Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1590 - Antonio Pigafetta
Magellan findet die Magellanstraße

Als wir zum 52. Grad Breite kamen, welches eben am Tag der 11.000 Jungfrauen geschah [21. Oktober], entdeckten wir eine Meerenge, die 90 Seemeilen oder 330 italienische Meilen lang war, und weil wir dies für sehr wunderbar hielten, nannten wir es das Kap der 11.000 Jungfrauen. Diese Meerenge, welche an einigen Stellen mehr, an anderen weniger als eine halbe Seemeile breit ist, ist rings mit hohen schneebedeckten Bergen umgeben und erstreckt sich bis an ein anderes Meer, welches wir den Stillen Ozean nannten.
   Diese Durchfahrt ist an einigen Stellen sehr tief, nämlich zwischen 25 und 30 Klaftern, und wurde eigentlich bloß von Magelhan entdeckt, denn alle Kapitäne waren der Meinung, es wäre nur ein Fluß oder eine landeinwärts gehende Bai. Aber Fernando wußte, daß es eine Durchfahrt war, denn er hatte diese auf einer Karte in der Schatzkammer des Königs von Portugal gefunden, und diese Karte war von einem geschickten Mann namens Martin Beheim verfertigt worden. So entdeckten wir nach vielen Schwierigkeiten die Meerenge.
   Da wir in die Meerenge einliefen, entdeckten wir zwei Öffnungen, eine gegen Südost und die andere gegen Südwest. Hierauf befahl der Kapitän, daß die Schiffe Sta. Antonia und La Conceptione, die Öffnung gen Südosten untersuchen sollten, bis sie einen Ausgang in das Stille Meer habe. Aber die Leute auf dem Schiff Sta. Antonia wollten das andere nicht erwarten, weil sie gesonnen waren, nach Spanien zurückzukehren. Dies führten sie auch die folgende Nacht aus und nahmen einen Neffen des Anführers namens Alvaro Mesquito, den sie in Fesseln legten, gewalttätig nach Spanien. In diesem Schiff war einer von den gefangenen Riesen, der, sobald er in ein heißes Klima kam, plötzlich starb. Die anderen Schiffe, welche die andere Öffnung gegen Südwesten untersuchen sollten, segelten immer in der Meerenge fort, bis sie an einen schönen Fluß kamen, den sie Sardellenstrom nannten, weil sie hier eine große Menge dieser Fische fanden. Hier blieben sie ungefähr vier Tage und erwarteten die anderen beiden Schiffe, und mittlerweile sandten sie ein Fahrzeug aus, um das äußerste Vorgebirge dieser Straße zu untersuchen; dieses kam nach einigen Tagen mit der Nachricht zurück, daß sie den Anfang des anderen Meeres gesehen hätten. Sobald der Anführer dies hörte, war seine Freude so groß, daß ihm die Tränen in die Augen kamen, und er beschloß, es Cabo Desiderata zu nennen, weil es so lange darauf gehofft hatte. Hierauf segelten sie wieder zurück, um die anderen Schiffe aufzusuchen, fanden aber nur die Conception; als sie sich nach dem anderen Schiff erkundigten, gab man ihnen zur Antwort, sie wüßten nicht, ob es verloren gegangen sei, da es seit der Zeit, als es in die Meerenge einlief, nicht mehr gesehen worden war. Das Schiff wurde hierauf in der ganzen Meerenge gesucht, aber man fand es nirgends. Endlich steckte man auf der Spitze eines kleinen Berges eine Fahne mit einem Brief auf, daß sie, wenn sie hinkämen, den Brief fänden und daraus den Verlauf der Reise ersehen möchten, und eben dasselbe geschah auch an zwei anderen Orten. Dann errichteten sie ein Kreuz auf einer kleinen  Insel, neben welche ein schöner Fluß floß, der auf einem hohen, mit Schnee bedeckten Berg seinen Ursprung hatte, und nicht weit vom Sardellenfluß ins Meer fiel. Es war eben im Oktober, als sie sich in der Meerenge befanden, und die Nacht war nur vier Stunden lang. Sonst war unseres Führers Absicht, wenn er keinen Durchgang in das andere Meer fände, bis zum 75. Grade zum Südpol zu segeln, weil es eben dort Sommer war und die Nächte ganz helle sind.
   Diese Meerenge nannten sie die Patagonische, und während wir darin segelten, fanden wir alle drei Meilen einen sicheren Hafen, gutes Wasser zum Trinken, Holz, Fisch und das Kraut, Appio genannt, wuchs in großer Menge und sehr hoch neben den Flüssen. Gewiß gibt es in der ganzen Welt keine schönere Meerenge. Hier sahen wir auch eine sehr sonderbare Fischjagd: es gibt nämlich drei Arten Fische, ungefähr eine Elle lang, Goldfische, Albacoren und Bonitos, welche alle die fliegenden Fische, die etwa eine Spanne lang und von vortrefflichem Geschmack sind, verfolgen. Sobald nun ein solcher fliegender Fisch von einem der drei anderen gejagt wird, hebt er sich aus dem Wasser und fliegt über einen Büchsenschuß weit, ohne das Wasser zu berühren, wird aber immerfort von seinem Feinde unter dem Wasser begleitet, der dem Schatten folgt und ihn, sobald er ins Wasser fällt, fängt und verzehrt.
   Der andere Riese, den wir in dem Schiff hatten, sagte uns, daß sie das aus einer Wurzel bereitete Brot Capar nennen, das Wasser nennen sie Oli, rotes Tuch Cerecai, rote Farbe Cheiche, schwarze Farbe Aniel. Alle diese Worte sprach er durch den Hals aus, und wenn sie nebst vielen andern aufgeschrieben wurden, pflegten sie die Unsrigen ihnen herzusagen, und er verstand sie. Einstmals schlug einer ein Kreuz in seiner Gegenwart und küßte das Kruzifix und zeigte es ihm; sogleich schrie dieser »Setebos« und machte  Zeichen, daß, wenn er noch öfter ein Kreuz schlüge, Setebos in ihn hereinfahren und ihn töten würde. Zuletzt aber als er krank wurde, fing er an, das Kreuz zu verlangen, es zu umarmen und es oft zu küssen; er wollte auch ein Christ werden, ehe er starb, und man nannte ihn Paul.
   Den 28. November liefen wir aus der Meerenge in das Stille Meer.

Pigafetta, Antonio
Erste Reise um die Welt durch Ferdinand Magelhan
Übersetzt aus dem Italienischen
In: Beiträge zur Völker- und Länderkunde
Band 4, Leipzig 1784

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