Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1867-1870 - Carl Mauch
Goldfelder in Transvaal

Bei der Rückkehr von einer kleineren Jagdpartie an den Limpopo führte mich am 15. Februar 1866 der Zufall mit dem Elefantenjäger Hartley zusammen.
    Wir hatten nur wenige Minuten miteinander gesprochen, wobei ich ihm meine Pläne und Wünsche einigermaßen auseinandersetzte, als er mich einlud, ihn auf seinem nächsten Zuge ins Matebele-Land zu begleiten; dort, meinte er, sei ein Feld der Tätigkeit für mich. Ich bat um Bedenkzeit, kam aber zu dem vorauszusehenden Entschlusse, den aus freien Stücken gemachten bedingungslosen Antrag des berühmten Jägers anzunehmen.
    Mit der ersten Reise in seiner Gesellschaft trat ich in die zweite Klasse der Reiseschule ein; mit ihm und von ihm lernte ich die jedem Neuling einwohnende Furcht vor den Bestien der Wildnis verlieren, lernte insbesondere auch, wie man sich gegen die Eingeborenen zu benehmen habe.
    Ein hoher Fünfziger, hat er mehr als die Hälfte seiner Jahre auf der Jagd zugebracht und ist bei allen Kafferstämmen zwischen dem Kaplande und dem Zambesi, der Ostküste und dem Ngami-See als »Oud Baas« bekannt, in seiner Begleitung ist man bei Mosilikatse, der ihn seinen »alten Freund« nennt, vollkommen sicher.
    Mit Hartley unternahm ich 1866 die erste, 1867 die zweite Reise. Ihre Ausdehnung war sehr bedeutend, denn sie umfaßte acht Breitengrade.
    Meine Ausrüstung für geographische Beobachtungen war eine sehr ärmliche und beschränkte sich auf einen kleinen guten Taschenkompaß; freilich ist es auch eine gefährliche Sache, wissenschaftliche Instrumente in Mosilikatses Lande zu gebrauchen oder sehen zu lassen, sogar Skizzieren, Mineraliensammeln mußte geheim, in Abwesenheit der uns begleitenden Matebele oder bei solitären Wanderungen geschehen; für alle meine Effekten und Sammlungen hatte ich nur über eine einzige kleine Kiste zu verfügen.
    Im Jagdbezirke angekommen sah ich es weniger als meine Aufgabe an, an der Jagd auf Elefanten teilzunehmen, obwohl mir auch dieses Waidwerk nicht fremd blieb, vielmehr suchte ich, jede Begleitung vermeidend, die Gesteinsarten, die Vegetation, den Lauf der Flüsse und den Zug der Bergketten kennen zu lernen und aufzuzeichnen. Da die Matebele bis dahin noch nichts von der Beschäftigung eines Reisenden oder Naturforschers wußten und ich deshalb leicht in den Verdacht hätte kommen können, ich wolle ihr Land ausspionieren, so galt es, die Wachsamkeit der von ihrem Herrscher Mosilikatse der Jagdpartie mitgegebenen Führer zu täuschen, und dies gelang so vortrefflich, daß ich für geisteskrank erklärt wurde und dadurch gewissermaßen Freiheit behielt, Steine und Pflanzen »aufzuheben und wieder wegzuwerfen«.
    Am 27. Juli [1867] brachte mir Herr Hartley die Nachricht, daß er, einem angeschossenen Elefanten folgend, an mehreren Gruben, in Quarz angelegt, vorbeigekommen sei und daß er vermute, die früheren Bewohner des Landes hätten hier ein Metall ausgegraben, was das aber für ein Metall gewesen sei, habe er noch nicht herausfinden können. Nach der Beschreibung Hartleys mußte ich die Örtlichkeit von unserem Lagerplatz in einem Tage erreichen können, und so machte ich mich denn am nächsten Tage, mit meinem Hammer versehen, auf, um in der angegebenen Richtung suchen zu gehen. In einer Entfernung von 4,5 englischen Meilen passierte ich einen kleinen Bach, dessen Gerölle und Sand von einem talkigen Gneisgestein herrührte; auf dem andern Ufer betrat ich eine große kahle Stelle aus Brackgrund, auf der sich in 1,5 Meilen Entfernung über der abgebrannten schwarzen Landschaft eine weiße Linie scharf abzeichnete, die sich bei meiner Annäherung als eine Quarzader erwies, die stellenweise mehr als 4 Fuß hervorragte. Bald kam ich in ihre Linie, und wenige Schritte längs derselben brachten mich zu einer Stelle, die ich als einen Schmelzplatz erkennen mußte. Sie hatte etwa 10 Fuß im Durchmesser und enthielt Schlacken, Quarzsteine, Stücke tönerner Röhren, Asche und Kohlen. Etwa 50 Schritt davon fanden sich einige Gruben von 4 bis 5 Fuß Tiefe, in Weitungen der Quarzader angelegt, und noch etwas weiter eine solche von 10 Fuß Tiefe, die jedoch 2 Fuß tief mit Wasser angefüllt war, was wahrscheinlich das Weitergraben der Eingeborenen verhindert hatte.
