Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

Juli 1853 - Charles Andersson
Ngamisee
Botswana

Ich hoffte, den See am Abend zu erreichen, aber bei Sonnenuntergang waren wir noch weit von unserem Ziel entfernt. Wir lagerten uns in einem dichten Gehölz, unmittelbar neben welchem verschiedenen riesige Baobab-Bäume standen, die ersten, welche wir sahen, und welche zum Teil vierzig bis sechzig Fuß Umfang am Stamm zu haben schienen. Wir fanden Brennholz in Menge, und bald war der Wald von zahlreichen Wachtfeuern erleuchtet, an welchen, außer meinen Leuten, eine Menge schwatzender und lachender Wilder saßen, die ihre Schilde vor sich aufgepflanzt hatten. Die ganze Szene war sehr lebhaft und malerisch.
   Als es Tag wurde, machten wir uns wieder auf den Weg. Der Morgen war kühl und schön, und unser Reiseziel nahe; die ganze Gesellschaft war daher bei guter Laune und wir reisten munter vorwärts. Ich selbst befand mich an der Spitze des Zuges, um der erste zu sein, der den See Ngami erblickte. Die ganze Gegend war schön wellenförmig, und in jedem scharf begrenzten Tale glaubte ich den See zu sehen. Endlich erschien in der Ferne eine weithin sich erstreckende blaue Linie und ich war fest überzeugt, daß dies das längst ersehnte Reiseziel sei; aber noch einmal sollten unsere Erwartungen getäuscht werden. Wie wir fanden, war diese eine große Vertiefung, welche während der Regenzeit sich mit Wasser füllte, jetzt aber trocken und mit Salzinkrustationen bedeckt war. Wir passierten hierauf mehrere Täler, welche durch Sandflächen mit üppiger Vegetation voneinander getrennt waren. Als die Eingeborenen, welche vor meiner Karawane gingen, die Höhe in diesen Sandflächen erreichten, blieben sie plötzlich stehen, wiesen vor sich hin und riefen: "Ngami! Ngami!" Im Augenblick war ich bei ihnen. Nicht weit vor mir lag auch in der Tat ein ungeheurer Wasserspiegel, der nur vom Horizont begrenzt wurde, da lag der Gegenstand meines Ehrgeizes, nach dem ich mehrere Jahre lang gesucht, für den ich Heimat und Freunde hingegeben und selbst mein Leben aufs Spiel gesetzt hatte.
   Der erste Eindruck, den der See auf mich machte, war höchst eigentümlich. Ich war längst auf dieses Ereignis vorbereitet, aber jetzt überwältigte es mich. Es war ein Gefühl von Glück und Schmerz zugleich. Meine Schläfe zitterte und mein Herz klopfte so heftig, daß ich mich niedersetzen und an einen Baum lehnen mußte, bis der Überreiz sich gelegt hatte. Der Leser wird mich vielleicht für kindisch halten, daß ich mich einem Gefühl so hingeben konnte; aber "wer weiß, daß der erste Schimmer eines Gegenstandes, von dem wir lasen oder träumten, als unser Selbstbewußtsein erwachte, stets ein Augenblick des höchsten Genusses ist, der wird mein Entzücken entschuldigen". Ich war aufrichtig von Dank erfüllt für die grenzenlose Güte und den gnädigen Beistand, womit die Vorsehung mich auf dieser langen und gefährlichen Reise umfaßt hatte. Meine Prüfungen waren zahlreich gewesen; aber als meine wärmsten Wünsche sich erfüllten, waren alle Schwierigkeiten vergessen. Ich konnte nicht umhin, mich meines vergangenen Lebens zu erinnern. Ich war in Wüsten eingedrungen, welche für die zivilisierte Welt fast unbekannt waren, hatte Hunger und Durst, Kälte und Hitze im höchsten Grade gelitten, hatte mich der verzweifelsten Anstrengungen unterzogen, oft ganz einsam, oft ohne Schutz in finstren Nächten in unendlichen Einöden, welche nur von Raubtieren bewohnt wurden. Meine Reisegefährten waren größtenteils Wilde. Ich war zahlreichen Gefahren zu Lande und zu Wasser ausgesetzt und litt an den Wunden, welche ich von wilden Tieren bekommen. Aber ich war vom Schöpfer in allen diesen mannigfaltigen Gefahren, die mich umgaben, gnädig bewahrt worden. Ihm sei Ehre, Macht und Herrlichkeit! Ihm Dank und Anbetung!
