Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1837 - Louis Trigardt
Auf dem Trek den Drakensberg hinunter

Am Samstag, den 9. Dezember, ließ Trigardt seinen Planwagen für das Gepäck den ersten Abhang hinunter. Die Stelle, wo der Abstieg begann, sieht man sehr deutlich. Es ist ein niedriger Einschnitt mit einem riesigen Stein in der Mitte, wie als Gedenkstein für dieses große Abenteuer errichtet. Die Stelle ist unheimlich und macht Angst.
    Trigardt erzählt: »Wir nahmen die Hinterräder ab und banden einen Ast unter die Achse, so daß die Nietnägel nicht irgendwo steckenbleiben oder abbrechen konnten. Es gibt eine Stelle am Berg, wo es wieder aufwärts geht; dort wollten wir eigentlich die Räder wieder anmontieren, aber weil es spät war, versuchten wir, den Wagen so hochzuziehen, wie er war. Er stieß auf einen großen Felsen, der nicht zu bewegen war. So ließen wir den Wagen an Ort und Stelle und ließen die Ochsen im Gespann aufsteigen. Ich hatte nicht gedacht, daß ein Ochse im Joch da raufklettern könnte, aber es ging über Erwarten gut.«
    Am Montag wurde Carolus' Wagen zum Beginn des ersten Steilhangs gebracht und der Packwagen auf den ersten Absatz. Uns wird erzählt: »Auf dem letzten steilen Stück des Hanges drehten wir zu eng, und die Räder erfaßten einen Felsbrocken. Wir lösten den Riem an einem Hinterrad, so daß nur ein Rad bremste. Die Ochsen rannten los, aber zum Glück kam der Wagen sicher unten an. Wir beschlossen, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein.«
    Es ist kaum zu glauben, daß man Ochsen benutzt, um einen Wagen einen so steilen Abhang hinunterzuschaffen, und man kann nur annehmen, daß ein paar Tiere eingespannt wurden, um den Wagen über den unebenen Boden zu ziehen; der Boden hat den Wagen daran gehindert, von allein nach unten zu rutschen.
    Vier Tage später wurde der nächste Wagen hinuntergebracht. Am 15. schreibt Trigardt: »Nach einer Menge Ärger bekamen wir heute nachmittag Carolus' Wagen nach unten. Wir mußten die Räder an- und dann wieder abmontieren; es gab so wenig Platz, daß wir kaum stehen oder arbeiten konnten. Wir bekamen den Wagen gut bis zum nächsten Absatz.«
    Am nächsten Tag wurde ein anderer Wagen hinuntergelassen. Es war Samstag. Am Sonntag fand Trigardt den alten Botha, wie er Äste für seinen Wagen sammelte. Er hielt ihn auf und sagte: »Ich habe ein für alle Mal beschlossen, daß am Sonntag nicht gearbeitet wird.« Aber die Umstände waren gegen Trigardt. Sie hatten ihn früher schon gezwungen, am Sonntag zu arbeiten, und das sollte wieder passieren.
    Der Montag ging darüber hin, die restlichen Wagen für den Abstieg vorzubereiten, und am Dienstag wurden Pietas und Trigardts Wagen nach unten gebracht. Es ging alles gut. Dann regnete es zwei Tage lang, und es war Freitag, als der Abstieg von Mrs. Scheepers' Wagen begann. Uns wird erzählt: »Als wir ein Stück geschafft hatten, brach der Voortang in der Achse. Wir nahmen für sie das Zelt und das Seitengeländer vom Wagen, so daß sie ihre Sachen vor dem Regen schützen konnte, und halfen dann mit den wichtigsten Dingen. Zum Glück befand sich der Wagen schon in der unteren Hälfte des Hanges, so daß wir alles schnell ausladen konnten.«
    Am Samstag, den 23. kam der letzte Wagen unten an.
    Am Weihnachtstag passierte etwas sehr Unerfreuliches. Früh am Morgen bemerkten die Alten zu ihrer Bestürzung, daß drei ihrer kleinen Tunichtgute - Jungs von etwa 16 Jahren - verschwunden waren und, schlimmer noch, daß sie nicht mit leeren Händen gegangen waren. Jedem fehlte etwas. Jeder Junge hatte ein Gewehr gestohlen, sogar das von Carolus mit Gurt und Munition war verschwunden. Das war schon schlimm genug, aber dazu kam noch, daß man fürchtete, die drei Losgelassenen würden von Pieta (der beim Vieh wachte) Pferde stehlen. Carolus schäumte vor Wut, wie von einem reizbaren Buren nicht anders zu erwarten, dem Gewehr und Munition abhanden gekommen sind. Er stieß die fürchterlichsten Drohungen aus. Einem würde er das Ohr abschneiden und die beiden andern totschlagen.
