Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1824 - Henry Francis Fynn
Reise zu König Shaka
KwaZulu Natal

Ich kann gleich hier bemerken, daß die Entfernung vom Hafen [Port Natal, heute Durban] bis zu Shakas Residenz 200 Meilen betrug. Jede Tagesreise wurde vom Mbikwana festgelegt, und wir kamen nur sehr langsam vorwärts. Später stellte sich heraus, daß er uns nicht den direkten Weg hatte nehmen lassen, sondern uns zu den Krals von Unterhäuptlingen und einigen von Shakas Garnisonen brachte. An manchen Tagen wurde zwei- oder dreimal Vieh geschlachtet. Eine Anzahl von Zulus schloß sich unserem Zug an, um Mbikwanas Volk das Leben leichter zu machen. Wir waren baß erstaunt über die Ordnung und Disziplin im ganzen Lande. Die Garnisonen, insbesondere deren vornehmerer Teil, zeigten deutlich, wie wichtig Sauberkeit genommen wurde - nicht nur innen waren die Hütten sauber, auch draußen fanden sich kaum Schmutz oder Asche.
   Auf der Reise sahen wir häufig große Gruppen mit merkwürdig angezogenen Männern in der Mitte, die zu lehren schienen, und bei mehreren Gelegenheiten sahen wir, wie einzelne Männer ergriffen, weggebracht und getötet wurden. Diese grotesk wirkenden Männer, so wurde uns gesagt, seien Hexenaustreiber, und die zum Tod Ausgesonderten seien Übeltäter.
   Drei- oder viermal am Tage wurden Boten zwischen Shaka und Mbikwana hin- und hergeschickt, wobei Shaka nach unserem Reiseverlauf fragte und zweifellos angab, wie wir vorrücken sollten, damit unsere Ankunft mit seinen Vorbereitungen für unseren Empfang übereinstimmte. Wir hatten so 13 Tage für die 200 Meilen auf dem Weg herumgebummelt, als uns gemeldet wurde, Shakas Residenz sei nur noch 15 Meilen weit weg. In dieser Nacht war es um unser Lager sehr lebendig. Viehherden wurden vorbeigetrieben, Soldatenregimenter passierten in unmittelbarer Nähe oder auf den benachbarten Hügeln, auch einige Frauenbataillone dazwischen, die in militärischer Uniformität mit Perlen und Messing geschmückt waren und auf ihren Köpfen große Gefäße mit Bier, Milch und fertig gekochtem Essen trugen. Die Vorstellung des Empfangs, dessen wir morgen teilhaftig werden sollten, versetzte uns in ziemlich aufgeräumte Stimmung. Farewell und Petersen versicherten sich gegenseitig ihrer Zuneigung und Wertschätzung unter Entschuldigungen für vergangene Meinungsverschiedenheiten.
   Erst um zehn Uhr am nächsten Morgen wurden wir aufgefordert, uns in Bewegung zu setzen. Nach etwa zwei Stunden kamen wir auf einen Höhenrücken, von dem wir in eine große und sehr malerische Senke sahen, von einem Fluß durchflossen, der Umfolozi (richtiger wohl Umhlathuze) heißt.
   Wir wurden aufgefordert, unter einer großen Euphorbia haltzumachen, von wo aus wir ungefähr eine Meile voraus die Residenz sahen: einen Eingeborenenkral mit einem Umfang von fast zwei Meilen.
   Während wir warteten, gingen Boten zwischen Mbikwana und Shaka hin und her. Schließlich kam einer und forderte, daß Mr. Farewell und ich vorrücken sollten, Mr. Petersen und unsere Diener und eingeborene Begleitung aber, die Shakas Geschenk trugen, sollten bei der Euphorbia bleiben. Mbikwana und etwa 20 seiner Leute kamen mit uns.
   Als wir den Kral betraten, sahen wir etwa 80.000 Eingeborene, die in Kriegsausrüstung aufmarschiert waren. Mbikwana forderte mich auf, im Kreis herumzugaloppieren, und sobald ich dem Pferd die Sporen gab, erhob sich ein brausender Ruf aus der Masse, und alle zeigten mit ihren Stöcken auf mich. Zwei- oder dreimal sollte ich den Kreis reiten unter dem kolossalen Geschrei der Worte »Ujojo wokhalo!« (Aufgeweckter Bergfink). Mr. Farewell und ich wurden dann von Mbikwana zum oberen Teil des Krales geführt, wo die Menschenmassen dichter als anderswo waren. Die ganze Truppe blieb regungslos, wie überhaupt seit Beginn des Empfangs.