   Nachdem sich meine Augen an der interessanten Szene erquickt hatten, begannen wir von der Anhöhe hinabzusteigen zu dem See, den wir etwa nach anderthalb Stunden erreichten. Aber obwohl wir eine frischere Luft atmeten, brachte doch der Wind keine Wohlgerüche mit sich, wie man es an den Ufern eines tropischen Sees erwarten konnte.
   Entweder waren meine Erwartungen zu hoch gesteigert gewesen, oder die Reisenden hatten die Größe des Binnensees und die Üppigkeit der ihn umgebenden Vegetation übertrieben - kurz, ich erkannte, daß bei näherer Betrachtung ich in meinen Hoffnungen gewissermaßen getäuscht war. Allerdings muß ich noch hinzufügen, daß ich den See zu einer Jahreszeit sah, welche der Entfaltung seiner Schönheit wenig günstig war. Wenn ich nicht irre, waren seine Entdecker, Oswell, Livingstone und Murray, so glücklich, ihn unter vorteilhafteren Verhältnissen zu sehen. Das östliche Ende, das heißt, eben der einzige Teil, den die genannten Reisenden sahen, ist auch gewiß schöner als der westliche oder die Seite des Ngami, an welcher ich ihn erreichte.
   Das Wasser des Sees stand jetzt sehr niedrig und war an der Stelle, welche wir zuerst sahen, außerordentlich seicht. Es hatte einen bitteren und unangenehmen Nachgeschmack und man konnte nur an wenigen Stellen unmittelbar an dasselbe herantreten, teils wegen des Schlammes, teils auch wegen der dichten Massen von Rohr und Buschwerk, welche das Ufer bedeckten, und in denen Wasservögel verschiedener Art sich in großer Menge aufhielten. Unter diesen fanden sich einige für uns neue Arten; doch hatten wir nicht Zeit, ihnen weiter Aufmerksamkeit zu schenken.
   Zweimal hatten wir am südlichen Ufer des Ngami gelagert, ehe wir Letcholetebe's Ansiedlung zu Gesicht bekamen, welche am rechten Ufer des Flusses Zouga, kurz vor dem Ausfluß desselben aus dem See, lag.
   Ich hatte den Weg von Kobis bis hierher in fünf Tagen zurückgelegt; doch muß man, wenn man nicht schwer bepackte Ochsen bei sich hat und sich etwas beeilt, in der Hälfte dieser Zeit die Reise machen können.
   Letcholetebe forderte mich auf, mein Zelt in seiner unmittelbaren Nähe aufzuschlagen; aber ich war müde und kannte nur zu gut die Unannehmlichkeiten, welchen man ausgesetzt ist, wenn man in zu großer Nähe mit den Eingeborenen lebt, deshalb lagerten wir uns am südlichen Ufer des Zouga.
   Ich beschloß, zeitig am nächsten Morgen dem Häuptling einen Besuch abzustatten. Es ist von hohem Wert, gleich beim ersten Zusammentreffen mit den Wilden einen vorteilhaften Eindruck zu machen; denn ihr Wohlwollen wird für die Folgezeit wesentlich davon abhängen, und mit nichts kann man sie so gut für sich gewinnen wie mit äußerer Pracht.
   Zu der bestimmten Zeit zog ich also mein bestes Kostüm an, welches in einem Wams und Hose von feinem weißen Zeug, einer schönen Schärpe von rotem Samt, welche mit Seide von derselben Farbe gefüttert war, und einer goldbestickten Mütze bestand.
   Die letzten beiden Artikel waren ein Andenken von einer meinem Herzen teuren Dame, und ich hatte versprochen, sie bei der ersten feierlichen Gelegenheit zu tragen.
