Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1843 - Johannes Krapf
Auf Sansibar

Am zweiten Tag nach meiner Ankunft in Sansibar wurde ich vom englischen Konsul seiner Hoheit dem Sultan Said-Said, den die Europäer gewöhnlich nur den Imam von Mascat nennen, vorgestellt. Der Konsul nahm mich von seinem Hause, das am Meer steht, in ein Boot und segelte eine halbe Stunde weit nördlich vom Konsulathause zu der Stelle hin, wo Said-Said außerhalb der Stadt einen Palast gebaut hat, dessen äußere Form den Beobachter an eine deutsche oder schweizerische Fabrik erinnert. Als der Konsul mit mir am Eingang des Palastes erschien, kam der Sultan, begleitet von einem seiner Söhne und mehreren Großen, heraus, die Besuchenden zu begrüßen mit einer Herablassung und Höflichkeit, welche ich noch an keinem orientalischen Herrscher beobachtet hat. Er führt uns in das Audienzzimmer, das ziemlich groß und mit Marmorplatten belegt ist. Amerikanische Sessel stehen die Wände entlang, und ein stattlicher Armleuchter hing in der Mitte des Zimmers. Der Sultan bat die Besuchenden, sich zu setzen, und ich erzählte ihm dann auf arabisch (der Muttersprache des Sultans) meine Haupterlebnisse in Abessinien, daß ich in jenem Land Knaben unterrichtet, daß ich dort auch die Galla kennengelernt, und nun den Wunsch habe, dieses Volk an dieser Küste aufzusuchen, mich unter ihnen niederzulassen und sie im Christentum und anderen nützlichen Dingen zu unterrichten. Seine Hoheit hörte mit Aufmerksamkeit der Erzählung zu und versprach dann, mir alle Hilfe zu leisten zur Ausführung meiner Wünsche, machte mich jedoch auf die Gefahren aufmerksam, die mir von den Galla zustoßen könnten. Der Sultan, obgleich schon im Alter vorgerückt, hatte noch ein gutes Aussehen, und war äußerst freundlich und gesprächig.
   Einige Zeit nachher besuchte ich mit meiner Frau den Sultan in dem Palast, den er in der Hauptstadt hat erbauen lassen. Wir wurden aufs Höflichste empfangen, und meine Frau wurde eingeladen, des Sultans Familie zu sehen. Er selbst begleitete sie (während ich im Audienzsaal warten mußte) in den oberen Stock in ein Zimmer, das mit europäischen Artikeln reichlich versehen war. Dort erwarteten die Europäerin des Sultans Töchter, welche in arabischer Kleidung prangten. Sie waren sehr ehrerbietig gegen ihren Vater, indem sie sich nur dann setzten, wenn auch er saß. Von der Stirne bis zum Mund herab waren sie verhüllt. Der Vater spielte zärtlich mit zwei kleinen Söhnen, die vertraulich mit ihm umgingen. Zuletzt wurden köstliche Gerichte, wie die besuchende Europäerin sie nicht erwartet hatte, aufgetragen. Das Zimmer hatte schöne und große Spiegel, Sofas und Sessel, und die Tische waren mit europäischen Luxusartikeln bedeckt, aber alles lag in Unordnung durcheinander und war nicht gerade im reinlichsten Zustande erhalten. Zum Abschied gab der Sultan der besuchenden Frau einen schönen persischen Schal, und sandte nachher noch viele Lebensmittel in ihr Logis.
   Ich fand es nun für zweckmäßig, auf einige Zeit in Sansibar zu verweilen. Diese Zeit benutzte ich, an Sonntagen den Engländern und Amerikanern, die des Handels wegen sich in Sansibar aufhielten, zu predigen, Bekanntschaft mit den Arabern, Banianen und Suaheli anzuknüpfen, um Nachrichten über die Küste und das Innere derselben zu erlagen; auch war ich bemüht, mir über die inneren und äußeren Verhältnisse der Insel Sansibar selbst möglichst umfassende Kenntnis zu verschaffen.
   Ich will nur das wesentlichste über die Insel Sansibar mitteilen, so weit es zu der zusammenhängenden Darstellung meiner afrikanischen Reisen gehört.