    Beim Untersuchen einiger herausgeholter Steine fand ich Bleiglanz mit geringem Silbergehalt, ungemein glänzend, und »Gold«. Nun blickte ich nach dem Streichen der Ader und machte meine Spekulationen darüber, die sich später bestätigten. Höchlichst erfreut steckte ich meinen Hammer in den Gürtel, nahm das Gewehr auf die Schulter und rannte mehr, denn ich ging, nach dem Lager zurück, um diese freudige Botschaft mitzuteilen.
    Am 29. Juli frühmorgens kehrte ich nach der Lokalität zurück, ging über die N 35 °O streichende Ader in südöstlicher Richtung weiter und gelangte nach 20 Minuten zu einem starken Bache, in dessen Sand ich feine, goldartig glänzende Teilchen entdeckte. Nach Überschreitung dieses Baches fand ich auch bald die von Hartley mir bezeichneten Ausgrabungen. Sie sind in regelloser Richtung angelegt, bald hier, bald dort; der Quarz, der ein Lager zu bilden scheint, umgekehrt und umhergeworfen; in der Nähe des Baches fand ich eine größere Vertiefung, welche wahrscheinlich dazu bestimmt war, in einer Goldwäscherei das Metall abzusondern.
    Die Gruben befinden sich auf einem 2 Meilen langen und 1,5 Meilen breiten Gebiete, in dessen nordöstlichem Teile eine regelmäßige Ader bis zur Tiefe von 6 Fuß ausgearbeitet, jedoch schon wieder mit so viel Erde bedeckt ist, daß bereits Bäume von 7 Zoll Dicke darauf stehen. Gneis bildet die Basis des Goldfeldes, Granit tritt bald »boulderartig«, bald in Kuppen von 150 Fuß Höhe auf. Diorit zeigt sich in kleineren Trümmerhaufen und ist von einem grünlich-grauen Dioritschiefer begleitet; auch findet sich viel Alluvialboden und am südwestlichen Ende ein Konglomerat; an manchen Stellen wird Glimmerschiefer sichtbar. Nordöstlich befindet sich eine große Fläche brackartigen Grundes, von weißlich-gelbem Kalkstein herrührend, ohne Bäume und Büsche, überhaupt ist der Busch hier sehr licht. Übrigens stand das hohe Gras einer noch genaueren Untersuchung des Goldfeldes im Wege.
    Nach der Rückkehr von der zweiten Reise sah ich mich imstande, ein Gebiet zu beschreiben und kartographisch darzustellen, von dem man bisher kaum den Namen gekannt hatte. Zugleich konnte ich mit der Entdeckung zweier Goldfelder in die Öffentlichkeit treten. Jetzt aber sah ich mich auch in die Alternative versetzt, entweder die gemachten Entdeckungen auszubeuten und meinem früheren Plane untreu zu werden, oder aber mich zu entschließen, pekuniäre Interessen hintansetzend, in meinen Forschungen fortzufahren. Inzwischen war auch Nachricht von Geldmitteln eingelaufen, die mir aus der Heimat gesendet worden waren. Ich entschloß mich besonders in Hinsicht auf diese Unterstützung zur Fortsetzung der Reisen, anstatt mich an die Spitze einer goldsuchenden Gesellschaft zu stellen, welche mit dieser Aufforderung an mich herantrat. Teils entsprach die Fortsetzung der Reisen meinen wissenschaftlichen Neigungen, teils überlegte ich auch, daß bei den nur oberflächlich angestellten Untersuchungen in den weit ausgedehnten goldführenden Distrikten kein sicher abzuschätzendes Resultat erwartet werden konnte und jeder Versuch, Gold zu graben, lebensgefährliche Kollision mit den Eigentümern des Goldgrundes, nämlich mit den kriegerischen Matabele, bringen mußte.
    Mittlerweile waren die einzig in ihrer Art dastehenden Diamantfelder an der Vereinigung der beiden Hauptquellflüsse des Oranje-Stromes entdeckt worden, und neben dem geographischen Interesse trieb mich auch die Hoffnung auf einen glücklichen Fund, sie aufzusuchen; ein gewerbsmäßiger Diamantsucher war ich aber nicht und wollte es auch nicht werden. Da Fortuna mir nicht günstig war, kehrte ich der Gegend den Rücken und entschädigte mich durch eine Tour nach den mittleren Partien der Transvaal-Republik, wo ich Gesteinsformationen entdeckte, die mir die Vermutung ergaben, daß sie goldführend seien, eine Vermutung, die sich seitdem bestätigt hat. Nun folgte eine zweite Reise nach den Diamantfeldern, wobei ich in der kartographischen Zeichnung des mittleren, damals noch als südwestliche Grenze von Transvaal angenommenen Hart-Flusses Berichtigungen vornahm. Mehrfache Versuche, Diamanten von Eingeborenen zu erhandeln, zerschlugen sich an den fabelhaft hohen Forderungen; so wurde für einen kleinen, nicht einmal reinen Diamanten von 2 bis 3 Karat ein Zeltwagen mit den dazu nötigen Zugtieren verlangt, für einen anderen von 68 Karat, aber irregulärer Form und ganz grünlich und flockig, 100 Stück Rindvieh, einen Wert von etwa 250 Pfund Sterling repräsentierend. An eigenes Graben nach den teuren Kleinodien konnte ich auch diesmal der nur kurzen aufwendbaren Zeit wegen nicht denken, und ich verließ die Felder ein zweites Mal unbefriedigt.