   Mbikwana stand zwischen uns und sprach einen Unbekannten in langer Rede an, in dessen Verlauf er uns häufig aufforderte, »Yebo« zu antworten, das heißt, alles als wahr zu bestätigen, obwohl wir natürlich nicht wußten, was er gesagt hatte.
   Während dieser Rede sah ich jemanden, von dem ich glaubte, es sei Shaka, drehte mich zu Farewell um, zeigte auf den Mann und sagte: »Farewell, da ist Shaka.« Shaka konnte das hören und merkte, daß ich ihn erkannt hatte. Sofort hob er seine Hand und zeigte zustimmend mit dem Finger auf mich. Farewell, kurzsichtig und Brillenträger, konnte ihn nicht sehen.
   Es wurden Stoßzähne von Elefanten gebracht. Einer wurde vor mich, einer vor Farewell gelegt. Dann hob Shaka den Stock in seiner Hand, schlug damit links und rechts, und die Menschenmasse änderte Position und bildete Regimenter. Ein Teil jedes Regiments eilte zum Fluß und auf die Hügel um uns herum, der Rest bildete einen Kreis und begann - mit Shaka in der Mitte - zu tanzen.
   Es war ein aufregendes Bild, überraschend für uns, die wir uns nicht hatten vorstellen können, daß eine Nation von sogenannten »Wilden« so diszipliniert und kontrolliert sein kann.
   Mädchenregimenter mit weiblichen Offizieren kamen dann in die Mitte der Arena, etwa 8.000 bis 10.000, jede mit einem leichten Stab in der Hand. Sie machten bei dem Tanz mit, der etwa zwei Stunden dauerte.
   Dann näherte sich Shaka, offensichtlich, um unseren Beifall entgegenzunehmen.
   Der König kam zu uns und sagte, wir sollten vor seinen Leuten, die sich nun in kleinen Gruppen näherten und Vieh vor sich her trieben, keine Angst haben. Die Männer sangen und tanzten und bewegten sich dabei vor und zurück wie die Brandung am Strand. Soweit das Auge reichte, war das ganze Land voll von Leuten und Rinderherden. Das Vieh war nach Farbe sortiert.
   Nachdem so die Tiere zwei Stunden lang vorbeigetrieben worden waren, kamen die Leute in einem Kreis zusammen und sangen und tanzten zu ihrem Kriegsgesang. Dann kehrten sie zu ihrem Vieh zurück, zeigten es noch einmal und tanzten und sangen immer wieder. Dann kamen die Frauen in den Kral, jede mit einem langen dünnen Stab in der rechten Hand, den sie im Rhythmus des Gesanges bewegte. Sie hatten noch nicht lange getanzt, da mußten sie Platz machen für die Damen des Harems und etwa 150 andere, die Schwestern genannt wurden. Diese tanzten in Achtergruppen zu je vieren, wobei jede Gruppe Perlenschnüre unterschiedlicher Farbe trug, die über Kreuz von den Schultern bis zu den Knien gingen. Jede trug einen Kopfputz von schwarzen Federn und vier schmale Messingringe um den Hals.
   Als der König am Tanz teilnahm, wurde er von den Männern begleitet. Der Tanz dauerte eine halbe Stunde. Die eingehaltene Ordnung und die Genauigkeit der Bewegungen wurden uns von seinem Dolmetscher Hlambamanzi erklärt. Er wollte von uns wissen, ob wir je irgendwo so eine Ordnung gesehen hätten, versicherte, daß er der größte König sei, den es gäbe, daß seine Leute zahlreich seien wie die Sterne und daß er so viel Vieh habe, daß man es nicht zählen könne.
   Dann zerstreuten sich die Leute, und er wies einen Häuptling an, uns zu einem Kral zu bringen, wo wir unser Zelt aufstellen konnten. Er schickte uns ein Schaf, einen Korb Getreide, einen Ochsen und einen Topf Bier von etwa drei Gallonen.
