Reiseliteratur weltweit

Geschichten rund um den Globus

1862 - John Henning Speke
Hier beginnt der Nil!
Viktoriasee bei Jinja, Uganda

Hier stand ich endlich am Rande des Nil; die Szene war äußerst schön, nichts konnte sie übertreffen. Ein prächtiger, breiter Strom, mit Inseln und Felsen bedeckt. Auf den Inseln standen kleine Fischerhütten, auf den Felsen lagen Kähne und Krokodile, die sich in der Sonne lechzten. Ein Strom, der zwischen schönen hohen Grasufern dahinfloß, mit reichen Bäumen und Bananenstauden im Hintergrund, wo Herden von Rindern und Hartebeests grasend gesehen wurden, während Nilpferde im Wasser schnarchten und Florikane und Perlhühner zu unseren Füßen aufstiegen. Aber Schwierigkeiten aller Art dämpften bald unsere freudige Erregung, besonders schwer war es, die nötigen Boote für die Weiterreise zusammenzubekommen. Wir standen nun Usoga gegenüber, einem Lande, das man den wahren Gegensatz zu Uganda mit seinem Reichtum und seiner Schönheit nennen konnte. Hier brauchten die Leute solch kolossale eisenspitzige Speere mit kurzen Griffen, daß meine Leute meinten, sie paßten besser zum Kartoffelgraben als zum Spießen von Menschen. Elefanten waren sehr zahlreich, das hatten wir aus den Verwüstungen während der letzten beiden Märsche gesehen. Auch Löwen sollen sehr häufig auftauchen und viele Menschen anfallen. Nilpferde haben wir seltener gesehen.
    Unser Weg führte uns nun am linken Ufer des Nil entlang aufwärts zu den Isamba-Stromschnellen. Hier empfing uns Nago, ein alter Häuptling, erfrischte uns zuerst mit einem Gericht Bananenmus, getrockneten Fischen und Pombe (Bier), dann erzählte er, daß ihn oft Elefanten bedrohten, er halte sie aber eifrigst durch Zauber entfernt; denn wenn es ihnen gelänge, eine Banane zu kosten, so würden sie die Gärten nicht eher verlassen, als bis diese ausgeleert wären. Er nahm uns dann mit, um die nächsten Nilfälle zu sehen, wunderschön, aber sehr eng beschränkt. Das Wasser floß tief zwischen den Ufern, die mit schönem Gras und weichen wolkigen Akazien bedeckt waren. Hie und da, wo oberhalb der Stromschnellen das Land abgerutscht war, sah man nackte Flecken roter Erde. Auch sah hier das von einem natürlichen Damm aufgestaute Wasser wie ein großer Mühlenteich aus, traurig und dunkel, in dem zwei Krokodile herumschwimmend nach Beute auslugten. Von den hohen Ufern blickten wir auf eine Reihe absinkender bewaldeter Inseln quer über den Strom hinüber, die seine Wasser teilten und dadurch den Damm und die Stromschnellen bilden halfen. Das Ganze war wilder, märchenhafter, romantischer als irgend etwas, was ich je — ich muß gestehen, daß meine Gedanken diese Form annahmen — außerhalb eines Theaters gesehen habe. Es war in der Tat genau der Ort, wo sich in einer Mondscheinnacht Räuber versammeln würden, um irgendeine schauerliche Tragödie aufzuführen. Selbst die Waguana schienen von der neuen Schönheit der Ansicht wie verzaubert, und keiner dachte daran, sich zu rühren, bis der Hunger uns erinnerte, daß der Abend einbreche und es besser sei, uns nach den Wohnungen umzusehen.
    Der Marsch wurde wieder begonnen, aber bald zu einem Stillstand gebracht, durch die böswilligen Ausflüchte unseres Führers, der vorgab, es sei zu spät am Tage, um die vor uns liegenden Wälder noch zu durchqueren. Unter dem Vorwand von Geschäften verließ er uns plötzlich, verschwand und wurde nie wieder gesehen.
