Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1870 - Fossor
In den Diamantenfeldern
Kimberley

Die übliche Arbeitsweise war folgendermaßen: Sobald der Claim ausgewählt und abgesteckt war, wurde mit den Erdarbeiten begonnen und der Boden sorgfältig entfernt und zum Fluß gebracht, wo er mit Hilfe eines Rüttelsiebs gründlich gewaschen wurde. Ein Rüttelsieb ist eine einfache Konstruktion mit einem Holzrahmen und darin zwei Sieben mit unterschiedlicher Lochweite. Das obere wird mit Erde gefüllt, und dann wird das Ganze vorwärts und rückwärts auf seinen Kufen geschaukelt; dabei wird natürlich dauernd Wasser zugegeben, bis Lehm und Sand herausgewaschen und die kleineren Steine in das darunterliegende Sieb gefallen sind. Die großen Steine im oberen Sieb sind leicht zu überprüfen und werden dann weggeworfen, aber die im unteren Sieb werden auf einem Tisch mit einem »Sorter« getrennt; das ist ein Stück Zink, Zinn oder einfach ein Messer. Das ist ein einfaches Verfahren, und wenn ein Diamant dabei ist, wird er mit allergrößter Wahrscheinlichkeit entdeckt, es sei denn, jemand paßt nicht richtig auf. Ein Diamant stellt sich triumphierend zur Schau und macht alle anderen Steine in seiner Umgebung blaß und unscheinbar; die funkelndsten Kristalle werden zu nichts neben dem brillanten Gefährten, und der kleinste Splitter eines echten Diamanten, in einem Lehmklumpen oder aus einem Stein minderer Qualität blitzend, ist sehr leicht zu finden. Das einzigartige Funkeln führt zu seiner Entdeckung, und sogar ein winziger Splitter wird sofort erkannt.
    Wenn, wie das manchmal vorkommt, der Stein verfärbt ist oder fleckig durch Eiseneinlagerungen oder wenn er sonstwie zweifelhaft aussieht, so wird doch das Anfassen sofort jeden Zweifel beseitigen. Er sieht nicht nur anders aus als alle anderen Steine, sondern zeigt auch seine Einzigartigkeit durch eine besondere Glattheit, die fast so ist, wie wenn man Finger zart aneinander reibt - so ein Gefühl hat man sonst nicht.
    Ein gut präpariertes Stück Alaun sieht einem Diamanten recht ähnlich, wenn es naß ist (ich habe eines der Stücke gesehen, die in Birmingham gemacht werden); und in den frühen Tagen der Diamantenjägerei wurde damit viel Schabernack getrieben. Man versteckt den präparierten »Diamanten« auf dem Sortiertisch und wartet, bis das Opfer ihn sieht. Der Spaß hatte sich schnell verbraucht, und es hatte keinen Zweck, einen alten Hasen zum Narren halten zu wollen, aber ab und zu wurde einem Neuankömmling übel mitgespielt; dessen Ausdruck unterdrückter Aufregung beim Anblick des Steines (möglicherweise seines ersten) war köstlich anzusehen. Es gibt die Geschichte von einem gewissen Holländer, der eines Morgens in seinem oberen Sieb einen Diamanten von sechzig Karat fand. Mynheer steckte ihn schnell ein, und da der Besitz eines so großen Diamanten damals großen Reichtum bedeutete, ließ er sich nichts anmerken, sondern spannte seinen Wagen an und kehrte nach Hause zurück mitsamt seinem großen Alaunschatz. Wo, wann und wie er die Wahrheit entdeckte, weiß des Sängers Lied nicht, aber man sagt, er sei niemals in die Minen zurückgekommen und habe jedes Interesse an Diamantenspekulationen verloren.

Fossor
Twelve Months at the South African Diamond Fields
London 1872
Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Südafrika 1497 – 1990
Wien 2000

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!