   Um sieben Uhr feuerten wir vier Raketen ab und acht Gewehre. Shaka schickte Leute um zuzuschauen, kam aber aus Angst selbst nicht aus seiner Hütte. Am folgenden Morgen wurden wir aufgefordert, aufzusitzen und zum Königsquartier zu kommen. Wir fanden ihn unter einem Baum sitzend, wo er dabei war, sich festlich zu schmücken; er war von etwa 200 Leuten umgeben. Ein Diener kniete an seiner Seite und hielt einen Schild über ihn, um die Sonne abzuhalten. Um seinen Kopf trug er einen Turban von Otterfell, vorn mit einer aufrecht stehenden Kranichfeder, ganze zwei Fuß lang, und einem Kranz von scharlachroten Federn, die früher nur von Männern hohen Ranges getragen wurden. Ohrgehänge aus getrocknetem Zuckerrohr mit geschnitztem Rand, weißen Enden und etwa zwei Zentimetern im Durchmesser steckten in den Ohrläppchen, die zu diesem Zweck durchstochen waren. Über den Schultern trug er 12 Zentimeter lange Bündel von Affen- und Ginsterkatzenfellen, aufgedreht wie Tierschwänze, die den halben Körper herabhingen. Um den Ring oder Turban auf dem Kopf trug er ein Dutzend geschmackvoll arrangierte Federn vom Turako, sorgfältig an Dornen gebunden, die im Haar steckten.
   An seinen Armen trug er weiße Büschel von Ochsenschwänzen, in der Mitte aufgeschnitten, so daß sie um den Arm herumhingen, vier an jedem. Um die Taille trug er einen Rock aus Affen- und Ginsterkatzenfell, gedreht wie vorher beschrieben, oben mit kleinen Quasten. Der Rock reichte bis zu den Knien, unter denen weiße Ochsenschwänze befestigt waren; diese reichten bis zu den Knöcheln. Er trug einen weißen Schild mit einem einzigen schwarzen Fleck und einen Speer. So ausgestattet, war er eine vortreffliche und sehr kriegerische Erscheinung.
   Während er sich ankleidete, präsentierten seine Leute wie am Tag zuvor ihre Viehherden, deren immer noch mehr wurden, und variierten die Szene mit Singen und Tanzen. Dazwischen beobachteten wir, wie Shaka Befehl gab, einen Mann in unserer Nähe zu töten; wir konnten nicht in Erfahrung bringen warum, aber uns wurde bald klar, daß dies häufig vorkam.
   Die Abteilungen von Kriegern, die sich vor dem Tanz entfernt hatten, kehrten nun vom Fluß und von den Bergen zurück und trieben ungeheuer große Viehherden vor sich her. Jetzt gab es eine große Viehschau. Jedes Regiment trieb uns Tausende von Rindern entgegen, die zu ihnen gehörten; die Farben der Tiere und der Schilde, die die Männer trugen, paßten zueinander - so wurden die Regimenter unterschieden. Abweichungen in der Farbe der Tiere gab es nicht. Es gab Herden von Tieren ohne Hörner, andere mit Überhängen, 10 bis 15 cm lang, die einen erheblichen Teil des Körpers bedeckten. Die Tiere anderer Herden hatten je vier, sechs, oder acht Hörner. Diese Vorstellung dauerte bis Sonnenuntergang, zeitweise mit Tanz; dann schlugen wir vor, unsere Zelte aufzustellen. Ein Mann wurde abgestellt, uns einen Lagerplatz zuzuweisen. Zu Farewells großer Überraschung stellte sich heraus, daß dieser Mann Jacob war, sein Dolmetscher, der im Jahr vorher in St. Lucia gelandet war, als Farewell alle seine Boote verloren hatte und alle Seeleute ertrunken waren. Jakob war zu Shaka gebracht worden, der ihn auf der Stelle als Wache für seinen Hof einstellte.
   Zwei Ochsen wurden für uns geschlachtet. Nach dem Essen wollten wir uns zur Ruhe begeben, aber Boten von Shaka forderten uns auf, mit Jakob als Dolmetscher zu ihm zu kommen. Ich wurde dann in den Harem geführt, wo ich Shaka in einem geschnitzten Stuhl sitzend vorfand, umgeben von etwa 400 Mädchen, zwei oder drei Häuptlingen und zwei Dienern, die ihm aufwarteten.
   Mein Name Fynn war von den Leuten zu Sofili geändert worden; so sprach Shaka mich mehrere Male im Laufe des folgenden Gespächs an:
   »Ich höre, Du kommst von umGeorge [um bezeichnet in der Zulusprache einen Menschen], ist das so? Ist er ein so großer König wie ich?«
   Fynn: »Ja; König George ist einer der größten Könige in der Welt.«
   Shaka sagte: »Ich bin Dir sehr böse«, während er sehr ernst dreinblickte. »Ich werde einen Boten zu umGeorge senden und ihn auffordern, Dich zu töten. Er hat Dich nicht hergeschickt, damit Du meinen Hunden Medizin gibst.« Alle Anwesenden applaudierten zu diesen Worten. »Warum hast Du meinen Hunden Medizin gegeben?« (Das bezog sich auf eine Frau, die ich vom Tode zum Leben zurückgebracht haben sollte.)