   Ich fuhr über den Zouga und kam nach einer kurzen Promenade von nur wenigen Minuten nach Batoana-Stadt, der Hauptstadt und Residenz Letcholetebe's. Der Häuptling saß auf einem hölzernen Stuhle, vor einer festen, halbkreisförmigen Umzäunung, und trank Kaffee, umgeben von vierzig bis fünfzig seiner Untergebenen. Er war halb europäisch, halb wild gekleidet; seine Füße staken in einem Paar weiter Hosen aus Moleskin; an den Füßen trug er Socken und Feldschuhe; von den Schultern aber hing ganz malerisch ein schöner Schakalpelz herab. Diesen letzteren vertauschte er jedoch sogleich mit Weste und Wams.
   Der Griqua Piet und ein Betschouane, welchen ein am See wohnender Kaufmann zu meiner Disposition gestellt hatte, fungierten als Dolmetscher. Nach den ersten Begrüßungen teilte ich dem Häuptling die Gründe meiner Ankunft, die freundschaftlichen Gesinnungen der britischen Regierung am Kap u.s.w. mit. Er hörte meine Worte mit scheinbarer Aufmerksamkeit und tiefem Schweigen an, wobei er die ganze Zeit hindurch mißtrauische Blicke auf mich richtete. Aber er tat keine Frage, keine einzige Bemerkung.
   Nachdem ich ihm alles mitgeteilt, was ich zu sagen hatte, machte ich mich fertig, um mich zu empfehlen. Vorher bat ich ihn jedoch, mir noch einiges über das Land mitzuteilen, worauf er kurz antwortete:
   "Davon weiß ich nichts."
   "Ist denn," fragte ich weiter, "niemand unter Euren Leuten, der mir Aufschlüsse darüber geben könnte?"
   "Nein!" entgegnete er ohne weiteres.
   Ich war niedergeschlagen, sah aber die Notwendigkeit ein, meinen Verdruß zu verbergen, und als ich bald darauf aufstand, sagte ich: "Gut, Letcholetebe, wenn Ihr besser mit mir bekannt sein werdet, dann werdet Ihr wohl gesprächiger werden. Indes bitte ich Euch, wenn es Euch beliebt, in mein Lager zu kommen und zu schwatzen; vielleicht findet Ihr da das eine oder andere, das Ihr Eurer Aufmerksamkeit wert haltet."
   Das brauchte ich nicht zweimal zu sagen, wie ich nur zu bald zu meinem Schaden erfuhr.
   Im Gegensatz zu unserem dicken Freunde, König Nangoro, der so höflich war, uns drei ganze Tage warten zu lassen, ehe er daran dachte, uns zu begrüßen, konnte der Betschouanen-Häuptling seine Neugierde kaum einige Stunden bemeistern.
   Als er kam, war ich eben damit beschäftigt, einige Vogel- und Schlangenbälge zu präparieren, was seinen Begleitern große Freude machte. Einer von diesen, der naseweiser und neugieriger als die übrigen war, kam ganz nahe heran, ergriff eines der Reptilien am Schwanze und hielt es den Leuten hin, welche jetzt mehr, als ich wünschte, in mein Zelt hereinäugten; er äußerte einige mir unverständliche Worte, welche bei seiner Schar ein betäubendes Gelächter hervorriefen. Die Heiterkeit ging so weit, daß die ganze Gesellschaft sozusagen Zuckungen bekam; einige warfen sich der Länge nach auf den Boden und hielten sich die Hände vor den Bauch, als fürchteten sie, er möchte zerspringen, während große Tränen über ihre schmierigen Backen herabrollten. Der Leser denke sich die Suite eines Königs, die sich vor Lachen auf der Erde wälzt! Obwohl man sich gewiß auf meine Kosten lustig machte, war ich doch mehr aufgeheitert als ärgerlich über diesen Anblick.
