Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1891 - Selim bin Abakari (Einheimischer Teilnehmer der Wißmannschen Expedition)
Wie man die die deutsche Flagge aufzwingt
Zwischen Njassa- und Tanganjika-See, Tansania

   Wir marschierten sechs Stunden und kochten dann ab. Man sagte uns: „In zwei Stunden können wir bei Zunda sein.“ Um halb zwei Uhr setzten wir unseren Marsch fort. In der Nähe der Stadt war im Busch ein Hügel. Von diesem Hügel aus konnte man die Gegend um die Stadt des Zunda beobachten. Wir hatten uns kaum genähert, als sie uns schon bemerkt hatten. Sie waren auf ihrer Hut und wussten nun, daß die Wasango im Anzuge waren. Alsbald traten sie mit ihrer Fahne heraus und begannen diese zu schwenken als Zeichen des bevorstehenden Kampfes. Die Wasango sagten zu uns: „Jene wünschen Krieg, denn sie zeigen uns ihre Fahne und schießen ihre Flinten vor Kriegslust ab“. Als wir noch näher herangerückt waren, schickten wir unseren Dolmetscher um ihnen zu sagen, daß ein Europäer komme und sie keinen Krieg machen sollten. Sie antworteten: „Warum kommen denn sie viele Wasango mit? Es ist nicht möglich, daß diese Wasango ohne Grund herkommen, sie wollen uns bekriegen.“ Der Bote kehrte zurück und teilte uns mit, daß niemand die Erlaubnis habe die Stadt zu betreten. Darauf wurde der Beludsche Jemadari, der schon 17 Jahre bei Merere lebte, wiederum hingeschickt, um ihnen zu sagen: „Der Europäer will keinen Krieg, er will mit eurem Häuptling sprechen und ihm die deutsche Flagge verleihen, denn ihr seid Untertanen der Deutschen.“ Er ging hin und richtete die Botschaft aus. Der Häuptling erwiderte ihm: „Gut, so mag denn der Europäer allein kommen, aber kein Msango oder ein anderer Mann darf mitkommen.“
   Als der Bote zurückkehrte und uns diese mitteilte, schickte bana [Herr] Bumiller die Wasango weiter zurück mit der Weisung, sich fernab zu halten und nicht an die Stadt heranzukommen. Er nahm 12 Soldaten, den Beludschen und drei Dolmetscher mit sich, von denen zwei Wasango und einer ein Muyika war. Als wir das Tor der Stadt erreichten, fanden wir es verschlossen. Sofort traten zwei Leute heraus, um mit uns zu unterhandeln. Sie sagten zu uns: „Ihr habt keine Erlaubnis zu so vielen zu kommen. Wenn ihr uns euer Anliegen vorbringen wollt, so sei es der Europäer allein mit einem Dolmetscher, aber keiner von ihnen darf Waffen tragen, sie müssen mit leeren Händen kommen.“
   Wir überlegten und merkten, daß sie die Absicht hatten, bana Bumiller in die boma [befestigter Bezirk] zu locken und ihn dann festzunehmen oder zu töten. Bana Bumiller hatte zuerst die Absicht sich hineinzubegeben. Wir baten ihn jedoch und sagten: „Geh nicht allein, wenn du dich hineinwagen willst, musst du dir mindestens 6 Mann mit Gewehren mitnehmen.“ Unsere Worte taten ihre Wirkung, und er ging nicht hinein. Er sagte ihnen. „Ruft mir euren Häuptling hierher, damit wir hier unser shauri (Beratung) erledigen, wenn ihr nicht glauben wollte, dass wir in Frieden hierher gekommen sind.“ Sie riefen ihren Häuptling, der bald mit seinem Vezier erschien. Bana Bumiller sagte zu ihm: „Wir wollen zunächst einen Platz haben, um unser Lager aufzuschlagen, danach wollen wir unsere Geschäfte erledigen.“
   Der Häuptling wies uns einen Platz an ohne Wasser, noch dazu weit von der Stadt gelegen. Wir weigerten uns natürlich an einem so schlechten Platze zu lagern. Vielmehr suchten wir eine schöne Stelle aus, in ihren Pflanzungen gelegen, von wo aus die Stadt zu überschauen war, und errichteten dort unser Lager. Wir sagten ihnen nun: „Unser Herr will, daß ihr Lebensmittel für die Soldaten und Vieh zum Verkauf herbeibringt.“ Sie antworteten: „Wir haben weder Vieh noch Lebensmittel, es herrscht große Armut und Hungersnot in der Stadt.“ Das war samt und sonders gelogen, sie hatten Lebensmittel und auch Vieh, aber sie wollten nichts herausrücken, außer mit Gewalt. Dem Häuptling wurde nun mitgeteilt: „Wenn du uns keine Lebensmittel besorgst und uns kein Vieh verkaufst, so werden wir es mit Gewalt nehmen. Wir wollen euch nicht berauben, es ist besser, du bringst es, damit wir es kaufen können.