   Fynn: »In unserem Land hilft man jedem, der Hilfe braucht, wenn man es kann.«
   Shaka: »Bist Du also ein Hundedoktor? Du bist geschickt worden, um mein Doktor zu sein.«
   Fynn: »Ich bin kein Doktor, und meine Landsleute halten mich auch nicht für einen.«
   Shaka: »Hast Du Medizin bei Dir?«
   Fynn: »Ja.«
   Shaka: »Dann heile mich, oder ich schicke Dich zu umGeorge, damit er Dich tötet.«
   Fynn: »Was fehlt Dir?«
   Shaka: »Das mußt Du herausfinden.«
   Fynn: »Steh auf und laß mich Dich betrachten.«
   Shaka: »Warum sollte ich aufstehen?«
   Fynn: »Damit ich herausfinden kann, was Dir fehlt.«
   Shaka stand auf, mochte es aber offensichtlich nicht, daß ich ihm nahe kam. Einige Mädchen hielten brennende Fackeln hoch. Ich betrachtete ihn, und nachdem ich wußte, daß er den ganzen Tag sehr aktiv gewesen war, nahm ich an, daß ihm nichts Ernstliches fehlte. Ich bemerkte jedoch zahlreiche schwarze Flecken an seinen Lenden, wo Medizinmänner ihm Narben beigebracht hatten, und sagte ihm auf den Kopf zu, er habe dort Schmerzen. Shaka hielt sich die Hand vor den Mund vor lauter Erstaunen, worauf alle meiner Weisheit applaudierten. Shaka wies mich dann streng an, seinen Hunden keine Medizin zu geben, und nach ein paar Allgemeinplätzen, die seine gute Laune zeigten, war ich entlassen.
   Wenige - wenn überhaupt jemand - in der Zuluarmee fanden Schlaf in jener Nacht. Große Mengen an Rindern wurden geschlachtet, und das Land rundum war von Feuern erhellt, um die sich Leute scharten.
   Der folgende Tag war von Shaka dazu bestimmt, unser Geschenk in Empfang zu nehmen, das glücklicherweise von Farewell ausnehmend gut gewählt war, um es einem so wichtigen Häuptling wie Shaka zu präsentieren. Es bestand aus jeder Art von Perlen, die in Kapstadt erhältlich gewesen waren, und viel besser als die, die Shaka von den Portugiesen in Delagoa [heute Maputo] erhalten hatte. Dann gab es eine große Auswahl an Wolldecken, geformte und lackierte Messingstangen und Kupferblech, dazu Tauben, ein Schwein, Katzen und Hunde. Darüber hinaus gab es noch einen Galauniformrock mit Goldepauletten. Obwohl Shaka keine offene Dankbarkeit zeigte, war doch klar, daß er zufrieden war. Er war sehr an den lebenden Tieren interessiert, besonders dem Schwein, bis es in den Milchkammern größeres Unheil anrichtete und der ganze Harem um Hilfe schrie. Es endete damit, daß das Schwein geschlachtet wurde.
   Die Vorführung des Viehs und das Tanzen dauerten den ganzen Tag, und es trafen noch andere Regimenter ein, die von weither gekommen waren und nun am Tanz teilnahmen. Unter den Dingen, die wir mitgenommen hatten, waren auch Feuerwerksraketen, die wir bisher nicht gebraucht hatten. Bei der Rückkehr zum Lager - es war schon dunkel - feuerten wir sie ab, nachdem wir Shaka vorher darüber informiert und ihn aufgefordert hatten, seine Leute in den Himmel schauen zu lassen. Die Überraschung war groß; ich bezweifle jedoch, daß es angebracht ist, nach so kurzer Bekanntschaft zwischen Weiß und Schwarz unwissenden Eingeborenen solche Wunder zu zeigen. Als wir mit Shaka darüber sprachen, warum wir nach Natal gekommen seien, zeigte er großes Verlangen, daß wir am Hafen leben sollten. Jeden Abend sandte er nach mir und unterhielt sich drei oder vier Stunden mit mir mit Hilfe von Jacob, dem Kaffer.