    Es war klar, daß aus Mitleid mit seiner Mutter der junge Koort Scheepers nur ein Ohr verlieren sollte, aber die Jungs Botha und Albagh sollten die größte Strafe erleiden. Carolus tobte so, daß er den alten Botha mit seinen Drohungen mächtig aufbrachte; es ging hoch her.
    Trotzdem gab es aber nur einen halbherzigen Versuch, den Entlaufenen nachzusetzen, nachdem sich herausgestellt hatte, daß sie sich nicht an den Pferden vergriffen hatten.
    Vier Tage später kamen die jungen Lümmel zurück. Sie hatten versucht, in die alte Heimat zurückzukehren, aber sehr schnell hatte den jungen Botha das Heimweh nach der Familie überkommen, und er weinte die ganze Nacht nach seinen Eltern. Das war ansteckend gewesen, und der junge Albagh hatte mitgeweint.
    Der handfeste Koort Scheepers, als Sohn seiner Mutter, blieb fest und wollte nichts von Umkehr wissen; aber er hatte keine Wahl, als die anderen sich geschlagen gaben. Die Jungs brachten alles zurück, was sie mitgenommen hatten, und zweifelsohne war etwas in ihrem Auftreten und ihrer Haltung, das Trigardt für sie einnahm. Als er über sie richten und das Strafmaß festsetzen sollte, sagte er: »Da sie aus eigenem freien Willen zurückgekommen sind und alles wiedergebracht haben, was sie mitgenommen haben, vergebe ich ihnen.«
    Aber Trigardt sollte nicht der letzte Richter sein. Da war noch mit Tante Scheepers zu rechnen. Die gute Seele war nicht zufrieden, bis ihrem großen Sohn Koort eine kräftige Tracht Prügel verabreicht worden war. Carolus und einige andere mußten ihn festhalten - man kann sich vorstellen, daß sie und insbesondere Carolus das mit Vergnügen taten -, und sie schwang selbst die Peitsche. Ihrem guten Beispiel folgend, bekamen die beiden anderen auch eine Tracht Prügel, und Carolus benutzte die Gelegenheit, seine Wut mit einem kräftigen Schlag in Albaghs Gesicht abzureagieren. Trigardt fragte ihn, wie er dazu käme. Darauf antwortete Carolus, daß der Mischling zu großmäulig sei. »Strafe«, sagte Trigardt, »soll am besten den Eltern überlassen bleiben. Sie haben das Recht, ihre Kinder nach ihren eigenen Vorstellungen zu bestrafen.«
    Trigardt gibt keinen Hinweis darauf, wo das Vieh oben auf dem Berg weidete oder wie man es heruntergebracht hat. Aus dem Zusammenhang kann man jedoch schließen, daß sie auf dem zweiten und dritten Absatz grasten und Trigardt immer wieder für etwa einen Tag beim Vieh war und Pieta half. Und so schreibt er am 28.: »Ich habe Pieta gesagt, daß ich nachsehen würde, wie die Arbeit weitergeht. Als ich zu den Wagen kam, stellte ich fest, daß kein Handschlag getan worden war, nur ein paar Steine waren unnötigerweise beiseite gerollt worden.« Bei den Wagen traf Trigardt einen Iduna [Zulukrieger], der verkündete: »Mein Häuptling hat mich geschickt, um Euch zu sagen, daß Sekwati [ein anderer Häuptling] Euch nachspioniert und daß wir Fallen gefunden haben, die Sekwatis Leute in den Bergen gestellt haben.« Trigardt schreibt: »Ich kam aber zu einem ganz anderen Schluß. Ich glaube, sein eigener Häuptling hat mein Vieh gestohlen, und ich warnte den Iduna, daß ich es wiederbekommen würde, wo es auch sei.«
    Am ersten Januar zogen Trigardt und Pieta mit der Herde zum untersten Hügel, und dort traf sie am nächsten Tag der Häuptling und bot an, sie zu Weideplätzen zu führen. Als Geschenk brachte er eine Kalebasse Maisbier und versprach mehr davon für den nächsten Tag. Erst am folgenden Montag ging Trigardt zurück zu den Wagen am Berg.
    Das Vorrücken der Wagen zum Wasserfall bildete die zweite Stufe des Abstiegs. Im Tagebuch werden keine Schwierigkeiten erwähnt. Zuerst mußten die Wagen durch den Einschnitt in der höchsten »Klip Bank« hinunter und dann durch das zweite steile Stück auf den zweiten Absatz, von da zum Yellow Hill und um den herum zu der Seite, wo der Wasserfall ist.
