsehern. Durchgang streng verboten, kein Fremder darf hier herein. Was gibt es hier zu sehen? Ja, das ist eine Guillotine - eine Guillotine, nur so zum Angstmachen? O nein, es ist eine ganz ernsthafte Guillotine, die morgen in Aktion treten wird. Ein Gefangener wird geköpft, er hat seinen Freund erschlagen im Streit. Vor zwei Wochen wurde ein Chinese geköpft. Seine Strafgenossen hänselten ihn immer, nannten ihn den gelben Teufel. Er begann eine Keilerei, die mit dem Tode eines Gefangenen endigte.
   „Kommt ähnliches oft vor?“
„Ja, ziemlich oft. Die Gefangenen haben Wutanfälle wegen jeder Kleinigkeit, und jede Kleinigkeit, die sich hier abspielt, ist für sie von außerordentlicher Wichtigkeit. Man muß sich vorstellen, von ihrem früheren Leben sind sie vollkommen abgeschnitten, sie dürfen nur gelegentlich Briefe empfangen, sie dürfen nicht lesen, nicht schreiben. Die kleinen Ereignisse, die sich in ihrem eintönigen Leben abspielen, gewinnen ungeheure Bedeutung. Eine Mangofrucht, ein Schmetterling werden genau so verteidigt wie ein großer Schatz. Unter den Gefangenen gibt es Freundschaften, Eifersuchtstragödien, krankhafte Erscheinungen ihrer Abgesondertheit.
   Manchmal tritt unter ihnen so eine Art kollektiven Tropenkollers auf, das ist wohl das Schrecklichste. Einer beginnt nachts zu brüllen, er hat Heimweh, oder seine Lage kommt ihm plötzlich zu Bewußtsein, und dann heulen alle mit. Kein Mensch kann sich so etwas Schreckliches vorstellen.“

Leitner, Maria
Reportagen aus Amerika
Wien 1999
Mit freundlicher Genehmigung des Promedia-Verlages

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