   Am ersten Tage unseres Aufenthalts hatten wir gesehen, daß nicht weniger als zehn Männer getötet wurden. Auf ein bloßes Zeichen von Shaka hin, nur ein Zeigen mit dem Finger, wurde ein Mann von den Umstehenden ergriffen, sein Hals umgedreht, Kopf und Körper geschlagen mit Stöcken, deren Knauf bei manchen die Größe einer Männerfaust erreichte. Auch an den folgenden Tagen wurden Männer umgebracht. Ihre Leichen wurden zu einem nahen Hügel getragen und dort aufgespießt. Am vierten Tag besuchten wir den Platz. Es war wahrlich ein Golgatha, von Hunderten von Geiern umschwärmt. Dieser Anblick und die Tötungsszenen brachten Mr. Petersen zu dem Entschluß, die Partnerschaft aufzukündigen und zum Kap zurückzukehren.
   Am Nachmittag des fünften Tages schickte Shaka nach mir und forderte mich auf, mit einigen seiner Diener einen weiter entfernten Kral aufzusuchen, wo der Häuptling umPangazitha krank darnieder lag. Ich ging hin und fand ihn mit hohem Fieber. Ich ließ ihn zur Ader, gab ihm Medizin und sorgte dafür, daß er stark schwitzte. Am Mittag des nächsten Tages fühlte er sich schon viel besser. Dieser Erfolg freute Shaka, denn dieser Häuptling stand bei ihm in hohem Ansehen.
   Mr. Petersen konnte nicht umhin, meinen Erfolg als Doktor und die sich daraus ergebende Wertschätzung zur Kenntnis zu nehmen. Er brachte eine Schachtel mit Pillen, die, so versicherte er Shaka, gut gegen alle Krankheiten seien; er nötigte ihn, zwei zu versuchen. Shaka forderte Petersen auf, selbst zwei zu nehmen, was er auch tat. Shaka zeigte keine Neigung, sie zu probieren, und als Petersen weiter in ihn drang, ließ er Petersen je zwei an mehrere Häuptlinge verteilen, die sie auch schluckten und meinten, sie schmeckten nach nichts. Mr. Petersen drängte weiter, und nun bestand Shaka darauf, daß Petersen selber noch zwei nähme, damit es die Häuptlinge sähen, die ihn ja die ersten nicht hätten schlucken sehen. Mr. Petersen sträubte sich eine ganze Weile, bis Shaka sagte, Petersen wolle sie Medizin schlucken lassen, die er selber nicht nehmen wolle. Da bekam er es mit der Angst zu tun und schluckte noch zwei.
   Am Nachmittag ging ich zum Fluß, um die großen Herden von Flußpferden zu beobachten. Bei der Rückkehr zum Zelt zum Abendessen konnte ich nicht umhin, das drückende Schweigen zu bemerken, das zwischen Farewell und Petersen herrschte. Den Grund dafür erfuhr ich erst nach dem Essen, als sie mir erzählten, daß sie während meiner Abwesenheit Shaka davon in Kenntnis gesetzt hätten, daß wir am folgenden Tag zum Hafen zurückkehren wollten; er hatte sofort zugestimmt, aber nur unter der Bedingung, daß ich bliebe - davon ließ er sich von ihnen auch nicht abbringen.
   Da das Wort des Königs Gesetz war, war ihnen unbehaglich zumute, bis sie feststellten, daß ich nicht nur willens, sondern daß mir sehr daran gelegen war zu bleiben, um so viel wie möglich von diesem noch unbekannten Land zu sehen. Es wurde deshalb entschieden, daß ich mit dem Kaffer Frederick als meinem Dolmetscher und dem Hottentotten Michael als meinem Diener bei Shaka blieb.
   Beim Abschied vom König am nächsten Morgen überreichte Shaka Farewell und mir je fünf Stoßzähne von Elefanten und vierzig Rinder und versprach, seine Soldaten für uns auf Elefantenjagd zu schicken. Ich begleitete die Herren Farewell und Petersen einige Meilen, kam gegen Sonnenuntergang zu Shaka zurück und verbrachte an diesem Abend mit ihm zwei oder drei Stunden.

Stewart, James/ Malcom, D. McK. (Editors)
The Diary of Henry Francis Fynn
Pietermaritzburg 1950
Kürzung und Übersetzung: U. Keller

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Südafrika 1497 – 1990
Wien 2000

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