   Die von den Arabern genannte Insel Sansibar heißt in der Sprache der Suaheli "Ungudscha" (Brand, Hitze), ein Name, der an die Insel Manuthiae, die von den alten Geographen an diese Küste gesetzt wird, erinnern dürfte. Sie liegt unter dem 6ten Grad südlicher Breite, ist 6 bis 7 Stunden vom afrikanischen Kontinent entfernt, hat eine Länge von 20 Stunden von Nord nach Südafrika, und eine Breite von etwa 6 Stunden. An dem Gestade ist sie sehr niedrig, steigt aber zu 200 bis 300 Fuß hinan. Das Innere ist wellenförmig. Am Fuße kleiner Anhöhen gibt es oft Sümpfe, die in der Regenzeit viel Wasser nach dem Meer senden, und nach der Regenzeit der Gesundheit nachteilig werden. Der Boden ist nahe am Meer sandig, wird aber besser im Innern und fähig zur Kultur, die aber noch vielfach fehlt in Folge der Trägheit und Unwissenheit der Eingeborenen.
   Wilde Tiere gibt es nicht. Das wilde Schwein soll von den Portugiesen herrühren, welche Sansibar eine Zeitlang besessen haben. Pferde und Esel zum Reiten in der Stadt und auf das Land werden von Arabien gebracht und sind ziemlich teuer. Die Kamele werden von der Somaliküste eingeführt. Ochsen mit Höckern, tartarische Schafe, Ziegen gibt es in Menge und werden vom Festland gebracht.
   Das Pflanzenreich liefert die Banane, Kassawa (Maniok), Mango, Bohne, Orange, Limone, Feige, Ananas, das Zuckerrohr (woraus roher Zucker fabriziert wird), Mais, den roten Pfeffer, guten Reis, Tabak, Jams, die süße Kartoffel, die Gewürznelke, die viel Gewinn bringt. Auch gibt es Weinreben, die Trauben werden aber nicht recht reif und süß, in Folge der zu schnellen Entwicklung.
   Das Klima ist nicht so ungesund wie das auf dem Festland, doch muß jeder neu Ankommende früher oder später die Fieberperiode durchmachen, und manche müssen den Tribut mit ihrem Leben bezahlen. Die Hauptstadt, welche 6 Grad 10 Linien südlich vom Äquator am westlichen Gestade der Insel liegt, ist jedenfalls gesünder als das Innere der Insel. Das Thermometer steht gewöhnlich zwischen 80 - 88 Fahrenheit [21-31 °C].
   Die Bevölkerung von Sansibar beläuft sich auf etwa 100.000 Seelen, wovon der größte Teil in der Hauptstadt wohnt. Die Suahelis bilden die Mehrzahl; die Araber dagegen bilden die reichere und mächtigere Klasse. Europäer sind es etwa 20, meist Handelsleute, die sich in Sansibar etabliert haben. Die Araber müssen schon früh nach Sansibar und der Suaheli-Küste gekommen sein, denn die Portugiesen fanden sie bei ihrem ersten Auftreten in Ostafrika überall als ihre Hauptgegner, deren Macht sie brechen mußten, ehe sie sich festsetzen konnten. Diese Araber verbreiteten ihre Religion überall an dieser Küste. Sansibar ist ganz mohammedanisch, mit Ausnahme der Banianen, d.h. der indischen Kaufleute, und der Europäer. Im Ganzen wird man nicht irren, wenn man die mohammedanische Bevölkerung der Suaheli-Küste mit Einschluß von Sansibar auf eine halbe Million Seelen anschlägt. andere Religionen werden geduldet, da der Sultan Said-Said ein toleranter Fürst ist, und da der Umgang der Mohammedaner mit den Heiden, der irdische Wohlstand der Einzelnen und andere Gründe den arabischen Fanatismus nicht aufkommen ließen.
   Das Innere der Insel Sansibar ist von den Machadem bewohnt, welche in einer Art von Sklavenverhältnis zu den Arabern stehen und 48 Dörfer bewohnen sollen.
   Die Hauptstadt ist sehr unregelmäßig gebaut; sie hat enge und schmutzige Straßen, viele steinerne Häuser, mit Hütten der Suaheli untermischt.
   Ein altes, zerfallenes Kastell mit etwa 12 Kanonen beschützt die Stadt und den Hafen, in dem oft 200 bis 300 Schiffe der Eingeborenen liegen.
