Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1771 - Joachim Nettelbeck, Steuermann auf einem holländischen Sklavenschiff
Über den Sklavenhandel
Kap Mesurado, heute Monrovia, Liberia

Zum besseren Verständnis des Folgenden wird es erforderlich sein, einige Worte über die Art und Weise, wie dieser Negerhandel damals von den Holländern betrieben wurde, im Allgemeinen darzulegen.
   Da hier Menschen nun einmal als Ware angesehen wurden, um gegen die Erzeugnisse europäischen Kunstfleißes eingetauscht zu werden, so kam es hauptsächlich darauf an, solche Waren zu wählen, welche das Bedürfnis oder der Luxus den Schwarzen am unentbehrlichsten gemacht hatten. Schießgewehre aller Art und Schießpulver in kleinen Fässern von 32, 16 und 8 Pfund nahmen hierbei die erste Stelle ein. Fast ebenso begehrt waren Tabak, sowohl geschnitten als in Blättern, samt irdenen Pfeifen, und Branntwein, entweder in halben Ankern oder in Flaschenkellern von 12, 8 oder 6 Gefäßen. Kattune von allen Sorten und Farben lagen in Stücken von 21 bis 24 Ellen, sowie auch leinene oder seidene Tücher, deren 6 bis 12 zusammengewirkt waren. Ebenso wenig durfte ein guter Vorrat an leinenen Lappen, drei Ellen lang und halb so breit, fehlen, die dort als Leibschurz getragen werden.
   Den Rest der Ladung machten allerlei Kurzwaren aus wie kleine Spiegel, Messer aller Art, bunte Korallen, Nähnadeln und Zwirn, Fayence, Feuersteine, Fischangeln und dergleichen.
   Einmal gewohnt, diese verschiedenen Artikel von den Europäern zu erhalten, können und wollen die Afrikaner sowohl an der Küste als auch tiefer im Lande sie nicht missen und sind darum unablässig darauf bedacht, sich die Ware zu verschaffen, gegen die sie sie eintauschen können. So ist das Land immerfort in kleine Parteien geteilt, die sich feindlich in den Haaren liegen und alle Gefangenen, die sie machen, entweder an die schwarzen Sklavenhändler verkaufen oder sie unmittelbar zu den europäischen Sklavenschiffen abführen. Aber oft, wenn es ihnen an solcher Kriegsbeute fehlt und sie neuer Waren bedürfen, greifen ihre Häuptlinge, die eine despotische Gewalt über ihre Untertanen ausüben, diejenigen auf, die sie für die entbehrlichsten halten. Oder es geschieht auch, daß der Vater sein Kind, der Mann das Weib und der Bruder den Bruder auf den Sklavenmarkt zum Verkaufe schleppt. Man begreift leicht, daß es bei solchen Raubzügen an Grausamkeiten jeder Art nicht fehlen kann und daß sich alle diese Länder in dem elendsten Zustand befinden. Aber ebenso wenig kann geleugnet werden, daß die erste Veranlassung zu all diesem Elend von den Europäern herrührt, welche durch ihre eifrige Nachfrage den Menschenraub begünstigt und unterhalten haben.
   Ihre für diesen Handel ausgerüsteten Schiffe pflegten längs der ganzen Küste von Guinea zu kreuzen und hielten sich unter wenigen Segeln stets etwa eine halbe Meile oder wenig mehr vom Ufer. Wurden sie dann am Lande von Negern erblickt, die Sklaven oder Elefantenzähne zu handeln hatten, so machten diese an Land an Feuer an, um dem Schiff durch den aufsteigenden Rauch ein Zeichen zu geben, daß es vor Anker ginge, warfen sich aber auch zu gleicher Zeit in ihre Kanus und kamen an Bord, um die zur Schau ausgelegten Artikel zu mustern. Sie versprachen dann, sich mit einem reichen Vorrat an Sklaven und Zähnen wieder einzufinden, oft jedoch, ohne Wort halten zu können oder zu wollen.
   Gewöhnlich aber erschienen sie zu wirklichem Abschluß des Handels mit ihrer Ware am nächsten Morgen als der bequemsten Tageszeit für diesen Verkehr. Denn da dort jede Nacht ein Landwind weht, so hat dies bis zum Mittag eine ruhige und stille See zur Folge. Dann steigt wieder ein Seewind auf; die Brandung wälzt sich ungestümer gegen den Strand, und die kleinen Kanus der Schwarzen können sich füglich nicht hin und zurück wagen.
   Das Fahrzeug, das die verkäuflichen Sklaven enthielt, war in der Regel noch von einem halben Dutzend anderer, jedes mit mehreren Menschen besetzt, begleitet, die alle einen Anteil an der unglücklichen Ware hatten. Aber nur 8 oder 10 wurden an Bord gelassen, während die übrigen in ihren Kanus das Schiff umschwärmten und ein tolles Geschrei vollführten.