“ Er erwiderte, er bitte um die Erlaubnis sich mit seinen Leuten erst zu beraten. Bana Bumiller sagte ihm noch: „Wenn du hingehst, so nimm die deutsche Flagge mit und hisse sie auf deiner boma. Wenn eine Karawane von Europäern oder Arabern zu dir kommt, so hisse diese Flagge, dann wird dir kein Leid geschehen. Selbst wenn Merere diese Flagge sieht, lässt er dich in Ruhe.“ Zunda hörte jedoch nicht darauf, sondern sagte: „Ich will erst meine Leute befragen.“ „Gut, so gehe hin und überlege dir mit ihnen die Angelegenheit.“
   Nach Verlauf von einer Stunde schickten wir einen Mann hin, der ihn rufen sollte, damit er uns schnell Antwort gebe, ob er uns Lebensmittel liefern und die Flagge annehmen wolle. Der Bote kam mit Zunda selbst zurück. Er sagte uns: „Die Flagge erkennen wir nicht an.“ Bana Bumiller erwiderte ihm: „Du musst sie anerkennen, denn du stehst unter dieser Flagge.“ Er antwortete: „Nein, ich stehe nur unter meiner Flagge und kenne weder eine europäische noch eine arabische.“ Als das bana Bumiller hörte, befahl er den Soldaten, ihn und den Vezier zu ergreifen und zu fesseln. Sie wurden eingesperrt und einer von den Leuten Zundas weggeschickt mit der Weisung: „Geh schnell aus der Stadt und sage ihnen, wenn sie nicht schleunigst Lebensmittel herbeischafften, würden wir ihren Häuptling und den Vezier töten.“ Der Bote lief zur Stadt, um den Leuten die Nachricht zu überbringen.
   Er kehrte zurück und brachte zwei Ochsen, Mehl, Ziegen und Eier. Sie glaubten, wir würden die Gefangenen nun frei geben, aber wir sagte ihnen: „Sie sind nicht wegen der Lebensmittel festgenommen worden, sondern wegen ihrer dreisten Worte, denn sie haben die deutsche Flagge beschimpft und gesagt, daß sie sie nicht anerkennen wollten. Sagt darum denen, die in der Stadt sind, daß sie sich die deutsche Flagge abzuholen und die Tore zu öffnen haben.“ Darauf schickten sie die Antwort: Wir wollen keine Flagge, sie mögen unsern Häuptling und Vezier nur behalten und mit ihnen machen, was sie wollen. Sterben sie – so sind andere da, aber mit den Wasango wollen wir uns nicht wieder vertragen und die Flagge wollen wir auch nicht anerkennen.“ Jetzt gaben wir ihnen eine letzte Frist und ließen ihnen sagen: „Wenn ihr bis 10 Uhr morgen früh nicht gekommen seid, um die Flagge und Frieden zu erbitten, so werden wir eure Stadt beschießen und in Brand stecken.“
   Wir schliefen und und schickten am nächsten Tage jemanden, der fragen sollte, ob sie nunmehr wollten oder nicht. Er kehrte zurück und sagte uns, daß sie weder Frieden noch Flagge wollten, wir sollten tun, was uns beliebte.
   Als bana Bumiller das hörte, befahl er sofort den Soldaten und die Wasango, die boma anzugreifen. Der Kampf dauerte vier Stunden lang, ohne daß es uns gelang, einzudringen. Wir nahmen nun Äxte, um das Tor einzuschlagen. Als ein Sudanese, der Fahnenträger, zum zweiten Mal zum Hieb auf das Tor ausholte, schoß ihn ein Mann aus der boma nieder. Ein anderer junger Mensch, der die Axt ergriff, um das Tor einzuschlagen, sank gleichfalls getroffen auf den Said Harubu. Eine Anzahl Soldaten versuchten durch den Wassergraben and die boma heran zu kommen. Darauf gossen die Frauen aus dem Innern der boma heißes Wasser auf sie herab. Bana Bumiller befahl nun den Trompeter zu suchen, um das Signal zum Rückzug zu geben. Als ich an dem Tor vorbei wollte, traf ich einen Soldaten, einen Freund, der rief mir zu: „Geh nicht weiter, denn da drinnen ist einer, der jeden aufs Korn nimmt. Wir können ihn nicht sehen, er hat bereits drei Leute erschossen.“ Ich erwiderte ihm: „Ich suche den Trompeter, der zum Rückzug blasen soll.“ Er antwortete: „Hier ist er, ich rufe ihn.“ Er bekam den Befehl zu blasen, worauf alle Soldaten ins Lager zurückkehrten, um zu ruhen. Vier Soldaten waren verwundet und drei gefallen.