   Der Sultan hat eine Anzahl von europäischen Kriegsschiffen, die er aber zu Handelszwecken verwendet. Seine Schiffe gehen nach Indien, Arabien, Europa und Amerika mit Elfenbein, Gewürznelken, Rohzucker, Kopra u.s.w. Er ist der größte Kaufmann seines Volkes. Zum Betrieb seines Handels und für seine Hofhaltung hält er viele tausend Sklaven, die von der Küste und aus dem Innern gebracht werden. Sansibar ist das Hauptquartier des Sklavenhandels, wiewohl er jetzt etwas gemäßigter und verbogener betreiben wird als früher, wo 25.000 Sklaven jährlich durch Sansibar passierten. Die Zolleinnahmen auf der Insel und an der ganzen ihm unterworfenen Küste hat der Sultan an einen Banianen aus Bombay für 200.000 Conventionsthaler verpachtet. Außerdem gewinnt er noch einige hunderttausend Thaler von seinem ausgebreiteten Handel, so daß man seine jährlichen Gesamteinnahmen auf eine halbe Million Conventionsthaler anschlagen kann. Damit bestreitet er seine Land- und Seemacht. Die Gouverneure und Kapitäne erhalten eine geringe Besoldung, wissen sich aber schon zu entschädigen, und haben die Erlaubnis, für sich Handel zu treiben. Eine stehende Armee hat er nicht, die kleinen Garnisonen von arabischen und Beludschi-Soldaten ausgenommen, die er in Lamu, Mombasa, Sansibar (etwa 50) und Kiloa unterhält, und die sich im ganzen auf etwa 1.000 Mann belaufen, die aber nicht europäisch diszipliniert sind. In Kriegszeiten muß jeder aufgebotene Gouverneur sein eigenes Kontingent stellen.
   Der Sultan Said-Said bestieg 1807 den Thron und lebte in Mascat bis zum Jahr 1840, wo er seinen Sitz nach der Insel Sansibar verlegte, besonders des Handels wegen, und um den Betteleien und Belästigungen der arabischen Großen zu entgehen. Er wurde früh mit den Engländern bekannt, die ihn 1819 gegen die fanatischen Wahabi in Arabien und gegen die Seeräuber schützten, weshalb seine Ergebenheit gegen England sehr groß ist. Im Jahr 1835 schloß die Regierung der nordamerikanischen Freistaaten eine Handelsverbindung mit ihm, und später folgte die englische Regierung diesem Beispiel. Kraft dieses Traktats haben Amerikaner und Engländer fünf Prozent für  Einfuhr zu zahlen. Die Ausfuhr ist frei von Abgaben. Im Jahr 1847 schloß auch Frankreich ein Handelsbündnis mit Said-Said, und stellt, wie die Amerikaner und Engländer, einen Konsul in Sansibar auf.
   Die Hauptausfuhr der Europäer auf Sansibar besteht in Elfenbein, Kopalgummi, Gewürznelken, Häuten, Kokosnüssen und Kokosöl, Semsem, Aloe, u.s.w. Die Einfuhr besteht hauptsächlich in einem weißen Stoff von Baumwolle, den die Eingeborenen Amerikano nennen, in Glasperlen jeder Art, in Feuergewehren, Messing- und Kupferdraht, Glas- und Töpferwaren, Messer, Schwertern, und überhaupt in allem, was auf den Märkten ungebildeter Nationen Absatz findet. Die Münze besteht hauptsächlich in Maria-Theresia- und spanischen Talern. Als kleinere Münze dient der spanische 1/4 und 1/8 Taler und die Kupfermünze der Ostindischen Compagnie. Die Lebensmittel, z.B. Reis, Schmalz, Kühe, Schafe, Ziegen, Hühner, Enten u.s.w. sind wohlfeil in Sansibar und an der Küste.
   Der Sultan Said-Said beansprucht in Arabien die ganze Küste von Aden bis Mascat, und von Mascat bis an den persischen Meerbusen, samt den Inseln darin. In Afrika beansprucht er die Küste von Kap Guardafui bis Kap Delgado in der Nähe der portugiesischen Besitzungen von Mosambik. Bis jetzt hat ihm keine auswärtige Macht diese ungeheuren Besitzungen streitig gemacht. Die Politik hat es erfordert, diese Ansprüche anzuerkennen, damit keine fremde Macht sich eindrängen kann. Daher wird auch Said-Said von allen Seiten hoch geachtet und seine Freundschaft gesucht. Die Araber und Afrikaner lassen diese nominellen Ansprüche gelten, so lange ihren alten eigenen Einrichtungen nicht zu nahe getreten wird. Sie nehmen des Sultans Gouverneure auf, bezahlen auch die Hafenabgaben; im übrigen muß Said-Said auf strengen Gehorsam und Unterwerfung verzichten. Er fordert nicht viel, gewährt aber auch nicht viel. Denn obgleich er ein sehr freundlicher, herablassender Herr ist, so hat er doch von seiner arabischen Erziehung her sehr eingeschränkte Begriffe; er hat weder das Licht noch die Kraft und den Mut, gründliche Reformen vorzunehmen und durchzuführen, und überhaupt das zeitliche Wohl seines Volkes zu befördern. Persönliche Bereicherung und Anerkennung seiner Familie ist alles, was ihm anliegt. Wollte er auch einen neuen Zustand der Dinge herbeiführen, so hätte er die Leute nicht zur Ausführung. Seine arabischen Großen würden ihn sicherlich vernichten, es sei denn, daß er mit fester Hand, wie einst Mohammed Pascha, ein eisernes Zepter führen könnte.