    Der nächste Tag brachte einen langen und beschwerlichen Marsch durch hohes Gras und Wälder. Wir erreichten jetzt einen Distrikt, den ich nicht anders beschreiben kann, als daß ich ihn „Kirchenstaat" nenne. Er ist in einer geheimnisvollen Weise dem Lubari (Allmächtigen) geweiht, und obschon der König eine Autorität über einige Bewohner zu haben scheint, so hatten doch andere anscheinend einen geheiligten Charakter, der sie der Zivilgewalt entrückte. In diesem Gebiet lagen nun an jeder 5. Meile kleine Dörfer, eine Straße gab es nicht, und das Land stieg wieder hoch an. Wären meine Leute nicht unter Kontrolle gewesen, so hätten wir uns hier nicht niederlassen können. Da ich aber dafür verantwortlich war, daß keine Diebereien stattfänden, gaben die Leute freundlich zu, uns mit Wohnung, Essen und Trinken zu versorgen. Ein ältlicher, halb blödsinniger Mann — man sagte, der König habe ihn von Sinnen gebracht, indem er sein Haus und seine Familie in Beschlag nahm — kam auf die Nachricht von unserer Ankunft zu mir, lachte und sang in einer lockeren leichtfertigen Art, brachte kuriose Stäbe und Muscheln, die er vor mir niederlegte, tanzte und sang wieder. Dann zog er sich zurück und kam wieder mit einigen Bananen aus dem Garten, die ich essen sollte. Er war ein genaues schwarzes Exemplar eines englischen Kirchspielnarren. Am 28. ging es endlich mit einem guten Ruck vorwärts. Wir überschritten Berge, durchzogen große Grasflächen und ausgedehnte, von Elefanten verwüstete Dorfpflanzungen. Die Tiere hatten alles Eßbare gefressen und was nicht als Nahrung dienen konnte, hatten sie mit Rüsseln zerstört, so daß nicht eine Bananenstaude und eine Hütte ganz geblieben waren. So kamen wir endlich am äußersten Ende unserer Reise an.
    Wir wurden gut belohnt, denn die „Steine", wie die Eingeborenen die Fälle des Nil nannten, wo er den Victoriasee verläßt, waren weitaus der interessanteste Anblick, den ich in Afrika gesehen habe. Alle miteinander rannten sofort hin, sie zu sehen, obgleich der Marsch lang und ermüdend gewesen war, und selbst mein Skizzenstuhl kam in Tätigkeit. Obgleich sehr schön, so war die Szene doch nicht so, wie ich erwartet hatte; denn die breite Fläche des Victoriasees war durch einen Bergausläufer von der Ansicht ausgeschlossen, und die ungefähr 12 Fuß hohen und 400 bis 500 Fuß breiten Fälle waren durch Felsen gebrochen. Doch war es ein Anblick, der stundenlang fesseln konnte: das Getöse des Wassers, die Tausende von wandernden Fischen, die mit aller Gewalt aus den Fällen heraussprangen; die Wasoga- und Waganda-Fischer, die mit Booten herauskamen und sich auf den Felsen mit Ruten und Haken postierten; die Krokodile und Nilpferde, die schläfrig auf dem Wasser lagen; die Fähre, die oberhalb der Fälle im Gange war; Rinder, die zum Tränken an den Rand des Sees getrieben wurden: dies alles zusammen mit dem hübschen Rahmen des Landes — kleinere mit Gras gegipfelte Hügel und Bäume in den Einsenkungen und Gärten an den untern Abhängen — machte das Bild zu einem so interessanten, wie man nur zu sehen wünschen konnte. Der Zweck meiner Expedition war nun erreicht. Ich sah, daß der alte Vater Nil ohne Zweifel in dem Victoriasee entspringe und daß, wie ich vorhergesagt hatte, jener See die große Quelle des heiligen Flusses war, welcher die Wiege des ersten Verkünders unseres Glaubens trug. Ich trauerte indessen, wenn ich daran dachte, wieviel ich dadurch verloren, daß die Aufenthalte auf der Reise mich des Vergnügens beraubten, nach der nordöstlichen Ecke des Sees zu gehen, um zu sehen, welche Verbindung dort durch die so oft erwähnte Straße zwischen ihm und dem anderen See existierte. Ich fühlte aber, daß ich damit zufrieden sein sollte, was mir zu erreichen möglich geworden war. Ich hatte eine Hälfte des Sees gesehen und über die andere Erkundigungen eingezogen, aus denen ich alles erfuhr, was von geographischer Wichtigkeit sein konnte.
    Ich taufte nun die „Steine“ Ripon-Fälle nach dem Edelmann, der Präsident der „Royal Geographical Society" war, als meine Expedition ausgerüstet wurde, und den Seearm, aus dem der Nil entspringt, Napoleon-Kanal, als Beweis meiner Achtung vor der Pariser Geographischen Gesellschaft, die mir, kurz bevor ich England verlassen, für die Entdeckung des Victoriasees auf meiner ersten Reise die goldene Medaille zuerkannt hatte.
    [Die Fälle liegen jetzt unter dem Wasserspiegel des Sees.]

Speke, John Henning
Die Entdeckung der Nilquellen
Teil 2, Leipzig 1864

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