Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1803 - Hinrich Lichtenstein
Am Hantamsberg
Northern Cape

Der Fuß des Hantamsberges war das Ziel unsrer heutigen Reise. Die Wohnung des Veldcornets Abraham van Wyk, Akerendam (Eichelndamm) genannt, liegt an der Südseite dieses in mancher Hinsicht merkwürdigen Berges. Er liegt ziemlich isoliert, ist oben völlig platt wie der Tafelberg, dem er von dieser Seite auch in Absicht seiner steilen, völlig unersteiglichen Front gleicht, doch nicht so hoch, denn die Fläche seines Gipfels ist etwa nur 1.500 Fuß über dem Tale erhaben. Was diesen Berg besonders merkwürdig und durch die ganze Kolonie berühmt macht, ist die besondere Zuträglichkeit seiner Weide für Pferde. Sie gedeihen nämlich hier nicht nur ganz besonders, sondern sind auch für immer von der verderblichen Seuche befreit, die in den übrigen Gegenden der Kolonie fast alljährlich so große Verwüstungen anrichtet. Die Ursache dieser Heilsamkeit ist noch nicht hinlänglich ausgemittelt, doch sind die Bewohner des Hantams-Distrikts geneigt, den ersten Grund darin zu finden, daß dieser Berg sich im Winter drei Monate lang mit Schnee bedeckt, indessen selbst die höher gelegenen spitzen Gipfel der benachbarten Berge nur tagelang weiß bleiben. Das umherliegende Land würde fruchtbar genug sein, wenn hier wie im Süden der Kolonie im Winter regelmäßig Regen fiele. Das ist aber nicht der Fall, Wassermangel herrscht überall und besonders an der Süd-und Ostseite des Hantamsberges, ja viele Plätze sind im Sommer der Dürre wegen ganz unbewohnbar. In den kürzeren Wintertagen fangen aber die Quellen zuweilen von selbst wieder an zu fließen, auch ohne daß Regen gefallen ist, eine Folge der geringeren Verdunstung des Wassers und von der Schneeschmelze auf den Gipfeln der Berge. Zu eben dieser Jahreszeit sieht man auf dem Roggevelde die salzigen Quellen und stehenden Wasser unter eben diesen Bedingungen süß werden.
    Korn wird daher im Hantamsdistrikt nicht viel gewonnen, obgleich die Kolonisten jedes Jahr einige Stücke Land bestellen; gibt der Himmel dann Regen, so ist der Ertrag oft ansehnlich. In den meisten Fällen aber wird die Aussaat kaum wiedergewonnen, und das Korn muß aus den benachbarten Distrikten herbeigeschafft werden, wie denn auch die Bewohner des Unter-Bokkefeldes hierher hauptsächlich ihren Überfluß absetzen. Indessen ist die Korn-Consumtion in diesen nördlichen Strichen sehr gering, indem die Fleischnahrung allgemein vorgezogen wird und besonders die Sklaven fast nie Brot zu schmecken bekommen. Das ist überall der Fall, wo, wie hier, gute Schafzucht ist und wo also das Fleisch wohlfeiler zu stehen kommt als Brot. In einer mäßig großen Haushaltung von etwa 20 Köpfen werden täglich 3 bis 4 Schafe, deren eins 36 bis 40 Pfund wiegen mag, geschlachtet, und man rechnet auf jeden Viehhirten wöchentlich ein Schaf, eine Angabe, die ich durch häufige Nachfragen habe bestätigt gefunden. - Man zählte jetzt 25.000 Schafe in diesem Distrikt. Die Dürre des Jahres 1804 hat aber diese Zahl bis auf 20.000 verringert und dadurch besonders geschadet, daß die nahrhaftesten Futterkräuter an vielen Stellen ganz ausgegangen sind und nun durch unnütze Gewächse verdrängt werden. - Die Rindviehzucht ist hier sehr unbedeutend wegen des Mangels an Niederungen und an dem sogenannten Valleygrond, worunter man ein feuchtes, aus Sand und Ton gemischtes Erdreich versteht, welches am besten geschickt ist, die Pflanzen hervorzubringen, die dem Rindvieh dienlich sind.
    Die besten Plätze in diesem Distrikt besitzt Herr Jan van Reenen. Sie liegen an der wasserreicheren Nordwestseite des Hantamsberges und von da nördlich. Auf dem zunächst gelegenen Land, de groote Toorn genannt, unterhält van Reenen eine treffliche Stuterei, die mehr als 300 Zuchtpferde zählt, alle von der besten englischen und arabischen Rasse. Er hat unter andern einen arabischen Hengst, für welchen er 3.000 Taler bezahlt hat. Die Pferde laufen hier Tag und Nacht ohne Wächter im offenen Felde. Von Stallung weiß man nichts, und Pferdediebstähle sind unbekannt. Alle 14 Tage etwa werden die Pferde einmal zusammengetrieben und nachgezählt. Hin und wieder vermißt man wohl einmal ein Füllen, das den Hyänen zur Beute geworden ist, und an vielen Pferden aus diesen Gegenden bemerkt man Spuren, daß sie einmal unter den Klauen wilder Tiere gewesen sind.
    Dieser Platz des Herrn van Reenen macht auch in Absicht seiner Fruchtbarkeit an Korn die einzige Ausnahme von der allgemeinen Regel. Da von dem Hantamsberge nach seiner Seite hin einige nie versiegende Bäche herabrieseln, mit welchen er das bestellte Land beständig bewässern kann, so gewinnt er ohne Mühe soviel Korn, als er zu eigner Consumtion bedarf. Die Ernte bringt in guten Jahren das 40ste bis 50ste Korn. Der Garten liefert Küchengewächse mancher Art, und 600 Pfirsichbäume, deren Früchte getrocknet werden, lassen es nie an einem hinlänglichen Wintervorrat mangeln.
