Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1883 - Joseph Thomson
Bei den Kikuyu

In Ngongo hatten wir die südliche Grenze der Landschaft Kikuju erreicht, deren Einwohner in dem Rufe stehen, die lästigsten und wenigst umgänglichen dieser ganzen Gegend zu sein. Keine Karawane hat bis jetzt in das Innere dieses Landes eindringen können, so dicht sind die Wälder und so mordsüchtig und diebisch seine Bewohner. Sie sind gierig nach Küstenzierat und Tüchern und vereiteln stets ihre Wünsche, weil sie es durchaus nicht lassen können zu stehlen, oder sich den Scherz zu machen, dem Händler einen vergifteten Pfeil in den Leib zu schicken. Sie können sich ungestraft das erlauben, geschützt wie sie sind durch ihre für jedermann ausser ihnen selber undurchdringlichen Wälder. Selten kommt eine Karawane mit ihnen in Berührung, ohne dass der Handel mit Blutvergiessen endet, und obgleich sie in mehr als einem fürchterlichen Blutbade zu Ngongo und sonstwo bittere Lektionen empfangen haben, so sind sie doch immer bereit, mit den Kaufleuten Händel anzufangen.
   Ihr Land hat ungefähr die Gestalt eines Dreiecks mit einer Grundlinie von 65 km, die von Ngongo bis zu der den Naiwascha-See überragenden Hochfläche reicht. Die Länge des grössten Schenkels ist 112 km, und der Scheitelpunkt des Dreiecks endet am südlichen Abhange des Keniaberges. Dieser dreieckige Landstrich liegt gerade südlich vom Äquator und bildet sozusagen eine grosse Welle des Hochlandes von Kapte und seines nördlichen Ausläufers Leikipia. Seine Waldregion liegt in einer Höhe von 1800 - 2700 m; in den höhern Lagen bestehen die Bäume hauptsächlich aus mächtigen Wacholderbäumen und einem andern zapfentragenden Baume, der Conifere Podocarpus. In diesen hochliegenden Gegenden ist Trockenheit unbekannt und überall eine erstaunliche Fruchtbarkeit wahrnehmbar. Bäche sieht man in grosser Zahl und sie vereinigen sich zu dem grossen Wasserlaufe des Kilalumi oder Tanaflusses. Es wachsen dort ungeheure Mengen süsser Kartoffeln, Yams, Cassava, Zuckerrohr, Mais, Hirse u. s. w., und scheint der Vorrat geradezu unerschöpflich zu sein. Auf meiner Rückreise traf ich eine Karawane von über 1500 Mann an, welche einen Monat in Ngongo verweilte und für drei Monate Vorräte mit sich nahm, und doch schien dies keinen merkbaren Einfluss auf die Zufuhr oder eine Erhöhung der lächerlich niedrigen Preise zu haben. Ausserordentlich fette Schafe und Ziegen kommen häufig vor, doch haben sie auch Vieh in beträchtlicher Menge.
   Die Wakikuju sind nach Sprache und Gewohnheiten mit den Wakamba verwandt, obgleich sie bei weitem nicht so gut aussehen. Die jungen Männer und Frauen ahmen die Tracht der Massai etwas verändert nach, obgleich sie durch die an ihrem Körper angebrachten Pomaden von Fett und Lampenruss an die Wateita erinnern. Sie führen einen kurzen Speer, Schild, Streitkeule, Sime, und Pfeil und Bogen. Die Massai haben wiederholt versucht in ihr Land einzudringen, indessen schliesslich eingesehen, dass die Wakikuju ihnen in ihren dichten Wäldern "über" sind. Bei jeder Gelegenheit sind sie geschlagen worden. Aber obgleich sie immer Krieg aufs Messer gegeneinander führen, so besteht, seltsam genug, doch eine Übereinkunft zwischen ihnen, niemals das Weibsvolk gegenseitig zu belästigen. Daher kann man das seltsame Schauspiel geniessen, dass Massaiweiber ungestraft ihren Weg zu einem Dorfe der Kikuju nehmen, während dicht nebenan vielleicht ihre Angehörigen in tödlicher Fehde sich bekämpfen. Desgleichen bringen Wakikujuweiber häufig Korn zu den Kraals der Massai, um Häute dafür einzutauschen.
   Die Hütten der Wakikuju sind von der üblichen Bienenkorb- oder kegelförmigen Gestalt. Es erübrigt noch zu bemerken, dass diese Völkerschaften in jenen bedeutenden Höhen ein anstrengendes Leben führen müssen, weil die Temperatur in der trockenen Jahreszeit von unter dem Gefrierpunkt bis zu 32 Centigrade schwankt, während sie in der unangenehmen Regenzeit zwischen 10° und 35° sich bewegt, und dabei wegen der übermässigen Feuchtigkeit die niedrigem Grade sich kälter, die wärmern sich heisser "anfühlen" als in der trockenen Jahreszeit. Heftige und verheerende Hagelschauer kommen häufig vor; mehr als einmal sind Karawanen von ihnen überfallen und haben, ihnen schutzlos preisgegeben, grosse Verluste dadurch erlitten.