    Am Samstag, den 6. wurde Carolus' Wagen den zweiten Steilhang heruntergebracht, aber es fing an zu regnen, und sie konnten nichts weiter erreichen. Am 10. ließen sie fünf weitere Wagen herunter, aber es regnete wieder und der Boden wurde zu schlüpfrig, um die letzten beiden Wagen herunterzubringen. Das passierte am 13., und an diesem Tage wurden alle Wagen vom zweiten Absatz zum Wasserfall geschafft. Obwohl der nächste Tag ein Sonntag war, ging der Treck durch den Fluß und die Wagen kamen bis auf den flachen Gipfel des Hill of the Huts. Man kann sich gut vorstellen, daß diese Sonntagsarbeit nicht zu vermeiden war, denn am Wasserfall vom Yellow Hill gab es keinen ebenen Platz für einen Wagen, geschweige denn für neun.
    Wenn man den Berg herabsteigt, findet man an der »Klip Bank« die erste sichere Spur des Zuges. Vor der Kluft befindet sich ein ebener Einschnitt, der zeigt, daß sie mit vollem Einsatz gearbeitet hatten, nachdem Trigardt wieder bei ihnen war. Von hier steigt man über stufenartige Felsen ab, aber auf der rechten Seite ist eine aus Steinen gebaute Mauer, die, sorgfältig aufgestapelt, für fast ein Jahrhundert an Ort und Stelle geblieben sind [der Autor hat Trigardts Tagebuch 1932 veröffentlicht]. Viele dieser Steine können nur zwei Mann bewegt und dort abgesetzt haben. Man sieht auf den ersten Blick, daß sie als Stützmauer für Erde und Steine gedacht waren, die entfernt wurden, damit die Wagen auf dem dann blanken Fels herunterrutschen konnten.
    Sobald auf dem Hill of the Huts ausgespannt war, wurde eingehend erörtert, wie man von diesem Absatz weiter kommen konnte. Die Trecker mußten entscheiden, ob sie die bisherige Richtung weiterverfolgen oder durch die Waldschlucht hinter ihnen ziehen wollten, die Jan, Botha und Trigardt schon einmal untersucht hatten.
    Hier kommen wir zu einem der merkwürdigen Einträge, die so schwer zu verstehen sind. Man liest: »Wir mußten uns entscheiden zwischen dem Weg, den Jan gefunden hatte, und dem, auf dem wir waren. Der Weg, dem Jan folgen will, würde einen zweitägigen Abstieg bedeuten, während unserer nur ein sehr kurzer steiler Hang ist. Wir entschlossen uns dann, den Weg über die Waldschlucht zu nehmen.«
    Was mit der Waldschlucht gemeint ist, durch die sie ihren Weg nahmen, steht fest, denn es ist nicht nur viel vom Pfad erhalten, sondern der Einschnitt in den Erdwall ist noch zu sehen, wo eine scharfe Biegung gegen den Hang gemacht werden mußte, um in das obere Ende der Schlucht zu gelangen. Am 15. Januar hatten sie mit dem Pfad begonnen, und am 22. war er fertig. Am zweiten Tag der Arbeiten kamen 30 oder 40 Eingeborene zu Hilfe und entfernten lose Steine, und einen oder zwei Tage später machte eine andere Gruppe das gleiche.
    Am Tag nach der Fertigstellung des Pfades wurden vier Wagen hinuntergelassen. Und nach vier Tagen waren alle neun am Viehpferch. Vom Ende der Waldschlucht lief der Pfad entlang dem Nordhang von Lorrainkop Ridge - Trigardts »Last Hill« - bis zum niedrigsten Punkt des Rückens, etwa auf halbem Wege, und dort überschritten sie den Hügelrücken und kamen die letzten paar Hundert Fuß hinunter. Das Ende dieses Teils des Trecks, der der anstrengendste gewesen war, wird von Trigardt mit den folgenden Worten zusammengefaßt: »Es sind jetzt gerade zwei Monate und zehn Tage her, daß wir die Überquerung der Berge begannen. Wären wir nicht durch schlechtes Wetter behindert worden, hätte es nicht einmal halb so lange gedauert. Heute ist in der Tat der glücklichste Tag in all unserem Elend.«

Fuller, Claude
Louis Trigardt's Trek Across the Drakensberg
Edited by Leo Fouché
Cape Town 1932
Kürzung und Übersetzung: U. Keller
Mit freundlicher Genehmigung der Jan van Riebeeck Society, Kapstadt

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Südafrika 1497 – 1990
Wien 2000

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