    Van Reenens Schafherde betrug über 1.600 Stück, und da er selbst einer der ersten gewesen war, die die Vorteile der Einführung spanischer Rasse eingesehen hatten, so waren die meisten schon in der fünften Generation spanischer Abkunft und trugen feine Wolle, deren Absatz bereits bedeutenden Gewinn brachte. Die Regierung hat im Jahr 1804 eine Kommission zur Verbesserung des Landbaues und der Viehzucht ernannt, deren Mitglied Herr van Reenen war. Diese Kommission, an deren Spitze der einsichtsvolle Herr van Ryneveld stand, hat nachher durch höchst zweckmäßige Mittel diese Verbesserung der Schafzucht allgemeiner zu machen gesucht, und das ist ihr so vollkommen gelungen, daß bereits binnen wenigen Jahren die glücklichen Folgen davon in den vermehrten Einkünften der Kolonie für ausgeführte Wolle zu spüren sein werden.
    Nächst van Reenens Besitzungen ist der Platz des Veldcornets van Wyk, auf welchem wir uns jetzt befanden, der beste des Distrikts. Doch fehlt es auch hier oft an Wasser. Gegen Südwesten hat man von hier aus eine weite Ebene vor sich, die durch mehrere einzeln stehende, durch sonderbare Gestalten sich auszeichnende Berge in einem Abstand von drei, vier und mehr Stunden begrenzt wird. Am auffallendsten ist unter diesen der Prammeberg (Zitzenberg), dessen Gipfel im Profil gesehen allerdings viel Ähnlichkeit mit einer Frauenbrust hat.
    Die Bewohner dieses Distrikts sind rühriger, gedrungener, weniger fett und träge als die der südlichen Striche, wozu wohl das kältere Clima am meisten beitragen mag. Sie gleichen darin den Bewohnern der auf gleicher Höhe im Osten der Kolonie liegenden Schneeberge, an denen schon andere Reisende jene Vorzüge gerühmt haben. Bald nach unsrer Ankunft erschienen mehrere Familien aus der Nachbarschaft zu Wagen and zu Pferde, die, wie sie selbst bekannten, die Neugierde hertrieb, einmal eine Obrigkeit zu sehen. Zugleich brachten sie allerhand kleine Geschenke an Wild und Erfrischungen, die ebenso anspruchlos und freundlich gegeben als dankbar empfangen wurden. Wir mußten uns abermals wundern, soviel natürliche Bildung, soviel reinliche Wohlhabenheit in der einfachen Kleidertracht, soviel unbefangene Gesprächigkeit, soviel Anstand unter Menschen anzutreffen, die in einer Entfernung von mehr als 60 Meilen von der Hauptstadt, in einem einsamen, dürren, allein zur Viehzucht geschickten Landstrich leben und mehr als zur Hälfte von den rohesten Wilden umgeben sind. Ein Paar rüstige junge Burschen, aus deren Augen Kraft und Zufriedenheit glänzte, ergötzten uns durch angenehme Erzählungen von ihren Jagd- und Reiseabenteuern, die sie höchst launig in dem kurzen, derben afrikanischen Holländisch vortrugen. Es fiel uns hier die Bemerkung auf, daß man aus dem Munde eines Kolonisten nie ein unanständiges Wort, nie einen Fluch, nie eine übertriebene Beteuerung hört. Sie hat sich mir, solange ich unter diesen Menschen gelebt habe, durchaus bestätigt, und ich bin mehr als einmal Zeuge gewesen, daß sie sich mit einem gewissen Zartgefühl und edlem Unwillen über die Rohheit unsrer Dragoner oder anderer Europäer äußerten, wenn solchen im Ärger ein Fluch oder eine Unanständigkeit entschlüpfte. Die allgemein herrschende, hin und wieder fast in Bigotterie ausartende Religiosität der Kolonisten ist wohl die Hauptursache dieses Verdienstes, wie denn überhaupt ihre Abgeschiedenheit von der Welt sie vor der Ansteckung manchen Lasters bewahrt. Was uns die guten Hantammer noch liebenswürdiger machte, war ihre Verträglichkeit und Einigkeit. Dies war nämlich der erste Distrikt, in welchem unser tätiger Chef keine Streitigkeiten zu entscheiden oder beizulegen fand. Das Zwisten und Rechten gehört so ganz zu dem Charakter des Kolonisten, daß es unzertrennlich davon scheint. Gewöhnlich sind es Grenzstreitigkeiten, die sie beschäftigen, und unter zehn nächsten Nachbarn sind gewiß neun Todfeinde. Mit welcher Animosität sie nun aber auch auf ihrem Rechte bestehen, so hört man sie sich nie schimpfen, selbst hinter dem Rücken nicht, viel weniger kommt es je zu groben Tätlichkeiten. Dazu wirkt mit das Vorurteil, daß Schläge einen Freien und Christen entehren. Daß nun in diesem Distrikt zu solchen Zwisten weniger Veranlassung gefunden wird, ist leicht zu erklären, da die Plätze ziemlich weit auseinander liegen und da so wenig Rindvieh gehalten wird, weil über dessen Weide die meisten Streitigkeiten geführt zu werden pflegen.
    Die Hitze des folgenden Tages bewog uns, bis nachmittags an diesem Ort zu bleiben, zumal wir bis zu dem nächsten Platz, wo wir übernachten sollten, nur vier Stunden zu reisen hatten.

Lichtenstein, Hinrich
Reisen im Südlichen Afrika 1803-1806
Berlin 1811; Nachdruck Stuttgart 1967

Abgedruckt in:
Keller, Ulrike (Hg.)
Reisende in Südafrika 1497 – 1990
Wien 2000

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