   So sind Land und Leute beschaffen, zu denen wir jetzt in Ngongo gekommen waren, und wir durften keine Zeit verlieren, uns vor den Wakikuju einerseits und den fast ebenso gefürchteten Massai von Kapte andererseits sicherzustellen. Wir wussten, dass diese sich in grosser Zahl östlich von uns in einiger Entfernung aufhielten. Unsere übliche Schutzwehr, die Dornenhecke, wurde für unsere gegenwärtige Lage nicht ausreichend befunden, weil die Pfeile der Wakikuju in der Stille der Nacht am meisten zu fürchten sind. Ein Pfahlzaun von drei Stämmen hintereinander musste angelegt werden. Zu diesem Zweck musste die eine Hälfte der Leute den erforderlichen Graben auswerfen, während die andere mit Gewehr und Axt zum Walde ging. Das dumpfe Fallen der Stämme und das Krachen der Zweige belehrten uns bald darüber, dass die Leute fleissig am Werke waren. Mittlerweile patrouillierten die Soldaten in der Nähe, um nach mordsüchtigen Dieben auszuschauen. In wenigen Tagen hatten wir 20000 qm mit einem Staket umgeben, das durch dicht eingeflochtene Zweige verstärkt war.
   Als dieses wichtige Werk vollendet war, mussten wir mit den Wakikuju in Verbindung zu treten suchen, um Lebensmittel zu kaufen, deren wir um so mehr bedurften, als wir seit beinahe einem Monat auf reine Fleischkost angewiesen waren, welche die Leute ohne alles Salz genossen. Infolge davon stellten sich allerlei Anzeichen von Durchfall ein, von welchem ich selbst keineswegs frei blieb. Es war jedoch nicht leicht, an die Wakikuju zu gelangen. Die grossen Scharen der zu unserm Lager herunterkommenden Massai verhinderten ihre Feinde, sich zu uns zu wagen, obgleich sie anfangs eingewilligt hatten, ihren Markt in einiger Entfernung abzuhalten. Um die Sache noch zu verschlimmern, fand ein Gefecht statt, in welchem mehrere umkamen, und nun wurde es uns bald klar, dass uns nichts anderes übrigblieb, als in den Wald einzudringen.
   Eine starke Abteilung wurde deshalb organisiert, deren Oberbefehl ich übernahm, und dann marschierten wir zu unserm etwas gefährlichen Unternehmen ab - denn wir wussten, dass sie in den Dickungen des Waldes uns völlig gewachsen sein würden. Wir durchwanderten eine der lieblichsten Waldlandschaften, welche ich je das Glück hatte zu sehen. Wege von 3 bis 6 m Breite durchschnitten den Wald nach allen Richtungen. Da dieselben von jedem Busch oder Schlinggewächs frei und mit einer schönen Decke von Kleerasen überzogen waren, so ging es sich sehr angenehm darauf; dazu waren sie von immergrünen Gewächsen, mächtigen Wacholderbäumen und einer Fülle blühender Gebüsche eingefasst, welche die Luft mit herrlichem Duft erfüllten. Alle Augenblicke öffneten sich diese Wege auf einen schönen Park oder eine entzückende Lichtung, belebt von Gruppen von Antilopen und zuweilen von schwarzen Herden von Büffeln. Überall erblickte man Spuren von Elefanten und doch sahen wir keine Tiere. Diese schönen Fußspuren leiteten mich anfangs sehr in die Irre; sie waren so schön regelmässig und breit, dass sie offenbar nicht das Werk der Natur waren. Auf Nachfrage erfuhr ich, dass sie von dem beständigen Eintreten der grossen Massaiherden auf ihren Gängen zwischen den verschiedenen offenen Stellen des Waldes herrührten.
   Nach einem mehrstündigen vorsichtigen Marsche durch die verschlungenen Wege erreichten wir eine Stelle, in deren Nähe wir die Wakikuju vermuten durften. In Erwiderung auf eine donnernde Gewehrsalve sprangen auch plötzlich Hunderte von Eingeborenen uns vor die Augen,
Aus jedem Ginsterstrauch sprang uns zur Seite
Ein schwarzer Krieger, gerüstet zum Streite.