   Nun wurden auch die Gefangenen an Bord gehoben, um in näheren Augenschein genommen zu werden, die männlichen mit so hart auf dem Rücke zusammengeschnürten Ellenbogen, daß oft Blut und Eiter an den Armen und Lenden hinunterlief. Erst auf dem Schiff wurden sie losgebunden, damit der Schiffsarzt genau untersuchen konnte, ob sie unverkrüppelt und von fester Konstitution und bei voller Gesundheit wären. Und dann begann der eigentliche Handel, jedoch nicht ohne zuvor den Verkäufern, die sich an Deck befanden, und ihren Kameraden in den Kanus reichlich Tabak und Pfeifen gereicht zu haben, damit sie lustig und guter Dinge würden - freilich aber auch, um sich umso leichter betrügen zu lassen
   Die europäischen Tauschwaren wurden den Schwarzen stets nach dem höchsten Einkaufspreis mit einem Zuschlag von fünfundzwanzig Prozent angerechnet, und nach diesem Tarif galt damals ein vollkommen tüchtiger männlicher Sklave etwa hundert holländische Gulden, ein Bursche von zwölf Jahren und darüber wurde mit sechzig bis siebzig Gulden bezahlt, ungefähr zum gleichen Preis auch eine weibliche Sklavin. War sie jedoch noch nicht Mutter gewesen und ihr Busen noch von jugendlicher Fülle und Elastizität (und daran pflegt es die Natur bei den Negerinnen nicht fehlen zu lassen), so stieg sie auch verhältnismäßig im Wert bis auf 120 oder 140 Gulden.
   Die Verkäufer bezeichneten stückweise die Artikel, welche ihnen unter den ausgelegten Waren zusagten, wogegen der holländische Einkäufer seinen Preis-Courant fleißig zu Rate zog, um nach dem angenommenen Tarif nicht über 90 Gulden hinauszugehen, und wobei auch der gespendete Branntwein samt Tabak und Pfeifen nicht unberücksichtigt blieben. Fing er dann an, weiteres Zulegen zu verweigern und ließ sich höchstens noch ein Stück Kattun abringen, so wurde der Rückstand im geforderten Menschenpreis vollends mit geringeren Waren und Kleinigkeiten und zuletzt noch mit einem Geschenk von Messern, kleinen Spiegeln und Korallen ausgeglichen. Wie viel es übrigens bis zum gewünschten Abschluß an Streit, Fluchen und Lärmen gegeben hat, bedarf kaum einer besonderen Erwähnung, denn wenn der eigentlichen Wortführer bei den Negern auch nur zwei oder drei sin mochten, so gab es doch immer unaufhörliche Rücksprache und Verständigung mit den Gefährten in den Kanus, die am Erfolg des Handels alle gleich interessiert waren. Hatten sie dann endlich die eingetauschten Waren in Empfang genommen, so packten sie sich wieder in ihre Fahrzeuge und eilten lustig, wohlbenebelt und unter lautem Hallo wieder dem Strande zu.
   Während der ganzen geräuschvollen Szene des Handelns saß nun der arme Sklave, um den es gerade ging, auf dem Verdeck und sah sich mit steigender Angst in eine neue, unbekannte Hand übergehen ohne zu wissen, welches Schicksal ihm beschieden sei. Man konnte dem Unglücklichen sozusagen das Herz in der Brust schlagen sehen. Denn ebenso wenig wie die meisten je zuvor das Weltmeer erblickt hatten, auf dem sie nun schwammen, hatten sie auch kaum weiße und bärtige Männer gesehen, in deren Gewalt sie nun geraten waren. Sie waren nur zu gewiß des Glaubens, wir hätten sie nur gekauft, um uns an ihrem Fleische zu sättigen. Voll von dieser Vorstellung, sah man ihnen deutlich an, daß unsere weiße Hautfarbe sie mit noch weit höherem Entsetzen erfüllte, als uns ihre schwarze erschreckte.
   Waren die Verkäufer vom Schauplatz abgetreten, trug der Schiffsarzt Sorge, den eingehandelten Sklaven (wahrlich ein schlechtes Labsal!) ein Brechmittel einzugeben, damit sich die bisher ausgestandene Angst nicht nachteilig auf die Gesundheit auswirkte. Aber begreiflicherweise konnten die gewaltsamen Wirkungen dieser Prozedur jenen vorgefaßten schrecklichen Wahn ebenso wenig beseitigen als das Anlegen eiserner Fesseln an Händen und Füßen, wodurch man sich besonders der männlichen Sklaven noch weiter zu versichern suchte. Gewöhnlich kuppelte man sie überdies noch paarweise zusammen, indem man durch einen in der Mitte jeder Kette befindlichen Ring noch einen fußlangen eisernen Bolzen steckte und fest vernietete.
   Verschonte man auch die Weiber und Kinder mit ähnlichem Geschmeide, so wurden sie doch in ein festes Behältnis vorn auf der Schiffsback eingesperrt, während die erwachsenen Männer ihren Aufenthalt dicht daneben zwischen dem Fock- und dem Großmast fanden. Beide Behälter waren durch ein zweizölliges eichenes Planwerk voneinander getrennt, so daß sie sich nicht sehen konnten. Jedoch brachten sie in diesem Gewahrsam nur die Nächte zu, bei Tag wurde ihnen gestattet, auf dem Deck zu verweilen.
   
Nettelbeck, Joachim
Eine Lebensbeschreibung
Band 2, Leipzig 1821

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