    So war der Februar 1870 herbeigekommen.
    Eine in Potschefstroom anwesende portugiesische Deputation, deren Zweck war, mit der Transvaal-Regierung einen Grenz- und Handelsvertrag abzuschließen und über einen Fahrweg von der Republik nach der den Portugiesen gehörigen Delagoa-Bay (beiläufig gesagt, dem besten Hafen Südafrikas) Vereinbarungen zu treffen, wünschte, daß ich, anstatt direkt durchs Land der Makalaka dem Zambesi zuzusteuern, vorerst einen Abstecher nach der Delagoa-Bay, resp. Lourenço Marques, mache. Ich willigte ein und brach in Begleitung eines Mitgliedes der Deputation dahin auf, indem wir den Weg über die kurz zuvor gegründete Kolonie Neu-Schottland im Südosten der Transvaal-Republik nahmen. Von diesem höchstgelegenen kohlenführenden Seedistrikt gelangte ich über die granitischen Vorberge hinab ins Tiefland zum Grenzgebirge Lobombo. Nach 22tägigem Aufenthalt auf der Höhe des wasserreichen und fruchtbaren Bergrückens überschritt ich in sechs Tagen die sumpfige, ungesunde Küstenregion bis zur Bay.
    Aufs Freundlichste vom dortigen Gouverneur empfangen und im Hause aufgenommen, widmete ich den dreiwöchigen Aufenthalt daselbst teils kartographischen Arbeiten, teils Besuchen der Umgegend, unter anderem der jetzt in Besitz der Engländer gekommenen Insel Inyak, des Schlüssels zur Bay. Ein Versuch, von hier aus direkt in nordwestlicher Richtung ins Innere vorzudringen, scheiterte. Zum ersten Male nämlich hatte mich das Wechselfieber ergriffen, und zwar in Verbindung mit einem unfreiwilligen Radikalfasten von acht Tagen Dauer. Acht Tage brachte ich zu ohne irgendwelche Nahrung als das spärliche Fleisch einiger sogenannter Kaffer-Orangen (einer strychninartigen Pflanze). Mit äußerster Anstrengung der nahezu erschöpften Kräfte (ich fiel bewußtlos zu Boden, als ich die letzte Höhe fast erreicht hatte) überschritt ich die Draken-Bergkette, um in dem näher liegenden Transvaal-Dorfe Leidenburg Arznei und Pflege zu finden. Nach meiner Ankunft daselbst verfiel ich in dreitägige Bewußtlosigkeit. Unter den sorgsam pflegenden Händen eines Missionars der Berliner Gesellschaft erstarkte ich rasch wieder, und wenige Wochen darauf konnte ich bereits der Einladung eines holländischen reformierten Geistlichen, ihn auf das »Hohe Feld« zu begleiten, entsprechen. Bald fahrend, bald zu Fuße gehend erreichte ich im Oktober wieder Potschefstroom, obwohl immer noch mit dem leidigen intermittierenden Fieber behaftet, das mich durchaus nicht mehr verlassen wollte.
    Eine Kur sondergleichen befreite mich endlich von der hartnäckigen Krankheit. In einem fast verfaulten Boote mit flachem Boden unternahm ich eine Fahrt den Vaal-Fluß hinab, und zwar von der Mündung des Mooi-Flusses an bis nach Hebron in den Diamantfeldern. 21 Tage dauerte diese keineswegs ungefährliche Wasserfahrt, 33 Stromschnellen und kleinere Katarakte sowie ein Wasserfall von etwa 25 Fuß Höhe mußten passiert werden; anfänglich war der Wasserstand ein so hoher, daß ich zwischen den Gipfeln der Bäume, die auf Inseln wuchsen, dahinglitt. Meine Nahrung, die ich bei den an den Ufern wohnenden Bauern kaufte, bestand während der ganzen Dauer der Fahrt aus Milch und Brot; mit Staunen betrachteten die Leute den kecken Schiffer im gebrechlichen Fahrzeug, wenn ich so mutterseelenallein in der Mitte des Stromes dahinfuhr. Im Laufe des Vaal-Flusses konnte ich auf der Karte wieder einige Verbesserungen anbringen, leider aber waren meine Bemühungen, in den Besitz von Diamanten zu gelangen, auch bei diesem dritten Besuche vergeblich; die Rückreise nach Potschefstroom trat ich zu Fuß an.
    
Mauch, Carl
Erste Reise ins Matabele Land 1866-67
Petermanns Geographische Mittheilungen 1867

Carl Mauchs Reisen im Inneren von Südafrika 1865-72
Petermanns Geographische Mittheilungen, Ergänzungsheft Nr. 37, 1874

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hrg.)
Reisende in Südafrika 1497 – 1990
Wien 2000

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