   Sobald der Lärm sich gelegt hatte, brachte ich dem Häuptling meine Geschenke, welche in Glasperlen, Messern, Rauch- und Schnupftabak, Stahlkettchen, Ringen, blauem Kaliko, rotwollenen Mützen und verschiedenen Kleinigkeiten anderer Art bestanden. Ohne sie eines zufriedenen Blickes zu würdigen, teilte Letcholetebe alles an die vornehmsten unter seinen Leuten aus, welche um ihn versammelt waren, und schien nichts für sich behalten zu wollen. Hierauf sah er sich mit forschendem Blick um, woraus ich vermuten konnte, daß er noch einen unbefriedigten Wunsch auf dem Herzen hatte. Auch täuschte ich mich hierin nicht, er fragte plötzlich, ob ich nicht Pulver und Blei bei mir hätte, das er gegen Elfenbein umtauschen könnte. Ich bejahte seine Frage, doch fügte ich hinzu, daß ich erstens nicht mehr hätte, als ich selbst brauchte, und daß zweitens die britische Regierung am Kap mir verboten habe, sowohl Waffen als Munition zu verschenken, und diesen Befehl wagte ich nicht zu übertreten.
   Bei dieser Erklärung wechselte er die Farbe, und ich sah deutlich, daß er sehr verdrießlich war. Ich war jedoch auf seine Unzufriedenheit gefaßt, und als ich ihm zur rechten Stunde ein Doppelpistol in die Hand gab, einen Gegenstand, den er, wie ich im voraus wußte, heftig wünschte, und den ich ihn als ein Andenken an meinen Besuch anzunehmen bat, strahlte sein Gesicht vor Freude und Zufriedenheit, und wir wurden die besten Freunde.
   Wie ich schon erwähnt habe, fand ich bei näherer Betrachtung des Sees meine Vorstellungen von demselben zum Teil getäuscht. Er ist ohne Widerrede ein schöner Binnensee; aber seine Größe ist bedeutend überschätzt worden, denn man hat seine Länge sogar bis auf hundert englische Meilen bei einer Breite von fünfzig bis sechzig angegeben. Dieser Irrtum dürfte sich auf folgende Weise erklären lassen: Zuvörderst ist, soviel ich weiß, noch niemand um den ganzen See herumgereist; sodann sind die Ufer, mit Ausnahme des südlichen und westlichen, niedrig und sandig und lassen sich bei nebligem Wetter nicht leicht unterscheiden; und endlich bin ich geneigt zu glauben, daß die Entdecker die Länge mit der Breite verwechselten.
   Der ganze Umfang mag wohl etwa sechzig bis siebzig englische Meilen betragen. Die Breite ist im Durchschnitt sieben Meilen, und an der breitesten Stelle nicht mehr als neun Meilen. Der Form nach ist der See, wie ich ihn auf der Karte gezeichnet habe, in der Mitte schmaler, erweitert sich aber an den beiden Enden, und ich muß noch hinzufügen, daß die ersten Berichte, welche man vor mehreren Jahren von den Eingeborenen erhielt, denen zufolge der See der Form nach mit einer Brille verglichen werden könne, ein nicht ganz unrichtiges Bild von ihm geben.
   Das nördliche Ufer des Ngami ist niedrig und sandig, und auf eine halbe und noch öfter ganze englische Meile weit vom Wasser ist kein Baum oder Strauch oder irgendeine Spur von Vegetation zu entdecken. Jenseits dieser Grenze ist das Land rund um den See herum dicht mit Wald bewachsen, welcher verschiedene Arten der in Südafrika heimischen Akazie, des "Stammbaumes der Damara" und hier und da einzelne Baobab-Bäume aufweist, welche ihr riesiges Haupt weit über die übrigen Bäume des Waldes erheben. Die Südküste des Sees ist bedeutend hoch und so dicht mit breiten Gürteln von Rohr und Schilf umschlossen, daß das Wasser nur an wenigen Stellen, und zwar nur da zugänglich ist, wo das Vieh der Eingeborenen  den natürlichen Damm durchbrochen hat. Auch das westliche Ufer ist hoch, das Wasser jedoch hier so seicht, indes immer noch bedeutend tiefer als an der Ostküste.