   Offenbar waren sie die ganze Zeit in den Wäldern herumgeschwärmt, hatten unsere Bewegungen bewacht und auf eine Gelegenheit uns anzugreifen gewartet. Jetzt sammelten sie sich rund um uns; da sie aber gefahrdrohend aussahen, so "zeigten wir ihnen die Zähne", worauf sie eilends in gewisse Entfernung zurückwichen. Dann rückten wir bis mitten auf die Lichtung vor und machten unsern Kriegsplan fertig; so viele sollten kaufen, so viele das Gekaufte nach der Centralstation bringen, und über die Hälfte sollte, als für jeden Notfall bereit, als Wache dienen. Verschiedene Gegenstände wurden gestohlen und mehrmals brach panische Flucht unter den Wakikuju aus, aber glücklicherweise ereignete sich kein ernster Zwischenfall und so konnten wir mit allen möglichen guten Sachen beladen nach dem Lager zurückkehren.
   Danach besserten sich die Umstände erheblich. Die Weiber (niemals aber die Männer) kamen oft bis an den Rand des Waldes und gaben von ihrem Überfluss an uns ab. Sie versuchten es jedoch gern, die gedankenlosen Träger in die Tiefen des Waldes zu locken, indem sie den Markt immer weiter landeinwärts abhielten. So eifrig war die Mitbewerbung und so äusserst gedankenlos waren unsere Leute, dass, wenn sie sich selber überlassen worden wären, sie sicherlich soweit sich in den Wald vertieft hätten, bis eine Anzahl von ihnen erschlagen wäre. Ich machte deshalb in Bezug auf meine Leute diesem unvorsichtigen Benehmen rasch und wirksam ein Ende, und Jumba machte es ebenso mit den ihm untergebenen Leuten.
   Als ich am 8. September erfuhr, dass man Elefanten in der Nähe habe trompeten hören, zog ich mit einem kleinen Gefolge verlässlicher Leute aus, um mein Glück auf dieser Art Jagd zu versuchen. Uns ins Innere des Waldes vertiefend folgten wir anfangs einem Elefantenwege mit äusserster Vorsicht, indem wir einander durch Blicke oder Zeichen bedeuteten und nur einen leisen Pfiff zur Erregung der Aufmerksamkeit gestatteten. Das düstere Walddunkel, unsere schleichenden stillen Bewegungen, die Sorgfalt, mit welcher wir die Gesträuche zur Seite bogen, unsere peinliche Empfindlichkeit gegen jedes Geräusch, jeden Anblick, die hochgespannten Nerven und die Gefahr der Jagd überhaupt - alles dies waren gleich starke Quellen der Aufregung und unwiderstehlichen Zaubers. Wir bewegten uns auf diese Art wohl eine halbe Stunde vorwärts, als wir durch ein ganz besonderes Geräusch in unserer unmittelbaren Nähe elektrisiert wurden. Wir standen still wie Bildsäulen, mit angehaltenem Atem, die Hand zur Warnung erhoben und den Kopf nach der Richtung des Schalles drehend, und dann tauschten wir Blicke aus, in denen, auch ohne "Gedankenleser" zu sein, jeder das Wort "Tembo" (Elefant) erraten hätte. Gleichzeitig verdoppelten wir unsere Vorsicht, überblickten unsere Gewehre, und brachten alles in Ordnung für den bevorstehenden Kampf. Wir konnten nicht einen Schritt vor uns sehen und mussten uns auf den Schall verlassen, dass er uns die Richtung nach dem Wilde und dessen Nähe anzeige. Augenscheinlich waren wir nahe heran, aber der Ton erstarb, und wir strengten unsere Aufmerksamkeit aufs höchste an, irgendwelche fernern Anzeichen von der Stellung des Elefanten zu erhalten. Dann sanken wir auf Hände und Knie und krochen vorwärts, strahlenden Auges in die Dunkelheit uns einbohrend und dann wieder haltend, damit das Wild womöglich stehen bliebe. Wiederum schlug der seltsame Ton an unser Ohr und schien auch ganz nahe, aber wir hörten merkwürdigerweise keine Zweige knacken noch Gebüsch beiseite biegen. Das Warten wurde geradezu tödlich und kaum wussten wir, was zu tun sei. Ängstlich und verlegen sahen wir nacheinander hin, und gingen nach einigen pantomimischen Gebärden und Gesichterschneiden vorwärts. Zoll um Zoll näherten wir uns dem vermuteten Elefanten. Noch einmal wiederholte sich der verwirrende Ton, diesmal nur wenige Fuss vor uns, und doch fehlte jedes weitere Anzeichen, dass das Tier uns so nahe sei. Wir stierten durch jeden Busch, horchten mit neuem Eifer, aber hörten nur die wilden Schläge unserer Herzen, während grosse Schweisstropfen uns über die Backen und in die Augen rannen. Plötzlich hörten wir ein fürchterliches Knurren, dass das Herz uns in der Brust stockte und im nächsten Augenblick sprang nicht ein Elefant sondern so ein verwünschter Leopard uns fast unter der Nase auf. Mit widerwilligem Ausruf, aber zugleich mit dem Gefühl, von einer unerträglichen Spannung erlöst zu sein, sprangen wir auf unsere Füsse, aber doch zu spät, um noch etwas von der grossen Katze zu sehen, welche im Gebüsch verschwand.