   Nachdem ich nun vom 7. Januar bis Anfang März 1844 in Sansibar verweilt und manches gesehen, entschloß ich mich, meine teure Gattin in Sansibar zu lassen, und auf einem arabischen Schiff nach Lamu zu gehen, um von dort aus unter die Galla einzudringen und eine Missionsstation zu gründen. Ich ließ mir zu diesem Zweck ein Empfehlungsschreiben an die Gouverneure der Küste vom Sultan Said-Said geben. Er gab mir einen Brief, worin es hieß: "Dies kommt von Said-Said Sultan; an alle unsere Untertanen, Freunde und Statthalter unseren Gruß. Dieser Brief ist geschrieben für Dr. Krapf, den Deutschen, einen guten Mann, der die Welt zu Gott bekehren will. Benehmt Euch gut gegen ihn und leistet ihm überall Dienste. Dies ist geschrieben von Achmed, dem Sekretär und Diener, auf Befehl Eures Herrn." Auch Major Hamerton, der englische Konsul, sowie der amerikanische, Herr Waters, leisteten mir wichtige Dienste zur Ausführung meiner Reise, welche ich am 5. März antrat. Da der Kapitän des Schiffes, welches von der Insel Lamu war, Geschäfte auf der Insel Pemba abzumachen hatte, so benutzte ich die Gelegenheit, diese schöne Insel kennen zu lernen, welche die Suaheli Pemba, die Araber aber Gesirat-Chotera (d.h. Insel der Gemüse oder Pflanzen) nennen. Sie liegt 5 Grade südlich vom Äquator, und wird von den Suahelis als die Kornkammer, oder richtiger Reis- und Schmalzkammer von Ostafrika betrachtet, weil dort viel und guter Reis gepflanzt und viel Schmalz verkauft wird.
   Ich wurde von dem Gouverneur der Insel freundlich aufgenommen, und in dem vor 200 Jahren von den Portugiesen erbauten und die Bai beherrschenden Kastell beherbergt und bewirtet. Von den Gouverneur hörte ich, daß die Insel 60 Dörfer habe mit etwa 10.000 Einwohnern, die meistens Sklaven sind. Said-Said, der Sultan von Sansibar, erhält jährlich 12.000 Taler Einkünfte von der Insel, welche 20 bis 30, Fuß über das Meer sich erhebt. Sümpfe, Waldungen und Gebüsche sind zahlreich in Pemba, überhaupt ist der Pflanzenwuchs noch üppiger als in Sansibar, und dies macht auch die Insel ungesunder als Sansibar. Die Produkte sind dieselben wie in Sansibar.