   Der Ngami muß zu verschiedenen Zeiten bedeutende Veränderungen erfahren haben. Die Eingeborenen haben mir oft die Stellen gezeigt, wo jetzt eine üppige Vegetation gedeiht, früher aber Flußpferde weideten. Außerdem finden sich unzweideutige Beweise davon, daß der See einst kleiner war als jetzt, denn man trifft hier und da Reste von Baumstämmen, welche jetzt von Wasser bedeckt sind. Meiner Ansicht nach kann dies nicht daher rühren, daß das Land gestiegen oder gesunken ist, sondern der See ist wahrscheinlich ursprünglich ebenso oder fast ebenso groß gewesen wie jetzt; aber als sich plötzlich eine ungewöhnlich große Wassermasse vom Innern her ergoß, konnte diese nicht so schnell ab- wie zufließen, denn die ganze Gegend ist eine Ebene, sondern das Wasser mußte sich über sein gewöhnliches Niveau erheben und einige Zeit diese neue Höhe behaupten, wodurch die Vegetation schnell zerstört wurde.
   Ehe der See entdeckt wurde und man ihn nur gerüchteweise kannte, hörte man von den Eingeborenen, daß sein Wasser "sich täglich zurückziehe, um Nahrung zu holen". Ich vermute, daß man damit auf ein eigentümliches Phänomen hindeutete, welches ich auf einer Fahrt auf dem breiten Wasserspiegel des Ngami beobachtete und damals vom Winde herleitete, obwohl ich bei näherem Nachdenken mit größerer Wahrscheinlichkeit annehmen zu müssen glaube, daß es in der Anziehungskraft des Mondes seinen Grund hat.
   Bei unserer Fahrt auf dem See stiegen wir gewöhnlich jeden Abend ans Land, um hier die Nacht zuzubringen, und ich beobachtete die Vorsicht, das wichtigste, was wir bei uns hatten, mit an Land zu nehmen. Die Boote wurden stets so nahe ans Ufer gezogen, als das seichte Wasser erlaubte, und etwa hundertfünfzig Ellen vom Lande sich selbst überlassen. Als ich den Leuten Vorstellungen darüber machte, daß sie nicht besser für unsere kleine Flottille sorgten, antworteten sie, daß alle weiteren Vorsichtsmaßregeln überflüssig seien, da das Wasser, weil die Ebbe schon eintrat, in kurzer Zeit sich zurückziehen und die Boote auf dem Trockenen zurücklassen würde. Ich wollte es ihnen nicht recht glauben, aber ließ sie gewähren. Im Verlauf der Nacht wurde es ruhig. Es hatte nämlich den Tag über ein frischer Wind geweht, und am nächsten Morgen fanden wir, daß unserer Ruderer recht gehabt hatten; die Boote standen ebenso weit vom Wasser entfernt, als sie am Abend vorher vom Ufer entfernt waren.
   Sobald der Wind wieder zu wehen begann, kam das Wasser allmählich zurück, und etwa um neun Uhr am Morgen hatte es seine gewöhnliche Höhe wieder erreicht, so daß die Boote ohne eine Bemühung von unserer Seite wieder flott waren.
   In den Gegenden um den See, namentlich in der Nähe der Flüsse, gibt es Tiere vielfacher Art, wie Elefanten, Rhinozerosse, Büffel, Giraffen, Kudus, Pallahs u.s.w., sowie zwei neue Arten von Antilope, Nakong und Leché.
   Flußpferde gibt es in Menge am Nordufer des Ngami, namentlich am nordwestlichen Ende oder rechts von dem Punkte, wo der Teoge in den See mündet.
   Ottern sind in dem Flusse und im See nicht ungewöhnlich. Sie schienen derselben Art wie die bei uns vorkommenden zu sein, zeigen aber größere Abwechslung hinsichtlich der Farbe. Ihre Haut ist schön und viel gesucht.
   Wenn die Fauna des Ngami-Sees reich an vierfüßigen Tieren ist, so ist doch die Klasse der Vögel nicht minder zahlreich und schön vertreten. Bei unserer ersten Reise durch das Damara-Land hatte ich eine so vollständige Sammlung von den daselbst befindlichen Vögeln und Insekten aufbewahrt, daß ich fast verzweifelte, etwas neues und interessantes zu finden; aber hier eröffnete sich mir auf einmal ein noch unerforschtes und fast unbegrenztes Feld der Naturgeschichte. Es war sehr zu beklagen, daß ich nicht in ausgedehnterer Weise den Reichtum und die Abwechslung desselben benutzen konnte.