   Etwas beschämt darüber, so "reingefallen" zu sein, nahmen wir unsere Jagd wieder auf. Wir waren noch nicht weit gekommen, als wir alle erschreckt und angeregt wurden durch ein fürchterliches Krachen, als ob eine ganze Herde Elefanten auf uns zukäme. Meine tapfern Begleiter flohen hinter Bäume oder versuchten sie zu erklettern, während ich in dem widerhallenden Forst dastand, verwirrt und kaum wissend, nach welcher Richtung ich den furchtbaren Feind suchen sollte. In demselben Augenblick brach ein grosses Rhinoceros aus den nächsten Büschen hervor und verschwand wieder, bevor ich Feuer geben konnte; aus seinen Nasenlöchern blies es mit ganz ungewöhnlichem Pusten Luft aus, sodass es wirklich grosse Ähnlichkeit mit einer keuchenden Dampfmaschine hatte. Wir gingen ihm nach, aber obwohl wir viele frische Spuren entdeckten, so konnten wir doch keinen einzigen Elefanten zu Gesicht bekommen und mussten niedergeschlagen zum Lager zurückkehren.
   Das Geschäft entwickelte sich immer besser in Ngongo. Lebensmittel wurden von den Wakikuju reichlich herzugebracht, während die Massai täglich ins Lager kamen mit Rindern, Eseln, Ziegen und Schafen, und uns die Langeweile fernhielten durch ihre beständigen Versuche zu stehlen, ihr Singen, Tanzen und die militärischen Manöver, wenn sie Hongo forderten; dazwischen brach ihr halb wildes Rindvieh beständig aus, rannte wie toll durch das in völligen Aufruhr versetzte Lager, oder stürmte ins Freie und veranlasste dann eine förmliche Jagd, auf welcher es schliesslich totgeschossen wurde. Bei diesen Jagden zeichnete sich besonders Makatubu durch seine Flinkheit und Tapferkeit mit seinem Armeerevolver ans, welcher ununterbrochen der Gegenstand der Bewunderung für die Küstenhändler war - weil ihnen der Revolver ein harmloses Spielzeug zu sein schien.
   Einer meiner Leute, welcher bei Turuku auf höchst geheimnisvolle Weise verschwunden war, wurde uns von einem El-Moru (älterer oder verheirateter Mann) der Massai zurückgebracht, der ihn davor bewahrt hatte, vom Speer eines Moran gespiesst zu werden. Der Krieger hatte den armen Schelm gefunden und ihn, wie üblich, erstechen wollen. Ein Mann namens Kilimali starb hier an der Dysenterie; dies war der vierte Tote in meiner Abteilung der Karawane. Die Suaheli-Elefantenjäger schossen während unseres hiesigen Aufenthalts zwei Elefanten; ich konnte nicht einmal einen aufspüren, obwohl ich noch zweimal auszog, um mein Glück zu versuchen.
   Im ganzen war jedoch unser Leben zu Ngongo ein recht angenehmes. Die Aussicht war entzückend, die Zwischenfälle und Lagerbilder höchst lebendiger Art und in unserm umpfählten Raume fühlten wir uns gleich sicher vor den Wakikuju wie vor den Massai. Unterhaltungen mit der bessern Klasse der Händler füllten die müssigen Stunden aus und die Abende widmete ich der Lektüre eines Lieblingsdichters oder astronomischen Beobachtungen. Die Tage waren freilich recht heiss, da die Wärme gewöhnlich 32 Centigrade überstieg, wenn sie auch durch angenehme Winde gemässigt wurde. Die Nächte waren dann aber von köstlicher Kühle und 4-5° war keine ungewöhnliche Temperatur kurz vor Sonnenaufgang. Einmal sank das Thermometer sogar bis unter den Gefrierpunkt und durchlief an diesem Tage 27 Centigrade.

Thomson, Joseph
Durch Massai-Land - Forschungsreise in Ostafrika
Leipzig 1885

Reiseliteratur weltweit - Geschichten rund um den Globus. Erlebtes und Überliefertes aus allen Teilen der Welt. Entdecker – Forscher – Abenteurer. Augenzeugenberichte aus drei Jahrtausenden. Die Sammlung wird laufend erweitert – Lesen Sie mal wieder rein!