Ich lernte den Gouverneur als einen verständigen und forschenden Mann kennen, der für Beweisgründe zugänglich war, und der nicht, wie die Mohammedaner zu tun pflegen, gleich mit Schimpfwörtern zufuhr. Er fragte mich über das Ziel und den Zweck meiner Reise, und ermahnte mich, nicht nach Lamu zu gehen, da jetzt der Kus, d.h. der Südwind beginne, vor dessen Ende im November ich nicht mehr, oder nur mit großen Schwierigkeiten nach Sansibar zurückkehren könne. Ich hatte schon unterwegs von meinem Kapitän diese üble Nachricht gehört, und hatte mich entschlossen, meinen Reiseplan zu ändern, wenn die Aussage des Kapitäns wirklich wahr sei. Ich kannte nämlich damals die Zeit und Gewalt der Monsun- oder Passatwinde in diesen Gegenden noch nicht; es war mir unbekannt, daß, wie die Araber sich auszudrücken pflegen, die ostafrikanische See vom Mai bis September gänzlich geschlossen ist für die Boote der Eingeborenen, welche sich nicht in das weite Meer hinauswagen, noch einem starken Gegenwind widerstehen können. Ich hatte nämlich die Absicht gehabt, nach Lamu zu gehen, die nötigen Vorbereitungen zu einer Missionsstation unter den Galla zu treffen, und dann sogleich zurückzukehren und meine Gattin von Sansibar abzuholen, ein Plan, von dessen Unausführbarkeit ich mich erst auf dem Weg überzeugte. Zwar gehen bisweilen Boote von Lamu bis Takaungu oder Mombasa mit Depeschen nach Sansibar, aber sie brauchen mehrere Monate, bis sie in Sansibar ankommen, weil die Boote die Küste entlang und hinter den Felsenriffen gerudert werden müssen, was sehr kostspielig, langwierig und während der Regenzeit (April bis Juli) sehr beschwerlich ist. Ferner fragte der Gouverneur, wer mir die Mittel zum Reisen gebe, und ob ich im Dienst der englischen Regierung stehe; ferner, ob und wann der gegenwärtige Leib auferstehen werde; ob man Gott mit Augen sehen könne; ob die Europäer bei ihren Gebeten sich auch nach Mekka wenden; ob Mohammed kein göttlicher Gesandter gewesen sei; ob der Sohn der Maria der Sohn Gottes sei. Auch fragte er manches über das Militär, über die Dampfschiffe und über das Verhältnis der Franzosen und Engländer u.s.w. Er wünschte auch eine arabische Bibel zu erhalten, welche ich ihm später sandte durch Herrn Waters, der der einzige Europäer ist, der heilige Schriften und Traktate den Eingeborenen schon vor meiner Ankunft gegeben hatte. Obgleich Kaufmann, hatte er sich doch nicht geschämt, mit Wort und Wandel seine christlichen Gesinnungen vor Eingeborenen und Europäern darzulegen, wenn auch die letzteren ihn oft verspotten mochten. Auch hielt er den Sonntag nach echter Christenweise. Gewiß, Kaufleute, Konsuln, Reisende und andere Geschäftsleute würden unter Heiden und Mohammedanern großen Einfluß zugunsten der christlichen Religion ausüben, wenn ihnen diese Herzenssache wäre, wenn sie, wie Abraham, der Freund Gottes, den Namen Gottes anrufen und verehren würden, wohin sie gehen. Es würde dann auch mehr Segen ihren zeitlichen Beruf begleiten. Viele aber halten die Christianisierung der Eingeborenen für unmöglich, ja gar für unnütz und ihren Zwecken hinderlich, weil es ihnen selbst an innerem christlichen Gehalt fehlt, und weil das wahre Christentum ihrer Zügellosigkeit und ihren Kniffen Einhalt tun würde.
   Ich ermahnte den Gouverneur, die heiligen Schriften der Europäer fleißig zu lesen, denn erst durch das Lesen derselben würde es ihm klar werden, ob die Bibel der Christen oder der Koran die wahre göttliche Offenbarung enthalte. Die christlichen Gelehrten läsen den Koran, warum die mohammedanischen nicht auch das Buch der Christen lesen wollten?
   Von dem freundlichen Gouverneur von Pemba, der mit Said-Said auf vertrautem Fuß steht, erfuhr ich auch die Zahl der Nachkommen des Letzteren. Said-Said soll 13 Söhne und 23 Töchter, also 36 Kinder gezeugt haben mit ungefähr 70 Frauen, die er in seinem Harem unterhält, den er noch in seinem Alter alle Jahre durch schöne Mädchen aus den Gallaländern zu vermehren sucht. Weiber, Schiffe, und Uhren sind nämlich Lieblingsgegenstände des Sultans von Sansibar und Mascat. Auf meine Frage, warum denn Said-Said keine starke und disziplinierte Armee unterhalte, sagte der Gouverneur, das habe er gar nicht nötig, so lange die Macht seiner Freunde, der Engländer, in Indien fest stehe, habe er keinen Feind zu fürchten, und es sei daher überflüssig, sich große Ausgaben auf den Hals zu laden. und in der Tat, man kann nicht wünschen, daß Said-Said eine starke Macht besitze, da sie nur zur Verbreitung des Mohammedanismus unter den heidnischen Nationen Afrikas dienen würde.

Krapf, Johann Ludwig
Reisen in Ost-Afrika in den Jahren 1837-55
Kornthal 1858

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