   Die Wasservögel sind namentlich zahlreich und gehören mehreren Arten an. Ein Bekannter, der den See besuchte, versicherte mir, daß er hier und am Zouga mehrere Male nicht weniger als neunzehn verschiedene Arten Enten und Gänse geschossen hätte. Eine der letzteren ist nicht größer als eine gewöhnliche Kriechente (Anas crecca); aber mit dem prachtvollsten Federschmuck bekleidet. Reiher und Wasserhühner wetteifern mit den Enten an Anzahl und Farbenpracht. Während einer schnellen Fahrt auf dem Teoge schoß ich in kurzem Reiher von etwa zehn verschiedenen Arten, außer verschiedenen Arten Störche, Kraniche, usw.
   Der See und seine Ufer wimmeln von Krokodilen. Während der kälteren Jahreszeit ziehen sich diese unter das Wasser zurück, wo sie ziemlich untätig fortleben; sowie aber die warme Jahreszeit kommt, zeigen sie sich wieder in großer Menge an den Ufern, und sonnen sich am Mittag, wo sie wie Holzklötze aussehen. Ich habe sie oft in dieser Stellung überrascht, und wenn ich ihnen nicht zu nahe kam, schliefen sie ganz ruhig weiter. Sowie ich aber meine Büchse erhob oder auch nur auf sie zeigte, stürzten sie sich pfeilschnell ins Wasser.
   Man sagt, daß sie manchmal eine wahrhaft riesige Größe erreichen. Ich kenne jedoch kein Beispiel mit Bestimmtheit, daß man ein Krokodil tötete, welches länger als fünfzehn bis sechzehn Fuß gewesen war, obwohl ich versichern hörte, daß sie manchmal die doppelte Länge erreichen.
   Das Krokodil lebt namentlich von vierfüßigen Tieren, denen es auflauert, und die es fängt, wenn sie kommen, um zu trinken; doch soll es den Raub nicht eher verzehren, als bis das Fleisch in Fäulnis übergegangen ist.
   Wenn dieses Tier sich in seinem natürlichen Element befindet, muß seine Stärke eine ungeheure sein, und die Eingeborenen (wenn man ihren Worten glauben darf) erzählen, daß das Krokodil nicht selten selbst einen Büffel überwindet, und zwar auf die Weise, daß es ihn am Maul packt und in das Wasser zerrt, wo es ihn erstickt. Hierauf schleppt es seinen Raub wieder an das Ufer und so hoch auf das Land, daß das Wasser den Körper nicht berührt, und verzehrt ihn nicht eher, als bis er gehörig in Fäulnis übergegangen ist.
   Die Gegend um den See und die Flüsse ist feucht und sumpfig, und deshalb finden sich - leicht begreiflich - Unmassen von Schlangen; aber obwohl diese Tiere manchmal wahrhaft riesengroß werden, schienen sie doch ganz unschädlich zu sein und werden oft von den Eingeborenen getötet, welche sie mit gutem Appetit verzehren. Ich selbst habe eine Schlange gesehen, die länger als sechs bis acht Fuß war; aber man hat mir dreimal so große Schlangenhäute gezeigt. Die Buschmänner versicherten mir, daß sie diese Ungeheuer nicht selten überraschen, wenn sie sich gesättigt haben und schlafen, und dann ist es nicht ungewöhnlich, daß man mit einem einzigen Schlage mit der Kierie ihrem Leben ein Ende macht.
   Auch Fische waren sehr zahlreich; aber ich hielt mich nur sehr kurze Zeit am See auf und konnte deshalb in dieser Beziehung keine weiteren Aufschlüsse gewinnen. Ich sah und aß verschiedene Arten, von denen einige fett waren und vortrefflich schmeckten. Die einzige, in der ich einige Ähnlichkeit mit europäischen Fischen gefunden habe, war eine Art Barsch und eine oder zwei Cyrinus-Arten.
   
Andersson, Charles
Reisen in Südwest-Afrika bis zum See Ngami
Leipzig 1858, Band 1

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