   Bana Bumiller schickte sofort einen Eilboten nah Mwenzo, einer Station der Engländer, um bana Wißmann zu bitten, uns mit Soldaten und einer Kanone zu Hilfe zu kommen. Die Entfernung bis nach Mwenzo betrug drei Tage. Jeden Tag versuchten wir die boma zu nehmen, aber es gelang uns nicht einzudringen, denn sie war rund mit Wassergräben umgeben. Wir versuchten alles, aber es mißglückte völlig. Während dieser drei Tage, die wir noch allein waren, schickten wir jedes Mal, wenn wir gekämpft und ermüdet ins Lager zurückgekehrt waren, einen Mann zur boma, um Verpfegung für ihren Häuptling und eine Abgabe für uns zu holen. Das nahmen sie gut auf und schickten das Geforderte, aber das Tor öffnen und die Flagge nehmen – wollten sie nicht.
   Die Wasango legten eine besondere Eigentümlichkeit an den Tag, indem sie Graslasten banden und als Schilde benutzten, denn eine Kugel, die in das Gras einschlägt, hat keine Kraft mehr.
   Als wir am vierten Tage noch keine Nachricht von bana Wißmann hatten, gingen wir wiederum an die Belagerung der boma. Wir legten Feuer an, aber es nützte nichts. Acht Wasango wurden verwundet und ihr Vezier fiel. Als der Sohn Mereres sah, daß sein Vezier von einer Kugel getroffen niedersank, nahm er, sobald wir ins Lager zurückgekehrt waren, hundert von seinen Leuten, um allein die boma zu erstürmen. Aber ihre Kampfesweise war nicht die rechte. Sie schossen schon von weitem ihre Gewehre ab, und als sie an die boma kamen, hatten sie keine Kräfte mehr. Außerdem  hatten sie zu große Angst vor den Geschossen, denn sie hatten schon in unserem Lager die Erde aufgegraben und schliefen in Höhlen, da die Kugeln bis in unser Lager hineinflogen. Bei ihrem Angriff wurden drei Mann verwundet.
   Am fünften Tage schlugen die Leute, welche bei Zunda Psten standen, plötzlich in der Nacht Lärm: „Zunda ist geflohen!“ Man rannte schnell hinterher und ergriff ihn nahe bei seiner boma, aber sein Vezier war entkommen. Als er gefragt wurde, wer ihm die Stricke gelöst habe, sagte er: „Der Zauberer hat sie durch Zauberei gelöst.“ Er wurde natürlich diesmal fester gefesselt.
   Am nächsten Morgen kam bana Fuchs mit einer Kanone und 20 Soldaten. Sofort befahl bana Bumiller wieder zum Angriff vorzugehen. Sie richteten das Geschütz auf die boma und schossen bis um die Mittagszeit. Es nützte nichts und nun wußten wir keinen Rat mehr. Es blieb uns nichts übrig als abermals Eilboten zu schicken, die bana Wißmann selbst herbeirufen sollten.
   Wir hatten vier Tage auf ihn zu warten. Als er kam, brachte er das Maximgeschütz mit. Auch das Schießen damit war ergebnislos. Am Abend kam ihm der gute Gedanke, Steine, Pfeile und Speere zu sammeln und an diese in Petroleum getränkte Holzspäne, Grasbündel oder alte Lappen zu binden, sie anzuzünden, und auf ihre Häuser in der boma zu schleudern und zugleich Raketen loszulassen. In der Nacht verteilten sich die Soldaten rund um die boma herum. Um Mitternacht sollte jeder, sobald er das Trompetensignal hörte, Feuer in die boma werfen. So geschah es auch. Die Eingeborenen ließen ihre Stadt im Stich und rannten davon, ohne daß jemand merkte, wohin sie sich gewandt hatten. Gegen Morgengrauen betraten wir die Stadt, trafen jedoch keinen einzigen Menschen mehr an, nur Feuer, Rinder und Ziegen. Die Eingeborenen hatten sich hier, wie wir sahen, gleichfalls in die Erde eingegraben, damit die Geschosse sie im Schlafe nicht erreichten.
   Nachdem wir den Ort ganz niedergebrannt hatten, zogen wir an demselben Morgen noch weiter nach Mwenzo.

Velten, Carl (Herausgeber und Übersetzer)
Schilderungen der Suaheli von Expeditionen v. Wissmanns, Dr. Bumillers, Graf v. Görtzens und Anderer
Göttingen 1901

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